Schalke-Fans beim Heimspiel gegen Ingolstadt: Nach dem Abstieg muss auch Zuschauer-Selbstläufer Schalke das Publikum erst wieder zurückgewinnen. © Tim Rehbein/RHR-FOTO
Schalke 04 / Kommentar

Schalke-Arena nur halbvoll – das ist noch lange kein Grund zur Panik

26.546 Zuschauer wurden beim Spiel gegen Ingolstadt gezählt. 54.000 Zuschauer wären möglich gewesen - theoretisch. Es gibt gute Gründe dafür, dass die Arena am Sonntag „nur“ halbvoll war.

Auf Schalke, so die Legende, braucht nur das Flutlicht anzugehen, und schon ist die Hütte voll. Ein netter Gedanke, aber irgendwie auch eine Mär, die zumindest nie ganz wörtlich zu nehmen war. Denn tatsächlich gab es gerade in Parkstadion-Zeiten zahlreiche Spiele, bei denen die Zuschauerzahl irgendwo zwischen 10.000 und 20.000 pendelte – und das bei einem Fassungsvermögen von 70.000!

Trotzdem: Seit der Eröffnung der Arena im August 2001 hatte sich Schalke an andere Zahlen gewöhnt. Die Hütte war im Prinzip immer voll, wenn Schalke ein Heimspiel hatte. Blieb die Zuschauerzahl auch nur um ein paar hundert unter „ausverkauft“, wurde gleich kritisch hinterfragt, ob der Arena-Zauber nun so langsam nachgelassen hat. Dann kam Corona, stellte alles auf den Kopf – und zwang selbst den bis dahin verlässlich von Umsatzrekord zu Umsatzrekord eilenden Riesen Profifußball zur Demut.

„Grünes Licht“ kam spät

Von der ist mittlerweile zwar nur noch wenig zu spüren, aber Corona hat deutliche Spuren hinterlassen. Auch und gerade auf Schalke. Spuren, die sich so plötzlich nicht beseitigen lassen. Was sich deutlich zeigte, als die Stadiontore sich so nach und nach wieder öffneten. Denn der ganz große Andrang, der nach der langen Live-Abstinenz in der Arena möglicherweise zu erwarten gewesen wäre, fand schlicht und ergreifend nicht statt. Was sich alleine schon daran zeigte, dass Schalke die zur Verfügung stehenden Karten über eine Direktnachfrage anbot, nachdem die Zuteilung vorher über vier „Töpfe“ lief – im ersten waren Dauerkarten-Inhaber, die gleichzeitig Vereinsmitglied sind.

Gegen Ingolstadt wären nun theoretisch 54.000 Zuschauer möglich gewesen, gekommen sind etwas mehr als 26.000. Hat das Publikum etwa das Interesse an Schalke verloren? Diese Spekulation wäre nicht seriös, für Panik gibt es noch keinen Grund. Denn aus 04 Gründen konnte das Ingolstadt-Spiel in dieser Hinsicht kein Maßstab sein.

Fremdeln mit dem Termin

1. Das „grüne Licht“ für die Erweiterung der Zuschauerkapazität kam erst am Donnerstag vor dem Spiel. Dass Schalke alleine schon aus organisatorischen Gründen innerhalb kurzer Zeit nicht von 25.000 auf 54.000 würde aufstocken können, musste jedem einleuchten. Es war aber auch nicht ganz klar, wie viele Zuschauer Schalke tatsächlich ins Stadion lassen würde, selbst wenn die Nachfrage größer gewesen wäre. Das wird den einen oder anderen Intereressenten verunsichert haben – dem Verein indes wird aufgrund der vorher stattgefundenen Nachfrage schon früh klar gewesen sein, dass die Zeit für ein fast volles Haus ohnehin noch nicht reif war.

2. Mit dem Termin am Sonntagmittag, Anstoß 13.30 Uhr, fremdeln viele S04-Fans nach wie vor. Wem die klassische Bundesliga-Anstoßzeit am Samstag um 15.30 Uhr heilig ist, der kann mit dem Sonntagmittag schon mal gar nichts anfangen. Zumal das Wetter am Sonntag nicht unbedingt zum Stadionbesuch einlud…

Noch immer Verunsicherung

3. Corona sorgt noch immer für Verunsicherung. Ist es klug, in ein einigermaßen gut gefülltes Fußball-Stadion zu gehen, wo immer noch vor neuen Pandemie-Wellen gewarnt wird? Schalke ist ja schließlich nicht der einzige Verein, der derzeit trotz aller Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen Mühe hat, das Publikum wieder ins Stadion zu locken.

4. Aber diese Hypothek hat besonders Schalke: Viele S04-Fans sind noch immer traumatisiert von der letzten Saison. Der Klub kommt, wenn man diesen Begriff dafür einfach mal verwenden darf, aus einer tiefen Depression. Vielen Fans geht das nicht anders – auch der vermeintliche Zuschauer-Selbstläufer Schalke muss erst einmal wieder gute Argumente für ein ausverkauftes Stadion liefern – gerade in der Zweiten Liga. Denn bei aller Lobhudelei für die angeblich „stärkste Zweite Liga aller Zeiten“ – es ist die Zweite Liga. Punkt.

Nach Dresden-Spiel schlauer

Die Mannschaft ist auf einem guten Weg, das Publikum zurück zu gewinnen. Aber noch wollen viele potenzielle Zuschauer erst noch davon überzeugt werden, dass sich der Stadionbesuch wieder lohnt. Insofern waren die 26.546 Zuschauer eine zwar auf den ersten Blick enttäuschende, aber insgesamt vielleicht doch ganz respektable Anzahl an Besuchern.

Konkretere Hinweise, ob das prinzipiell treue Schalker Publikum auch bei der erlaubten Kapazität von 54.000 wieder für eine „volle Hütte“ sorgt, kann es erst beim nächsten Heimspiel gegen Dresden geben. Denn wurden die ca. 40.000 Dauerkarten-Inhaber angeschrieben und möglicherweise auch mobilisiert – und dann kann (und sollte) das Bild schon ganz anders aussehen. Aber auch Schalke muss sich zunächst einmal damit abfinden, dass Corona die Erkenntnis brachte, dass das Leben auch ohne Stadionbesuch irgendwie weitergeht. Nur das Flutlicht anzuknipsen reichte nie und wird nun erst recht nicht mehr reichen. Zumal das Sonntagsmittags ohnehin pure Energieverschwendung wäre.

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