Schalke-Keeper Ralf Fährmann über die Rivalität

Das Interview

"Fußballer sind moderne Söldner, denen egal ist, welches Trikot sie tragen": So lautet ein gängiges Vorurteil - auf Ralf Fährmann trifft das allerdings nicht zu. Im Interview vor dem Derby am Samstag (15.30 Uhr) gegen den BVB erzählt der Torwart, wie er seine Leidenschaft für Schalke auf seine Teamkollegen übertragen will.

GELSENKIRCHEN

31.03.2017, 20:51 Uhr / Lesedauer: 4 min
Gegen den BVB läuft Ralf Fährmann regelmäßig zur Hochform auf. Hier klärt er im Hinspiel gegen Mario Götze.

Gegen den BVB läuft Ralf Fährmann regelmäßig zur Hochform auf. Hier klärt er im Hinspiel gegen Mario Götze.

Schalke-Fans nennen die Dortmunder "Zecken" - wie nennen Sie sie?

Ähnlich! (lacht). Ich versuche auch immer, den nicht-deutschsprachigen Spielern beizubringen, dass man den Namen der Stadt charmant umgehen kann, indem man  zum Beispiel "Lüdenscheid" sagt. Ich hoffe, dass das bis zum Derby in den Köpfen richtig drin ist.

 

Wie weit darf man überhaupt als Profi gehen, um so eine Rivalität auszuleben?

Natürlich darf der zwischenmenschliche Respekt nie verloren gehen. Aber man sollte auch nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen - schließlich sind wir hier im Ruhrgebiet, da reden die Menschen offener. Es hat noch niemandem geschadet, wenn man sich auf die Schippe nimmt oder die ein oder andere Spitze verteilt.

Wobei man als Profi ja immer mal damit rechnen muss, vielleicht irgendwann einmal für den anderen Verein zu spielen...

Ich kann nicht für alle sprechen, aber bei mir wird das nicht der Fall sein, das kann ich ausschließen. Ich spiele hier seit der Jugend und bin schon früh blau-weiß infiziert worden.

 

Sie wohnen in Recklinghausen, dort gibt es auch Dortmund-Fans. Merkt man das?

Schalke hat da schon die Überhand! Aber klar, es gibt auch BVB-Fans. Leider ist auch der Onkel meiner Frau Dortmund-Fan. Wir versuchen immer, ihn "gesund" zu machen, aber das Fieber scheint ziemlich hartnäckig zu sein. (lacht)

 

Ist denn Ihrer Wohnung anzusehen, dass da ein Schalker wohnt?

Ich habe einen Raum, in dem Trikots, Bilder und Erinnerungen hängen, das ist alles. Allerdings gibt es eine Zisterne im Garten, auf deren Deckel das Schalke-Emblem eingraviert ist. Und in unserer Garage ist an der Wand eine Ruhrgebiets-Skyline zu sehen, unter anderem mit dem Recklinghäuser Rathaus, der Zeche Ewald und natürlich auch der Arena.

Ihr allererstes Bundesligaspiel war gleich ein Derby...

Das war 2008, auswärts: Am Ende ist es 3:3 ausgegangen. Das war, wie jedes Derby, kein normales Spiel. Wir haben zur Halbzeit 3:0 geführt, hätten locker auch das 4:0 oder 5:0 machen können. Dann hat Dortmund ein Abseitstor geschossen, hat einen Handelfmeter bekommen, der keiner war, es gab zwei Platzverweise gegen uns - und am Ende stand es 3:3. Das war mein erstes Spiel, und es hatte schon alles, was der Fußball zu bieten hat. Das werde ich nie vergessen.

 

Gibt es so etwas wie Ihr schönstes Derby?

Die schönsten sind die, die man gewinnt! Ich erinnere mich noch gut an das von 2014: Ich hatte Geburtstag, wir haben zu Hause 2:1 gewonnen - das war ein einmaliges Geburtstagsgeschenk, von dem ich noch meinen Kindern erzählen werde.

 

Ich dachte, Sie nennen jetzt das Derby in Dortmund von 2013, das 0:0 ausging, und in dem Sie alles gehalten haben, was zu halten war.

Daran kann ich mich auch noch erinnern. Solche Spiele vergisst man nicht. Da hatte ich viel zu tun, und  konnte bis zum Schlusspfiff mit der Hilfe des Teams die "Null" halten.

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Damals haben viele BVB-Fans gesagt, dass sie sich zwar keinen Schalker in Dortmund vorstellen wollen, sie den Fährmann aber ganz gut gebrauchen könnten.

Wie gesagt, das schließe ich aus. Aber das ist doch das Schöne an der Rivalität: Man flachst zwar eine Menge, aber der Respekt geht nicht verloren, dadurch  kann man sich dann so etwas auch mal gegenseitig anerkennend sagen.

 

Wenn Sie im Derby im Tor gestanden haben, hat Schalke nur einmal verloren, und Sie haben jedes Mal eine sehr gute Leistung gezeigt. Sind Sie gegen Dortmund immer ein bisschen motivierter als sonst?

Mehr motiviert als sonst bin ich nicht, das geht bei mir gar nicht, da ich immer 100 Prozent motiviert bin. Aber es ist ein Spiel, in dem man zusätzlich richtig angespannt ist. Das geht ja schon in der Woche vorher los. Inzwischen hat es sich ja eingebürgert, dass dann immer besonders viele Fans zum Training kommen. Das spornt einen an. Für mich fühlt es sich wie ein Pokalfinale an. Ich kann die Stimmung dann auch richtig aufsaugen.

Es steht ja auch viel auf dem Spiel...

Die Vorfreude ist enorm – man weiß aber auch, dass ein Fehler größere Wellen schlägt als bei einem anderen Spiel. Klar ist man nervös, aber der Ehrgeiz, für seine Stadt zu gewinnen, ist noch größer.

 

Pflegen Sie persönliche Rituale vor einem Spiel?

Ich hatte ein paar Rituale, die haben sich aber immer geändert, wenn das Spiel nicht so gut lief. Nach unserem schlechten Saisonstart habe ich alle Rituale über Bord geworfen! (lacht)

 

Macht man sich vor dem Derby besonders heiß?

Ich schaue mir vorher immer noch ein paar Fan-Videos an, Bilder von vergangenen Derbys. Das reicht für eine Gänsehaut - und dann will man auch schon, dass es losgeht.

Müssen die "Alt-Schalker" wie Sie oder Benedikt Höwedes den neuen Spieler erklären, wie ein Derby geht?

Erklären muss man da nicht viel – man spürt das einfach. Natürlich erzählt man den neuen Spielern im Laufe der Saison viel über Schalke: Die "Meisterschaft der Herzen", was es mit dem Parkstadion auf sich hat - so etwas eben, das gehört dazu. Solche Dinge sollte jeder wissen, der ein Schalke-Trikot trägt.

 

Was ist an Schalke schöner als an Dortmund?

Zum einen natürlich die Farben! Auf der einen Seite blau-weiß, der blaue Himmel, die weißen Wolken – andererseits so ‘ne  schwarz-gelbe Hummel... Wir haben das modernere und schönere Stadion. Ich persönlich kann mich auch mit der Geschichte von Schalke mehr anfreunden. Für mich ist Schalke noch mehr Ruhrgebiet als Dortmund. Aber ich habe natürlich auch die blau-weiße Brille auf.

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke hat unlängst gesagt, eher würde der BVB die Bayern abfangen als Schalke den BVB.

Sticheln gehört eben dazu. Bayern ist das Maß aller Dinge, aber dahinter ist alles sehr eng. Dortmund ist derzeit etwas vorne, aber wir werden alles dafür tun, das irgendwann auch wieder zu ändern.

 

Was macht der BVB besser als Schalke?

Sie haben mehr Punkte als wir. In den letzten Jahren, vor allem unter Jürgen Klopp, haben sie gute Arbeit geleistet. Sie spielen guten Fußball und haben gute Transfers getätigt. Aber es sagt ja niemand, dass wir das in Zukunft nicht auch schaffen.

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