Am Dienstag wird Schalke-Legende Klaus Fichtel 75 Jahre alt. Im Interview erzählt er über denkwürdige Spiele, sein einziges Eigentor in der Bundesliga und Angebote anderer Klubs.

Gelsenkirchen

, 18.11.2019, 18:02 Uhr / Lesedauer: 4 min

Spielen Sie noch in der Schalker Traditionself?

Nein, vor anderthalb Jahren habe ich aufgehört. Irgendwann habe ich mir gesagt, dass ist doch verrückt, in deinem Alter gegen Dreißigjährige zu spielen. Als Klaus Fischer kürzlich in der Halle so gefoult wurde, dass er eine Platzwunde am Kopf davontrug, war für mich klar: Jetzt musst du Schluss machen. Als Betreuer bin ich bei der Traditionself aber weiterhin dabei.

Wie auch bei fast jedem Schalker Heimspiel. Schauen Sie sich als ehemaliger Abwehrspieler die Defensive besonders genau an?

Nein, sondern das Spiel in seiner Gesamtheit. Wobei ich aktuell schon ein bisschen Sorge um unsere Abwehr habe, weil Nastasic, Sané und Stambouli leider verletzt sind. Wenn ein defensiver Mittelfeldspieler aushelfen muss, kann es schwierig werden. Doch die 19 Punkte, die wir haben, kann uns keiner mehr nehmen.

Heute spricht man viel von Dreier-, Vierer- oder Fünferketten. Wie war die Struktur der Abwehr zu ihrer Zeit?

Wir haben mit zwei Verteidigern und einem sogenannten Mittelläufer gespielt. Eine Dreierkette ist also nichts Neues. Das habe ich schon in meiner Jugendzeit gespielt.

Geburtstagskind Klaus Fichtel: „Schalke ohne Theater: Das kenne ich nicht“

Schalker Legenden unter sich: Bei der Eröffnung der Veltins-Arena gehörte auch Klaus Fichtel zur Schalker Jahrhundertmannschaft. ©

Wie kam der Kontakt zu Schalke 04 zustande?

Mein Bruder Helmut war Vertragsspieler bei Westfalia Herne. Sein Trainer war Fritz Langner, der spätere Schalke-Coach. Er war oft bei uns zu Hause und kannte mich, ließ mich in einigen Spielen beobachten und holte mich dann zu Schalke.

Wo Sie eine erfolgreiche und sehr lange Karriere begannen. Hätten Sie das damals für möglich gehalten?

Ich habe davon geträumt, aber das lässt sich nicht planen. Meine Voraussetzungen waren insofern gut, weil ich aus einer fußballbegeisterten Familie kam. Mein Vater Helmut hat noch mit 37 Jahren in der Gauliga West gespielt.

Bei der 0:1-Niederlage am 14. August 1965 in Stuttgart debütierten Sie in der Bundesliga. Ausgerechnet mit einem Eigentor, dem einzigen in ihrer Karriere.

Ich bin noch heute der Meinung, dass es kein Eigentor war, weil ein Stuttgarter Spieler auch noch am Ball war, als ich ihn vor der Torlinie wegschlagen wollte. Aber ich nehme es hin.

Von der Zeche auf den Fußballplatz

Klaus Fichtel wurde am 19. November 1944 in Castrop-Rauxel geboren. Sein Stammverein war TuS Ickern. Der gelernte Bergmann kam in seiner ersten Bundesligasaison 1965/1966 auf 34 Einsätze. Sein Debüt in der Nationalmannschaft feierte er am 22. Februar 1967 beim 5:1-Sieg gegen Marokko. Sein einziges Länderspieltor schoss Fichtel am 22. Oktober 1969 beim 3:2-Sieg über Schottland - gleichbedeutend mit der Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Mexico 1970, wo der Schalker auf fünf Einsätze kam. Im August 1986 drehte Fichtel im Sulky hinter einem Trabrennpferd eine Ehrenrunde über die Laufbahn. Die Fans huldigten ihm mit einem Transparent: „Der Wald stirbt, aber die Tanne steht!“ Fichtel ist der älteste Bundesligaprofi überhaupt. Bei seinem letzten Bundesliga-Auftritt am 21. Mai 1988 bei der Schalker 1:4-Heimpleite gegen seinen Ex-Klub Werder Bremen war er 43 Jahre und 184 Tage alt. Fichtel blieb nach seiner Karriere Schalke treu. Er trainierte die zweite Mannschaft sowie die A- und B-Jugend. Später war er Scout für Schalke.

Als Sie Profi wurden, steckte Schalke im Abstiegskampf. War dies eine lehrreiche Erfahrung für ihre weitere Laufbahn?

Es war eine glückliche Fügung, weil ich als junger Spieler meine Chance bekam und die Bundesliga von 16 auf 18 Vereine aufgestockt wurde. Sonst wäre Schalke in dem Jahr abgestiegen. Diese unruhigen Zeiten änderten sich erst Ende der 60er Jahre. Aber es stimmt: Selbst als es sportlich lief, war es nie ruhig. Schalke ohne Theater? Das kenne ich nicht... (lächelnd)

Warum sind Sie dann bis auf die Jahre in Bremen so lange geblieben?

Weil ich ein bodenständiger Mensch bin. Ich habe mich im Ruhrgebiet immer wohl gefühlt. Es gab schon in den ersten Jahren attraktive Angebote von Borussia Mönchengladbach und Bayern München, aber das kam für mich nicht infrage.

Der Bundesligaskandal hat dann ihre Karriere kurzzeitig unterbrochen. Wenn man Klaus Fischer darauf anspricht, sagt er sofort: Das war der größte Fehler meines Lebens. Sie auch?

Das kann man so sagen. Ich muss damit leben. Jeder junge Mensch macht in seinem Leben Fehler.

Trotzdem ging ihre Karriere weiter, und sie sind bis heute der älteste Bundesligaprofi geblieben. Haben Sie schon mit Claudio Pizarro telefoniert, ob er ihren Rekord brechen kann?

Einer Ihrer Kollegen aus Bremen hat mich das kürzlich auch gefragt. Ich glaube, als Feldspieler wird das nicht möglich sein, weil die Belastungen heute durch die Vielzahl der Wettbewerbe zu groß geworden sind. Als Torwart könnte ich mir allerdings vorstellen, dass mein Rekord mal gebrochen wird.

Geburtstagskind Klaus Fichtel: „Schalke ohne Theater: Das kenne ich nicht“

Nationalspieler Klaus Fichtel: Hier bei der WM 1970 in Mexico mit Trainer Helmut Schön. © dpa

Wie haben Sie es geschafft, so lange fit für die Bundesliga zu bleiben?

Gute Gene spielen sicher eine Rolle. Außerdem habe ich im Alter von 35 Jahren gemerkt, dass die Regenerationszeit länger dauert. Dementsprechend habe ich gelebt, sonst wäre eine so lange Karriere nicht möglich gewesen.

Verletzt waren Sie auch selten.

Eine Meniskusverletzung hatte ich, aber nach vier Wochen habe ich schon wieder gespielt. Und später eine Schulterblessur. Mehr nicht.

Sie waren bei vielen denkwürdigen Spielen dabei. Das 0:11 in Mönchengladbach, der Hundebiss bei Friedel Rausch im Derby gegen Dortmund...

(lachend) Ich habe mit Schalke alles erlebt. An das Debakel in Gladbach kann ich mich noch gut erinnern, weil es stark schneite und wir mit diesen Verhältnissen gar nicht zurechtkamen. Aber wir haben eine Woche später im Pokal gegen Gladbach Revanche genommen und mit 4:2 gewonnen. Allerdings lagen wir nach einer Minute mit 0:1 zurück und ich dachte: Geht das schon wieder los?

Wer waren ihre unangenehmsten Gegenspieler?

Das waren die kleinen, wendigen Typen. Zum Beispiel der Bernd Rupp von Mönchengladbach.

Sie haben viele knifflige Spielsituationen mit Übersicht und Intelligenz gelöst.

Ich hatte gute Lehrmeister. Vor allem Willi Schulz habe ich viel zu verdanken. Bei der WM 1970 waren wir Zimmergenossen. Hinzu kam, schon in meiner Jugendzeit in Ickern haben wir auf roter Asche spielen müssen. Da war es nicht ratsam, zu grätschen, weil die Verletzungsgefahr zu groß war. Deshalb habe ich immer geschaut, dass ich die Dinge auf dem Platz anders löse.

Wie bewerten Sie die Schalker Entwicklung?

Gut. Ich hoffe, dass der positive Trend anhält und das Schalke oben dran bleibt, wenn die verletzten Spieler zurückkehren. Noch liegen in der Tabelle die Mannschaften ganz eng zusammen. Selbst die Bayern sind nicht weggezogen.

Bayern ist ein gutes Stichwort. Uli Hoeneß hat verraten, dass Teile der Mannschart gegen Trainer Kovac waren und der Verein deshalb handeln musste. Haben die Spieler heute zu viel Macht?

Zu meiner Zeit wäre so etwas wohl nicht möglich gewesen, weil die Verhältnisse andere waren. Fast alle Spieler kamen aus Gelsenkirchen und der näheren Umgebung. Die Kameradschaft war ausgeprägter. Heutzutage ist die Gefahr der Grüppchenbildung innerhalb eines Kaders größer.

Warum?

Sie haben Spieler der unterschiedlichsten Nationalitäten in ihrem Team. Dann ist es normal, dass sich die Spieler aus den jeweiligen Ländern zusammen tun. Deshalb finde ich es richtig, dass die meisten Bundesligavereine ihre Spieler zum Deutschunterricht schicken. Es erleichtert die Integration, wenn jeder jeden versteht. Aber es gibt auch eine Gefahr.

Welche?

Den Spielern sollte nicht alles abgenommen werden. Wenn das passiert, sind sie nicht in der Lage, auf dem Platz eigenverantwortlich zu handeln.

Welcher Trainer hat Sie am meisten geprägt?

Fritz Langner und Ivica Horvat. Langner war ein Fachmann, aber er hatte auch eine Schwäche: Er fand nicht das richtige Maß, ihm fehlte etwas das Fingerspitzengefühl. Vor allem dann, wenn wir auf seine Ex-Vereine trafen. Dann hat er es im Training mit der Intensität übertrieben. Horvat war von der menschlichen Seite top. Zu ihm konnte man immer kommen, wenn man Probleme hatte. Er war wie ein Vater zu uns.

Bedauern Sie es, nicht heutzutage Profi zu sein, bei en enormen Summen, die man als Profi verdienen kann?

Diese Frage ist mir schon oft gestellt worden. Als ich gespielt habe, hat ein Liter Heizöl sechs Pfennige gekostet. Wenn man das mit der heutigen Zeit in Relation setzt, dann habe ich sehr gutes Geld verdient. Ich bin sehr zufrieden.

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