Vier Pflichtspiele hat David Wagner mit Schalke bestritten: Zu Buche stehen zwei Siege, ein Remis und eine Niederlage. Jetzt nahm er sich Zeit für ein Interview - und redete Klartext.

Gelsenkirchen

, 08.09.2019, 19:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Zum Interview-Termin erscheint David Wagner in entspannter Stimmung. Kein Wunder: Nach dem Sieg gegen Hertha BSC Berlin – dem ersten Schalker Heimsieg seit Januar – ist der ganz große Druck aus dem Kessel raus. Eine Stunde nimmt sich Schalkes Trainer im „La-Ola“-Club der Veltins-Arena Zeit, um Einblicke in die königsblaue Gegenwart, Zukunft und auch Vergangenheit zu gewähren.

3:0 gegen Hertha BSC – wie hat sich denn Ihr erster Sieg als Bundesliga-Trainer angefühlt?

Gut, ganz klar. Wir alle zusammen waren nach dem Hertha-Spiel sehr glücklich. Über den Sieg sowieso, aber auch, weil er verdient war. Die Leistung in den Spielen davor war über große Strecken auch schon in Ordnung, und nun haben die Jungs noch mal eine gute Leistung in Kombination mit einem Sieg folgen lassen. Seit Januar hatte Schalke kein Heimspiel mehr gewonnen, das hat man irgendwie gespürt – auch in der ganzen Energie, die sich nach dem Spiel entladen hat. Und bei Toren wie dem ersten – auch wenn es ein Eigentor war – geht dir als Trainer das Herz auf, weil wir diese Situationen im Training tausendfach geübt und besprochen haben.

Wer hat Ihnen denn als Erster gratuliert – Huub Stevens oder Jürgen Klopp?

Beide haben gratuliert – wer als Erster, weiß ich gar nicht. Aber generell haben sehr viele Leute gratuliert, auch schon nach dem Punktgewinn in Mönchengladbach und auch nach der ordentlichen Vorstellung gegen die Bayern.

Nun hat Schalke vier Punkte nach den ersten drei Spielen – im Trainingslager in Österreich wurde noch tiefgestapelt und so getan, als sei es kein Weltuntergang, würde man aus den ersten drei Spielen keinen Punkt holen...

...(schmunzelt) Wer hat das gesagt?

Anwesende ausdrücklich eingeschlossen... War das die reine Tiefstapelei oder ging tatsächlich die Sorge vor einem Null-Punkte-Start um?

Wir hatten als Start-Gegner Borussia Mönchengladbach auswärts – eine Mannschaft, die sich toll verstärkt hat und in die Champions League will. Dann kamen die Bayern, die die Champions League gewinnen wollen. Hertha will zumindest hinter vorgehaltener Hand auch wieder international mitmischen. Wir hingegen kamen mit all den Schwierigkeiten und Problemen aus der vergangenen Saison in die Vorbereitung auf die neue Saison. Da ist es kein Understatement, sondern legitim, alle möglichen Eventualitäten in Betracht zu ziehen. Die Bandbreite, was alles passieren kann, war und ist halt noch relativ hoch. Wir sind immer noch fernab von dem, was man als „wahnsinnig stabil“ bezeichnen könnte.

Schalke-Trainer David Wagner: „Von wahnsinnig stabil sind wir immer noch fernab“

David Wagner im Interview: „Ich habe keine Mannschaftssitzung abgehalten nach dem Motto: „Hey, was war denn da mit Euch in der letzten Saison los?“ © NBM/Heselmann

Wurde deswegen auch auf das Benennen eines Saisonziels verzichtet?

Ich hätte das als unseriös empfunden – und nicht nur, weil das Transferfenster ja erst vor ein paar Tagen geschlossen hat. Wie soll man ein Ziel benennen, wenn noch gar nicht feststeht, welches Personal uns dafür zur Verfügung steht – und wie der Kader der Kontrahenten letztlich aussieht? Auf Schalke müssen sich Mannschaft und Trainer erst mal richtig kennenlernen – dieser Prozess ist ja auch nach zehn Wochen Zusammenarbeit noch nicht abgeschlossen. Für mich als Trainer war die Bundesliga zuletzt nun nicht gerade meine Kern-Kompetenz, da ich vier Jahre lang in England gearbeitet habe. Viele Faktoren, die es aus meiner Sicht schwierig machen, ein Saisonziel zu formulieren.

Wann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem eine seriöse Prognose möglich ist?

Nach der Hinrunde, wenn das Winter-Transferfenster geschlossen ist. Dann haben wir gegen jede Mannschaft einmal gespielt, und Trainer und Spieler haben ein totales Gefühl füreinander bekommen.

Wie ist die Mannschaft denn bislang zu führen?

Wenn ich sie charakterisieren soll, würde ich sie auf jeden Fall als offen für Neues und sehr arbeitswillig beschreiben. Alle ziehen mit, da ist keiner bei, der bremst.

Ein Eurofighter auf der Trainerbank

David Wagner, 1971 als Sohn eines US-amerikanischen Vaters und einer deutschen Mutter in Frankfurt am Main geboren, begann seine Profikarriere 1990 bei Eintracht Frankfurt. 1995 wechselte er von Mainz zu Schalke 04, Höhepunkt seiner Zeit dort war der Gewinn des UEFA-Cups 1997. Wagner bestritt acht Länderspiele für die USA. 2007 schloss er den Fußballlehrerlehrgang des DFB erfolgreich ab, seine erste Trainerstation war die U19 der TSG Hoffenheim. Von 2011 bis 2015 trainierte er die Zweitvertretung von Borussia Dortmund, 2015 wechselte er zum englischen Verein Huddersfield Town, den er 2017 in die Premier League führte. Seit dieser Saison ist Wagner Trainer auf Schalke.

Das überrascht, weil es zum Großteil ja noch die Mannschaft der Vorsaison ist. Die wurde – auch intern – wegen fehlender Charakterstärke hart kritisiert. Liegt die neue Lust an der Arbeit nur am Impuls des neuen Trainers?

Das weiß ich nicht, weil ich in der vergangenen Saison nicht dabei war. Ich kann nur über meine Wahrnehmung berichten. Natürlich habe ich einiges gelesen und erzählt bekommen, aber das darf mich nicht beeinflussen. Denn ich mache mich ja unglaubwürdig, wenn ich selbst nicht unbeeinflusst offen für Neues bin, es von den Spielern aber verlange.

So einfach ist das? Den Neu-start-Knopf drücken und alles ist vergessen?

Es geht nicht ums Vergessen. Manchmal kann es sogar hilfreich sein, sich zu erinnern. Die Jungs wissen schon, dass sie in der letzten Saison längst nicht das gebracht haben, was sie können. Da ist keiner bei, der die Hand hebt und sagt: „Ich habe damit nichts zu tun.“ Im Gegenteil. Vielleicht macht das ein Stück weit die Mentalität aus, dass die Spieler wissen, dass sie was wiedergutmachen müssen. Aber ich habe keine Mannschaftssitzung abgehalten nach dem Motto: „Hey, was war denn da mit Euch in der letzten Saison los?“ Unser Blick muss jetzt aufs Heute und Morgen gerichtet sein.

Wie traurig sind Sie, dass dieses Heute und Morgen ohne die erhoffte Neuverpflichtung für den Angriff bewältigt werden muss?

Ich nehme diese Situation an. Für mich ist gefühlt der lange verletzte Mark Uth unser Neuzugang im Angriff – ein Spieler, den ich aus der Distanz vor allem als technisch hervorragenden Fußballer wahrgenommen habe, der mich im Training darüber hinaus aber auch mit seiner körperlichen Präsenz begeistert. Wir haben Guido Burgstaller, Ahmed Kutucu – ich glaube, wir sind auch im Angriff gut aufgestellt.

Trotzdem hat Schalke versucht, auf dem Transfermarkt noch aktiv zu werden...

...den Grund, warum es nicht geklappt hat, kennt jeder Fan, jeder Journalist.

Das Geld ist knapp. Muss Schalke sich darauf einstellen, auch bei Spielern der nicht ganz gehobenen Preis-Kategorie wie Bas Dost hinter Konkurrenten wie Eintracht Frankfurt nun den Kürzeren zu ziehen?

Ersetzen wir den Namen durch einige andere Spieler dieser Kategorie und fügen zum genannten Verein noch ein paar weitere Klubs dazu: Dann muss man die Frage immer mit „Ja“ beantworten.

Ist die oft beschworene Schalker Strahlkraft für Transfers also letztlich bedeutungslos, wenn man als Mittelfeld-Team verhandelt?

Nein, die hat schon ihre Bedeutung – sonst hätten wir die Transfers, die wir getätigt haben, ja nicht machen können. Aber die wirtschaftlichen Ressourcen sind auf dem Transfermarkt schon die entscheidenden Größen, da dürfen wir uns nichts vormachen.

Sie sprachen die tollen Gladbacher Verstärkungen an – eine davon ist der bislang überzeugende Breel Embolo. Hätte er – in guter Verfassung – nicht eigentlich perfekt zur von Ihnen bevorzugten Spiel-Idee gepasst?

Ja. Als ich mir den Kader nach meiner Verpflichtung angeschaut habe, war Breel einer der Spieler, auf die ich mich am meisten gefreut habe. Vom Alter her, von der Veranlagung, vom Talent. Aber Breel und seine Berater haben von Beginn an keinen Zweifel daran gelassen, dass er unbedingt wegwollte. Er wollte einen Neuanfang, das wurde klar und deutlich so kommuniziert. Also hätte es keinen Sinn gehabt, ihm den Wechsel zu verweigern. Denn gerade in unserer Situation brauchen wir nur Spieler in der Kabine, die vom ersten Tag an zu 100 Prozent für Schalke da sind.

Sie sind ein Bundesliga-Rückkehrer – welches sind die größten Unterschiede zur Premier League? Oder gibt es am Ende keine?

Doch, die gibt es schon. Der größte ist für mich die Spielleitung der Schiedsrichter. In England pfeift der Schiedsrichter viel weniger, lässt das Spiel mehr laufen. Dadurch gibt es weniger Unterbrechungen und das Tempo des Spiels ist wesentlich höher.

Schalke-Trainer David Wagner: „Von wahnsinnig stabil sind wir immer noch fernab“

Stand gut drei Jahre beim englischen Verein Huddersfield Town an der Linie: David Wagner. © imago

Kann man da in der Bundesliga ruhig auf der Trainer-Bank sitzen bleiben? Fällt die Umstellung nicht schwer?

Mir fiel die Umstellung schwerer, als ich nach England kam. Da habe ich in den ersten Spielen ungefähr acht Mal die Rote Karte für die Gegner gefordert – und wurde ausgelacht. Es wurde noch nicht mal Foul gepfiffen.

Spielen in England die besseren Fußballer?

Zumindest, was die Dichte an qualitativ hochkarätigen Fußballern und auch Managern betrifft, halte ich die Premier League für die beste Liga der Welt. Außerdem ist sie eine gigantische Vermarktungs-Maschine, das kann man sich gar nicht vorstellen. Ich war „nur“ Trainer bei einem Underdog wie Huddersfield, wurde aber selbst im hintersten Winkel der Welt erkannt. Sogar der Vermieter des Wasserflugzeugs beim Urlaub auf den Malediven begrüßte mich mit „Hallo, Herr Wagner!“ Die Premier League wird überall geguckt. Dafür sind in Deutschland viele Stadien und die Spieler-Kabinen schöner als in England.

Als Eurofighter haben Sie sich von Schalke verabschiedet, als noch im Parkstadion gespielt wurde. Was haben Sie bei Ihrer Rückkehr über 20 Jahre später gedacht?

Top, top, top, was hier entstanden ist. Ich war zwar zwischendurch ein paarmal in der Arena, aber auch wenn sie jetzt auch „schon“ 18 Jahre alt ist – für mich ist sie nach wie vor das schönste Stadion in Deutschland.

War das in dieser Form vorstellbar, als sie Schalke 1997 verließen?

Ich kannte immerhin die Vision des Managers. Rudi Assauer hat einmal gesagt: „Hier bauen wir eines Tages ein neues Stadion hin.“ Und er hat Wort gehalten.

Führt Ihre Schalker Vergangenheit und das Wissen um die „anderen Zeiten“ zu einer gewissen Bodenhaftung, was die Ziele mit Schalke betrifft?

Die Ambitionen, sich sportlich mit den Vereinen in den höheren Sphären zu messen, sollte man nicht aufgeben. Aber es kann nicht schaden, sich mal vor Augen zu führen, welche Entwicklung dieser Verein in den letzten ca. 20 Jahren genommen hat. Die ist ja insgesamt wirklich beeindruckend. Natürlich gab es neben vielen Höhen auch einige Tiefen. Aber die Tiefen haben nicht zu so großen Ausschlägen in die falsche Richtung geführt wie bei einigen anderen Vereinen.

Ein Thema verfolgt die ganze Bundesliga: Der Video-Beweis. Warum sind Sie dagegen?

Ich bin nicht dagegen – die Idee, die grundsätzlich dahinter steckt, finde ich gut. Aber ich tue mich schwer damit, wie der Video-Beweis aktuell praktiziert wird. Mir ist nach wie vor nicht klar, wann eingegriffen wird und wann nicht. Es ist nicht genug Einheitlichkeit, zu viel Willkür im Spiel – und das macht den Fußball nicht gerechter.

Das Bayern-Spiel steckt da noch in den Knochen?

Ach, darum geht‘s gar nicht. Ich mache den Schiedsrichtern auch keinen Vorwurf. Warum wird nur bei „glasklaren Fehlentscheidungen“ eingegriffen und nicht, wenn eine Entscheidung in einer „Grauzone“ lag? Gerade dann würde es doch Sinn machen, wenn der Schiedsrichter sich die Szene noch einmal anschaut. Aber diese Chance bekommt er gar nicht. Torlinien-Technik, Abseits-Entscheidungen – das ist alles gut, weil es wirklich zu mehr Gerechtigkeit führt. Aber beim Video-Beweis, so wie er derzeit praktiziert wird, sehe ich das nicht.

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