Aufgrund der großen Personal-Not rührt Schalkes Trainer den „blauen Beton“ an. Das ist zwar eine radikale Kehrtwende, aber eine aus seiner Sicht durchaus nachvollziehbare.

von Norbert Neubaum

Gelsenkirchen

, 09.03.2020, 06:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Frage lag vor dem Spiel gegen Hoffenheim auf der Hand: War die strikte Defensiv-Taktik aus der Pokalpartie gegen den FC Bayern München am Dienstag nur der Stärke des Gegners geschuldet oder ist sie für S04-Trainer David Wagner aktuell das Rezept, das unabhängig vom Gegner den größtmöglichen Erfolg verspricht? Die Antwort war deutlich. Und für viele S04-Fans ernüchternd.

Denn selbst gegen vom 0:6 der Vorwoche gegen die Bayern noch komplett traumatisierte Hoffenheimer lief Schalke im Prinzip mit einer Fünferkette auf, Kreativ-Geist Amine Harit saß nur auf der Bank, bei Ballbesitz der Gäste zogen sich die Königsblauen konsequent zurück und ließen die einfallslosen Hoffenheimer kommen. Das war nicht mehr das Schalke der Hinrunde.


Kein „Wendehals“

Nichts war es mehr mit vorne draufgehen, den Gegner durch aggressives Pressen zu langen, oft sinnfreien Pässen zwingen, bei Balleroberung sofort überfallartig den direkten Weg zum Tor suchen. Also mit dem Fußball, mit dem Wagner hier angetreten war und den er in der Hinrunde auch spielen ließ.

Schalke punktete nicht nur fleißig, es machte - was auf Schalke selbst in Erfolgsphasen wie in der ersten Tedesco-Saison manchmal eine heikle Sache ist - auch Spaß, der Mannschaft bei der Arbeit zuzuschauen. Die neue taktische Ausrichtung gleicht nun einer Rolle rückwärts - Wagner hat eine Kehrtwende vollzogen. Zum „Wendehals“ macht ihn das aber nicht.

Eine neue Mannschaft

Denn die Schalker Mannschaft, die in der Rückrunde aufläuft, ist mit der der Hinrunde kaum noch zu vergleichen. Es ist bei Licht betrachtet eine völlig neue Formation. Auch wenn es kaum noch jemand hören kann, weil es als nachhaltiger Erklärungsansatz natürlich auch mal langweilig wird: Schalke fehlen mit Salif Sané, Benjamin Stambouli, Suat Serdar, Omar Mascarell, Ozan Kabak und Daniel Caligiuri sechs absolute Leistungsträger. Und das nicht nur für ein oder zwei Spieltage, zum großen Teil für Wochen und Monate. Das ist nicht einfach so wegzustecken - und erfordert auch ein hohes Maß an taktischer Flexibilität.

Diese Personal-Not kann kein Trainer der Welt einfach so ignorieren und so tun, als sei nichts geschehen. Wer Wagner vorwirft, er habe keinen „Plan B“, tut ihm zumindest in dieser Hinsicht unrecht. Er hat sehr wohl einen „Plan B“. Aber der ist ziemlich radikal und schmeckt nicht jedem. Nicht mal dem Trainer selbst.

Denn beinahe entschuldigend hat Wagner nach dem Hoffenheim-Spiel die neue Schalker Defensiv-Strategie damit begründet, „dass uns im Moment doch gar nichts anderes zusteht“. Ohne sechs Korsett-Stangen hält er die eigene Mannschaft für zu zerbrechlich und zu anfällig, um seinen Wunsch-Fußball spielen zu lassen. Der wird derzeit durch die Zwänge der Realität ersetzt - für Offensiv-Schwärmer und Freunde des Fußball-Spektakels ist das natürlich keine gute Nachricht, nachvollziehbar ist der Taktik-Wechsel allerdings schon.

Lösung auf Zeit

Kleiner Trost für alle, die sich nach dem Hinrunden-Schalke sehnen: Die aus der Personalnot heraus geborene kontrollierte Defensive soll in dieser Form nur eine Lösung auf Zeit sein. Wagner wird abwarten, bis die Reihen wieder einigermaßen geschlossen sind, um dann „seinen Fußball“ wieder auf den Platz bringen zu lassen.





Bis dahin wird sich an der Schalker Ausrichtung allerdings wohl nicht viel ändern. Auch nicht am Samstag in Dortmund. Wo Schalke aber zumindest bei Standard-Situationen des Gegners wacher sein sollte als in den letzten Spielen. Schlafmützigkeiten dieser Art haben mit der Taktik übrigens nichts zu tun.

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