Ein Lagebericht aus der „Destille“ in Gelsenkirchen-Buer: Was empfindet die Fan-Seele, wenn eine miserable Rückrunde von einem 0:8-Fiasko in München noch „übertrumpft“ wird?

Gelsenkirchen

, 25.09.2020, 19:04 Uhr / Lesedauer: 2 min

Alles war angerichtet. Fünf Monitore hatte Thomas Wesselborg am vergangenen Freitag aufgestellt, damit die rund 40 Gäste in seiner Schalker Kultkneipe „Destille“ das Bundesligaspiel in München verfolgen konnten. Kaum war der Anpfiff erfolgt, wurde in der „letzten Kneipe vor der Arena“ ein Bildschirm schwarz und ließ sich trotz intensiver Bemühungen nicht reparieren. Doch wie reagierte dieser Teil seiner Gäste? Mit der hektischen Suche nach einem Ersatzplatz? Mit dem Blick auf das eigene Smartphone? Mit Fragen an die Nachbartische: Wie läuft das Spiel? Wie behaupten sich unsere Spieler?

„Gäste blieben ruhig sitzen“

„Nichts von alledem. Meine Gäste blieben ruhig sitzen und unterhielten sich. Schalke war ihnen egal“, schilderte ein fassungsloser Wesselborg. Es sind solche Verhaltensweisen seiner Kundschaft, die den Gastronom in seinem Domizil an der Kurt-Schumacher-Straße, nur einen Steinwurf von der Heimspielstätte des FC Schalke 04 entfernt, tief nachdenklich machen.

Denn die „Destille“ ist seit 35 Jahren eine Herzkammer des FC Schalke 04. Hier treffen sich bis zu 250 Schalke-Fans am Spieltag, um sich die Partien ihres FC Schalke 04 anzusehen. Doch seit März 2020 hat ein zunächst schleichender, dann immer offensichtlich werdender Prozess eingesetzt, den Thomas Wesselborg mit großer Sorge beobachtet. Der Chef der Kultstätte, natürlich Schalker durch und durch und Mitbegründer des „Destille Buer Fanclub Schalke 04“, hat mit Erschrecken festgestellt, dass bei der Übertragung der Spiele keine Schalke-Stimmung mehr herrscht, und das völlig unabhängig von Corona: „Die Leute wollen sich unterhalten und ein bisschen feiern. Aber Fußball gucken? Das wird eher zur Nebensache.“

„Der Spott tut weh“

Er sah nichts vom Spiel, weil es bei der ersten Übertragung nach der Sommerpause naturgemäß viel zu tun gab. Vielleicht besser so für den 56-Jährigen, der grundsätzlich ein optimistischer Mensch ist, doch nach dem 0:8-Desaster hat er den Glauben an die Arbeit von Trainer David Wagner verloren. „Am Samstag hätte man sich trennen sollen. Ich sehe überhaupt keine Fortschritte. Schalke wird von immer mehr Menschen verspottet. Das tut weh. Wenn das so weiter geht, kämpfen wir gegen den Abstieg“, befürchtet Wesselborg.

Nach dem 2:0 für Bayern hätten nur noch ganz wenige seiner Gäste das Spiel verfolgt. Resignation statt Emotion. Feiern statt Daumendrücken. Persönliche Gespräche statt Fachsimpeln über Fußball. Wesselborg: „Ich frage mich, wohin das noch führen soll. Unsere Mannschaft spielt leblos. Niemand hat in München ein Fußball-Feuerwerk von Schalke erwartet. Aber jeder Spieler sollte wenigstens 90 Minuten kämpfen. Ich frage mich: Wer aus unserer Mannschaft kann überhaupt ein Tor schießen?“

Abstiegsangst und Prinzip Hoffnung

Wie sich ein Abstieg anfühlt, hat der Gastronom Ende der 1980er Jahre, zu den Anfangszeiten der Destille, erlebt. Das soll sich nicht wiederholen. Doch aktuell werden nach seiner Meinung die Schalker Werte nicht gelebt. Wenn das so weitergehe, werde Schalke so enden wie die Traditionsvereine Hamburger SV oder 1. FC Kaiserslautern, so Wesselborg. Deshalb blickt er dem ersten Heimspiel der neuen Saison gegen Werder Bremen nicht voller Vorfreude entgegen, sondern besorgt. Und das schon am zweiten Spieltag.

Auch an dem wird Wesselborg in seiner „Destille“ das Schalke-Spiel zeigen. Aufgeben ist die Schalker Sache nicht. Krisen gehören halt dazu. Was ist schon ein schwarzer Bildschirm gegen das königsblaue Prinzip Hoffnung?

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