Aogo: "Wir stehen da, wo wir hingehören"

Schalkes Linksverteidiger im Interview

Bleibt der FC Schalke 04 in Tuchfühlung zu den Europapokalplätzen oder fällt er ins Tabellenmittelfeld zurück? Vor dem Klassiker gegen den FC Bayern München (Sa. 18.30 Uhr) spricht Dennis Aogo über mulmige Gefühle, Druck von außen und die Bayern-Dominanz.

GELSENKIRCHEN

19.11.2015, 05:05 Uhr / Lesedauer: 3 min
Aogo: "Wir stehen da, wo wir hingehören"

Dennis Aogo im Interview über mulmige Gefühle, Druck von außen und die Bayern-Dominanz.

Vergangene Woche waren Sie nicht auf dem Trainingsplatz zu sehen. Wo waren Sie?

Ich hatte seit längerer Zeit Achillessehnenprobleme. Jetzt - während der Länderspielwoche - war ein günstiger Zeitpunkt, im Training etwas kürzerzutreten und das ganz auszukurieren.

Das gilt nicht für Schalkes Top-Talente wie Sané, Meyer oder Goretzka. Befürchten Sie, dass die Schalker Youngster bald auf dem Zahnfleisch gehen?

Jeder Spieler ist anders. Ich zum Beispiel mag es, wenn viele Spiele in einem bestimmten Rhythmus stattfinden. Junge Spieler sind sicher noch belastbarer als ältere. Richtig ist aber auch, dass auch für sie Pausen wichtig sind. Als Trainer ist es jedoch nicht immer einfach zu entscheiden, wann ein Spieler eine Auszeit braucht. Von selbst kommt nämlich keiner zum Trainer und bittet um eine Pause. Jeder will eigentlich immer spielen, da sind wir alle Fußballverrückt.

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Ist die Grenze der Belastbarkeit für diejenigen Spieler erreicht, die neben Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League bzw. Europa League auch noch in Nationalteams aktiv sind?

Man muss den größten Respekt haben vor Spielern wie zum Beispiel Lahm oder Schweinsteiger, die solch ein Programm Jahr für Jahr durchziehen können. Ich habe das während meiner Nationalmannschaftszeit auch mal geschafft und ich muss sagen, dass es am Ende sehr, sehr hart war, körperlich und mental.

Achten Sie mehr auf ihren Körper als früher?

Nach einer großen Verletzung (Kreuzbandriss, die Red.) wie bei mir vor zwei Jahren, musst du deinen Körper viel mehr pflegen und auf die Regeneration achten. Man lernt schon, was man machen muss, um in der Spur zu bleiben.

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Laufen Sie am Samstag mit einem doppelt mulmigen Gefühl auf? Einmal wegen der Terroranschläge in Paris, und einmal, weil es gegen die Bayern geht?

(überlegt lange) Zweimal ein klares Nein.

Warum nicht?

Zunächst zu Paris. Was dort passiert ist, war eine große Tragödie. Wenn auch noch etwas im Stadion passiert wäre, hätte das aus meiner Sicht auf längere Zeit auch den Fußball verändert. Das Gefühl als Fan und als Spieler wäre ein anderes gewesen. Deshalb bin ich sehr froh, dass neben den ganzen schrecklichen Ereignissen an den anderen Schauplätzen nicht auch noch im Stadion etwas passiert ist. Jetzt gilt es, sich nicht verrückt machen zu lassen. Denn die Terroristen wollen Ängste schüren. Das darf ihnen nicht gelingen.

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Hans-Joachim Watzke, BVB-Geschäftsführer: "Wir müssen ein Stück weit mutig sein. Wir werden aber auch unsere Hausaufgaben machen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Wir haben auch bereits einiges in die Wege geleitet. Ich bin mir auch sicher, dass die Zuschauer sensibilisiert sind. Es darf in nächster Zeit kein Böller gezündet werden, damit keine Panik ausbricht."© Foto: dpa
Reinhard Rauball, Ligapräsident: "Der Spieltag wird stattfinden."© Foto: dpa
Der Hamburger SV spielt am Freitagabend gegen Borussia Dortmund. Foto: Angelika Warmuth© Foto: dpa
Rainer Koch, kommissarischer DFB-Präsident: "Wir müssen jetzt entsprechend besonnen damit umgehen und einfach wachsam sein und auch die Sicherheitsvorkehrungen entsprechend für zukünftige Veranstaltungen kritisch überprüfen und gegebenenfalls auch erhöhen, wo notwendig."© Foto: dpa
Heribert Bruchhagen, Eintracht Frankfurts Vorstandschef: „Unser Ziel ist, dass wir am Samstag unbedingt spielen. Aber wir können nicht sagen: Das Spiel findet ohne Wenn und Aber statt. Das steht uns als Verein nicht zu. Wir werden uns überlegen, was wir an zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen treffen und was wir ganz grundsätzlich tun können, um unser Ziel auch durchzusetzen.“© Foto: dpa
Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag: "Die Absage hat jetzt natürlich auch eine Signalwirkung. Das kann man überhaupt nicht leugnen. Und die geht vielleicht sogar über den Fußball hinaus. Denn das Signal ist auch: Auch Sportgroßveranstaltungen in Deutschland sind endgültig und für alle sichtbar im Visier des Terrors angekommen."© Foto: dpa
Martin Kind, Präsident Hannover 96: „Das wird den Fußball verändern und stellt uns vor eine neue Herausforderung."© Foto: dpa
Helmut Spahn, früherer DFB-Sicherheitschef: "Wir müssen sensibel mit der Bedrohung umgehen, aber - so schwer es fällt - auch eine gewisse Gelassenheit und Ruhe bewahren. Prinzipiell ist es nichts Neues, dass Sportveranstaltungen ein Ziel sind - so wie jeder Ort, an dem viele Menschen öffentlich zusammenkommen."© Foto: dpa
Olaf Brauweiler, Pressesprecher Polizei Gelsenkirchen: "Die allgemeine Sicherheitslage hat sich durch die Absage des Länderspiels in Hannover verändert. Aber wir haben bisher keinerlei Hinweise auf eine gefährliche Sicherheitslage hinsichtlich des Bundesligaspiels zwischen Schalke und Bayern am Samstag. Deshalb planen wir bisher unseren Einsatz wie bei jedem anderen Bundesligaspiel. Sollte es allerdings in den nächsten Tagen neue Erkenntnisse geben, werden wir unser Konzept anpassen."© Foto: dpa

Und was den sportlichen Bereich betrifft?

Mulmig ist mir überhaupt nicht. Ich sage immer, Spiele gegen die Bayern, dafür ist man Profi geworden. Man hat die absolute Weltspitze auf dem Platz und kann sich mit ihr messen. Wo stehe ich, wo sind die Unterschiede? Auf solche Spiele freue ich mich persönlich immer besonders.

Frankfurt ist das einzige Bundesligateam, das gegen die Bayern bisher gepunktet hat. Ist das „Frankfurter Modell“, extrem defensiv zu spielen, für Schalke gegen die Bayern eine Option?

Es gibt im Grunde zwei Möglichkeiten: Entweder man attackiert die Bayern früh, um sie zu Fehlern zu zwingen. Das wäre extrem mutig, würde die Münchner aber womöglich überraschen, weil sie eine solche Spielweise des Gegners nicht so gewohnt sind. Oder man macht es wie Frankfurt. Aber wir spielen vor unseren eigenem Fans, da wollen wir immer mutig sein, deshalb ist es eine andere Ausgangslage.

Ein Drittel der Saison ist vorbei. Ist Schalke im Soll?

Ja. Die Tabelle lügt nicht. Wir stehen da, wo wir aktuell hingehören. Vor der Saison hätten wohl die meisten Fans zugestimmt, wenn Schalke als Tabellenfünfter mit einem Zähler Rückstand auf Rang drei rangiert hätte. Vom bisherigen Verlauf der Saison war es allerdings nicht optimal, weil wir nach starkem Start zuletzt etwas eingebrochen sind. Wir spielen eine ordentliche Rolle, müssen aber in den nächsten Spielen zusehen, dass wir wieder in die Spur kommen.

Hat die Bilanz von nur einem Sieg aus den letzten acht Pflichtspielen etwas für Verunsicherung gesorgt?

Wenn man gewinnt, ist die Stimmung immer etwas lockerer. Wir versuchen trotzdem, das alles richtig einzuordnen und uns nicht verrückt machen zu lassen. Der Druck von außen wird größer, mit Bayern und danach Leverkusen kommen schwere Kaliber auf uns zu, aber wir müssen unseren Weg gehen. Das ist für uns die größte Aufgabe momentan.

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Ist die Erwartungshaltung bei den Fans ein Stück weit realistischer geworden?

Dieses Gefühl hatte ich vor der Saison. Doch mit Erfolgen steigen auch immer sofort die Erwartungen. Das ist keine neue Erkenntnis. Vielleicht haben wir in der ersten Saisonhälfte zu viel gewonnen, teilweise auch ein bisschen glücklich. Im zweiten Teil der ersten Saisonhälfte war es dann genau umgekehrt, da hat sich einiges relativiert.

 

Droht der Bundesliga in den nächsten Jahren gähnende Langeweile, wenn die Bayern weiter so dominieren?

Die Bayern müssen sich nicht dafür entschuldigen, dass sie so gut sind. Das muss man akzeptieren. Für viele Fans ist es jedoch nicht so schön, weil die Spannung ein bisschen fehlt.

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