Seit gut drei Monaten ist Jochen Schneider im Amt. Nach der Horrorsaison spricht er jetzt über die Pläne für die neue Spielzeit - und sagt auch, was er mit Alexander Nübel vorhat.

Gelsenkirchen

, 26.06.2019, 18:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sind Sie ein guter Sänger?

Ich singe gerne, aber nicht besonders gut.

Am Sonntag ist diese Qualität bei der Schalker Jahreshauptversammlung auch gefragt, wenn man am Ende der Veranstaltung traditionell das Vereinslied „Blau und Weiß“ angestimmt wird.

Da ist mir nicht bange vor. Sowohl mein sechsjähriger Sohn Carl als auch ich sind absolut textsicher.

Haben Sie sich bei Ihren Vorstandskollegen schon ein bisschen erkundigt, was Sie auf der Mitgliederversammlung erwartet?

Sicher habe ich das, aber nicht bis ins letzte Detail, weil ich mich lieber überraschen lassen möchte, um mir auch ein eigenes Bild zu machen.

Ist ihre Rede fertig?

Sie steht schon in groben Zügen auf dem Papier. Es wäre vermessen, eine Rede bei solch einer wichtigen Veranstaltung aus dem Bauch heraus zu halten.

Können Sie verraten, in welche Richtung ihr Redebeitrag gehen wird? Nach einer solch enttäuschenden Saison ist es sicher wichtig, auch so etwas wie Aufbruchstimmung zu verbreiten.

Den Rückblick werde ich recht kurz halten, weil ich erst in der Endphase der Saison hinzugekommen bin. Wichtiger wiegt für mich nach vorne zu schauen, die Konsequenzen für die Zukunft zu benennen und herauszuarbeiten, was wir besser machen wollen bzw. besser machen müssen.

Vom Bankkaufmann zum Schalke-Manager

Jochen Schneider, geboren am 13. September 1970 in Mutlangen, ist gelernter Bankkaufmann mit BWL-Studium. Nachdem er während seiner Studienzeit ein Praktikum beim VfB Stuttgart absolvierte, wurde er vom Verein nach Ende des Studiums im Juni 1999 fest angestellt. Zunächst war er vor allem für die formale Ausgestaltung von Verträgen zuständig. Bis 2015 arbeitete er in Stuttgart, zuletzt als Sportlicher Leiter. Danach wurde Schneider am 12. Oktober 2015 Coordinator Sport Global Soccer der Red Bull GmbH. Von Juli 2017 bis Ende Februar 2019 war er unter dem Sportdirektor Ralf Rangnick Leiter Sport bei RB Leipzig.

Haben Sie eine Ahnung, was am Sonntag auf Sie zukommt?

In Stuttgart hatten wir vierstellige Mitgliederzahlen bei den Versammlungen, in Leipzig war ich nie bei einer dabei. Aber ich freue mich auf den Sonntag. Ich habe noch nie vor 10.000 oder mehr Personen gesprochen, aber ich freue mich darauf.

Werden Sie eine sportliche Zielvorgabe benennen?

Es wäre vermessen und unrealistisch zu sagen, wir müssen im nächsten Jahr wieder europäisch spielen. Das wäre mir auch zu platt. Es war nicht so schwer, die letzte Saison zu analysieren, weil die Defizite deutlich zu erkennen waren. Wir haben jetzt einiges auf den Weg gebracht, aber dieser Prozess wird am 1. Juli noch nicht abgeschlossen sein. Deshalb bringt es jetzt überhaupt nichts, über einen Platz zu philosophieren, den wir in der nächsten Saison erreichen wollen. Wir haben sehr viele Stellschrauben, an denen wir drehen können, um uns wieder in die richtige Richtung zu bewegen.

Schalkes neuer Sportvorstand Jochen Schneider: Europa als Ziel? „Das wäre vermessen“

Der neue Trainer: David Wagner soll Schalke wieder nach vorne bringen. © dpa

Sie sind jetzt mehr als drei Monate auf Schalke als Sportvorstand tätig. Was hat Sie im Vergleich zu ihren früheren Stationen überrascht?

Überrascht hat mich das nicht, aber ich war und bin begeistert von der Offenheit und Freundlichkeit der Menschen. Außerdem ist die immense Bedeutung des Vereins für die Region deutlich spürbar.

Wo lagen bisher die Schwerpunkte ihrer Arbeit?

Ich bin zu Schalke gewechselt zu einem Zeitpunkt einer großen sportlichen Krise. Es ging an erster Stelle darum, den Klassenerhalt zu sichern und danach viele Personalgespräche zu führen. Anschließend galt es, eine umfangreiche Analyse vorzunehmen, anhand derer wir die entsprechenden Entscheidungen getroffen haben. Strukturelle Entscheidungen wie auch personelle Entscheidungen.

Mehr Personal scheint ein Trend in der Liga zu sein. Warum ist das für Schalke 04 so wichtig?

Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wenn ich heute die technischen Möglichkeiten habe, um genau abzufragen, ob ein Spieler richtig belastet wird, dann sollte ich das nutzen. Dafür ist mehr Personal notwendig.

Ist der Fußball wissenschaftlicher geworden?

Auf jeden Fall. Das heißt aber nicht, dass man jeden Trend mitgehen muss. Es führen mehrere Wege zum Erfolg, aber es wäre fatal, sich der Weiterentwicklung zu verschließen.

Ticken die Spieler heute anders?

Ja, was definitiv mit der immer intensiveren Arbeit in den Nachwuchsleistungszentren zusammenhängt. Es wird zum Beispiel von den jungen Spielern viel mehr hinterfragt, warum heute das und morgen das trainiert wird.

Rudi Assauer hängt bei Ihnen hier im Büro als Bild an der Wand. Wäre Schalke heute auch noch so zu führen wie zu seinen Zeiten?

Eine hypothetische Frage. Wären die Weltmeister von 1974 heute auch noch die Besten? Ich sage ja, weil sie heutzutage anders trainieren und eine andere Ansprache bekommen würden. Und Rudi Assauer wäre selbstverständlich auch heutzutage ein Top-Manager in der Bundesliga.

Ralf Rangnick, mit dem Sie in Leipzig zusammengearbeitet haben, war immer bestrebt, im Fußball die Kategorie des Zufalls, soweit es geht, auszuschließen. Verfolgen Sie eine ähnliche Philosophie?

Es geht darum, alles rund um den Fußball so weit wie möglich zu beeinflussen, dass man am Samstag ab 15.30 Uhr erfolgreich ist. Je mehr wir Zufälle minimieren können, desto besser. Aber der Faktor Zufall wird immer eine Rolle spielen. Es sollte jedoch nicht mehr so sein wie im vergangenen April, dass ich mich auf den Weg nach Dortmund mache und denke: Wie wollen wir hier einen Punkt holen? Wir müssen besser arbeiten, damit wir die Grundlagen dafür schaffen, mit einem besseren Gefühl in die Spiele gehen zu können.

Dazu gehört ein guter Kader. Wie ist der Stand der Dinge bei Benito Raman?

Es ist nicht förderlich, diese Dinge öffentlich zu kommentieren. Wir sind mit Düsseldorf in Gesprächen.

Wie schwierig ist es, gute Spieler zu verpflichten, nachdem Schalke die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb verpasst hat?

Die Strahlkraft des FC Schalke 04 ist insbesondere im Ausland ungebrochen. Wir haben ordentliche wirtschaftliche Möglichkeiten, aber es ist klar, dass es Bundesligaklubs gibt, die zurzeit bessere Voraussetzungen haben.

Muss man vielen Spielern, die zu Schalke wechseln, deutlich machen, dass sie damit für ihre Karriere weiter hart arbeiten müssen?

Ich kenne auch zahlreiche Spieler, die hierher gewechselt und dann besser geworden sind. Die pauschale Aussage, wer zu Schalke wechselt, wird schlechter, teile ich nicht. Da muss man jeden Spieler einzeln beurteilen.

Schalkes neuer Sportvorstand Jochen Schneider: Europa als Ziel? „Das wäre vermessen“

Keeper Alexander Nübel: „Wir wollen die Zusammenarbeit mit ihm gerne verlängern.“ © dpa

Einer, der besser geworden ist, heißt Alexander Nübel. Gehen Sie mit ihm in die neue Saison, auch wenn er seinen Vertrag nicht vorzeitig verlängert?

Ja klar. Alex hat einen Vertrag bis zum 30. Juni 2020. Aber wir wollen die Zusammenarbeit mit ihm gerne verlängern. Es gibt klare zeitliche Absprachen mit ihm und seinem Berater.

Huub Stevens wirkte manchmal regelrecht verzweifelt, wenn es um den Charakter der Schalker Mannschaft ging. Er wollte intern Bericht erstatten. Was ist dabei herausgekommen?

Es gab viele wertvolle Erkenntnisse für uns. Ich stand mit Huub in den zehn Wochen seiner Trainertätigkeit fast in täglichem Kontakt. Er hat sich auch mit seinem Nachfolger David Wagner ausgetauscht und wir werden seinen Rat weiterhin brauchen.

Das Scoutingsystem Ihres Vorgängers Christian Heidel stand in der Kritik. Was werden Sie verändern?

Wir haben andere Vorstellungen, deshalb werden wir unser System strukturell anders aufbauen und dabei auf verschiedene Säulen setzen. Dabei werden wir verstärkt mit hauptamtlichen Experten und weniger mit Studenten zusammenarbeiten, als das bisher der Fall war.

Viele Fans waren überrascht über die Personalie Michael Reschke, weil er in Stuttgart frühzeitig gehen musste. Hat das für Sie eine Rolle gespielt?

Ich kenne ihn seit 20 Jahren und war immer beeindruckt, wie er in Leverkusen und München deutsche und internationale Top-Talente verpflichtet hat. Er hat ein überragendes Auge, viel Erfahrung und ein Netzwerk wie kein Zweiter in dieser Branche. Und wenn Michael einen Spieler haben will, lässt er nicht mehr locker.

Schalkes neuer Sportvorstand Jochen Schneider: Europa als Ziel? „Das wäre vermessen“

Schalkes neuer Kaderplaner Michael Reschke: „Ich kenne ihn seit 20 Jahren“. © dpa

Die Bilderauswahl in Ihrem Büro ist bestimmt kein Zufall. Wir sehen zum Beispiel Rolf Rüssmann, mit dem Sie in Stuttgart zusammengearbeitet haben. Welche Bedeutung hatte er in Ihrer Laufbahn?

Rolf Rüssmann hatte für mich eine überragende Bedeutung. Er war in den knapp zwei Jahren mein Mentor. Ein unglaublich offener und großartiger Mensch, von dem ich viel gelernt habe und mit dem man viel Spaß hatte.

In welchen Zeiträumen denken Sie, was Ihre weitere Entwicklung betrifft?

Im Fußball gibt es für mich zwei Zeiträume. Zum einen die nächste Saison und zum anderen die mittelfristige Perspektive, was wir in zwei, drei Jahren hier aufbauen wollen. Diese beiden habe ich jeweils fest im Blick.

Schlagworte: