04 Stationen des Schalker Niedergangs

Schalke 04

Wie konnte es nur dazu kommen? Zehn Spieltage vor dem Saisonende muss sich der FC Schalke 04 erstmals nach vielen Jahren Sorgen um den Klassenerhalt machen. Wir nennen 04 Gründe.

Gelsenkirchen

, 06.03.2019 / Lesedauer: 4 min
04 Stationen des Schalker Niedergangs

Auch Salif Sané (l.) und Nabil Bentaleb sind im Formtief. © dpa

Vor dem Start in die neue Spielzeit herrschte auf Schalke großer Optimismus, an die Vizemeistersaison anknüpfen zu können. Doch die Realität sieht nach 24 Spieltagen ganz anders aus. Im Rückblick fallen vier Stationen ins Auge, die Schalkes sportlichen Niedergang beschleunigt haben.

Das Verletzungspech: Es waren zwar nicht viele Spieler, die den Königsblauen beim Saisonstart fehlten. Doch diejenigen, die nicht dabei waren, sind für das Schalker Mannschaftsgefüge und die Struktur im Spiel besonders wichtig.

Da ist zum einen Bastian Oczipka zu nennen. Der Linksverteidiger wähnte seine Leistenbeschwerden in der Sommerpause auskuriert zu haben. Doch dies erwies sich als Fehleinschätzung. Schon nach der ersten Trainingseinheit hatte der Ex-Frankfurter wieder so starke Beschwerden, dass er sich zu einer Operation entschloss.

Stambouli fehlt als Stabilisator

Für Schalke ist sein Ausfall im Nachhinein durchaus als schwerwiegend zu bezeichnen. Denn wenn Trainer Domenico Tedesco nicht auf eine Dreierkette (Salif Sané, Naldo, Matija Nastasic) vertraute, ließ er links meistens Abdul Rahman Baba oder Hamza Mendyl spielen, die jedoch nicht ansatzweise das solide Leistungsvermögen von Oczipka hatten, der erst am 24. November im Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg (5:2) sein Bundesliga-Comeback feiern konnte. Zu diesem Zeitpunkt war Schalke schon längst im Bundesliga-Mittelmaß angelangt.

Ähnlich gravierend war für die Königsblauen der Ausfall von Benjamin Stambouli. Drei Tage vor dem Bundesligastart in Wolfsburg zog sich der Franzose eine Syndesmoseverletzung zu, sodass er mehr als zwei Monate ausfiel. Das war bitter für die Blau-Weißen, weil Stambouli als Vielzweckwaffe in der Abwehr oder im defensiven Mittelfeld eine feste Größe für Trainer Tedesco war.

Der Bundesliga-Fehlstart: Wie schon unter Tedesco-Vorgänger Markus Weinzierl leistete sich Schalke nun noch einmal den „Luxus“, die Saison mit fünf Niederlagen in Folge zu beginnen. „Das hätte ich nicht für möglich gehalten, dass uns so etwas noch einmal passiert“, musste der mittlerweile zurückgetretene Sportvorstand Christian Heidel einräumen. An dieser Hypothek tragen die Königsblauen bis heute.

Nur in Pokalwettbewerben im Soll

Die Absicht von Tedesco, seine Mannschaft spielerisch weiterzuentwickeln, konnte er nicht in die Tat umsetzen. Der junge Trainer entschied, erst einmal einen Schritt zurück zu gehen und auf das abwartende Spielsystem zu vertrauen. Doch auch dieses Vorhaben klappte nur ungenügend. Tedesco probierte mit verschiedenen Spielern viel aus, aber der Ertrag war bescheiden. Eine Spielidee war nicht zu erkennen. Nur in den Pokalwettbewerben blieb Schalke lange Zeit im Soll. In der Champions League ist nach der 2:3-Heimniederlage gegen Manchester City das Aus im Achtelfinale nun aber sehr wahrscheinlich.

Fehlende Disziplin: Dass sich einige Schalker Spieler in Porto nach erfolgreicher Gruppenphase in der Königsklasse als „Nachtschwärmer“ betätigten, wirft kein gutes Bild auf die gesamte Mannschaft. Einige Journalisten sahen mit eigenen Augen, wie die Schalker Kabine nach dem 2:0-Bundesligasieg in Düsseldorf aussah – es war zum Fremdschämen.

Ist Tedesco noch stark genug?


Tedesco reagierte und ließ Amine Harit zum Beispiel zu Hause, als das Winter-Trainingslager absolviert wurde. Aber auch solche Maßnahmen sind offenbar ohne Wirkung geblieben. Es gibt in dieser Mannschaft offenbar keine Führungsspieler mehr, deren Worte Gewicht haben. Die Autorität von Tedesco ist erheblich angekratzt. Die Aufstellung für das richtungweisende Spiel in Bremen wird zeigen, ob der Schalker Trainer noch in der Lage ist, Zeichen nach innen und nach außen zu setzen.

Schwache Transferpolitik: Das wohl größte Manko war die Zusammenstellung des Kaders. Obwohl viele Experten Manager Heidel vor der Saison für seine Transfers lobten, geriet die Realität zur großen Ernüchterung, je länger die Saison dauerte. Sebastian Rudy? Ein Nationalspieler, der bisher kein einziges überzeugendes Spiel ablieferte. Hamza Mendyl? Ein Linksverteidiger, der nur bei den eigenen Mitspielern Angst und Schrecken verbreitete. Suat Serdar? Ein U21-Nationalspieler, der auf Schalke einen Karriereknick erlebte.

Viel Arbeit für Jochen Schneider


Und so weiter, und so weiter. Der neue Sportvorstand Jochen Schneider wird in den nächsten Wochen und Monaten sehr viel Arbeit haben, um einen besseren Kader zusammenzustellen. Es fehlt an vielen Dingen. Auch an einer klaren Hierarchie innerhalb der Mannschaft. Naldo ziehen zu lassen und keinen adäquaten Ersatz in der Hinterhand zu haben, war einer der größten Fehler von Heidel.



Die Grüppchenbildung, die sich nach und nach entwickelt hat, ist für eine Mannschaftssportart wie Fußball ein schleichendes Gift, das nachhaltige Erfolge so gut wie unmöglich macht. In Bremen müssen die Schalker Spieler jetzt beweisen, dass sie die Saison wenigstens mit Anstand zu Ende spielen wollen. Alibis gibt es angesichts der desolaten Leistungen der vergangenen Wochen und Monate keine mehr. Allein der Blick auf die Tabelle sollte reichen, um wenigstens mehr Leidenschaft auf dem Platz zu zeigen. Mehr wird von den Fans kaum noch erwartet.

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