Als Rechtsverteidiger hat sich Jonjoe Kenny sofort einen Stammplatz erobert. Jetzt spricht er über die Tücken des Alltags, sein Verhältnis zu Trainer David Wagner und seinen Kindheitstraum.

Gelsenkirchen

, 04.12.2019, 17:36 Uhr / Lesedauer: 4 min

Was vermissen Sie hier in Deutschland am meisten?

Nicht viel, ehrlich gesagt. Als ich hierhergekommen bin und meine Wohnung bezogen habe, hat es sich sehr schnell wie zuhause angefühlt. Alle im Verein haben es mir sehr einfach gemacht und mich sofort willkommen geheißen. Natürlich vermisse ich meine Familie und meine Freunde, aber sie kommen mich oft besuchen.

Was war Ihr erster Eindruck von Deutschland?

Ich habe mit meiner Familie Düsseldorf besucht und habe es als sehr sauber empfunden. Was mir aufgefallen ist: Deutsche halten sich gern an Regeln. Wenn die Ampeln Rot anzeigen, dann warten die Menschen – das ist in England anders, da gehen sie auch schon einmal über die Straße. Ich habe das hier ein- oder zweimal gemacht und wurde darauf hingewiesen, das besser nicht zu tun. (lacht)

Wie steht es mit Ihren Deutschkenntnissen?

Sehr gut. Ich habe zwei- bis dreimal die Woche Unterricht und versuche, im Alltag Deutsch zu sprechen, etwa, wenn ich einkaufen oder etwas essen gehe. Auch mit meinen Mannschaftskollegen unterhalte ich mich ab und an auf Deutsch. Natürlich mache ich noch Fehler, das gehört zum Lernen ja dazu. Aber ich will die Sprache auf jeden Fall beherrschen, das kann mir später im Leben noch helfen. In ein neues Land zu kommen, die Sprache zu lernen – das war etwas, was ich schon immer einmal machen wollte.

Was sind die größten Unterschiede zwischen England und Deutschland, was den Fußball angeht?

So groß sind die Unterschiede gar nicht. Sowohl in der Bundesliga als auch in der Premier League gibt es viele gute Mannschaften mit vielen guten Spielern. Auf dem Platz bemerkt man die Unterschiede eher nicht.

Auch nicht, was die Geschwindigkeit angeht?

So, wie Schalke spielt, wie wir gegen den Gegner pressen, müssen wir sowieso viel und schnell laufen. Andere Leute, die sich schon länger mit Fußball beschäftigen und das Spiel beobachten, mögen vielleicht die Unterschiede erkennen, ich sehe sie nicht.

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In welcher Liga gibt es denn die stärkeren Gegner?

Da tun sich beide Ligen auch nichts. Auch hier kann es sein, dass man sich gegen Mannschaften aus den unteren Tabellenregionen sehr schwer tut. Als ich nach Deutschland kam, kannte ich natürlich die großen Mannschaften, aber ich habe schnell festgestellt, dass auch Teams, die ich vorher nicht auf dem Zettel hatte, harte Gegner sein können.

Sie standen bislang in jedem Pflichtspiel in der Startelf und wurden nur einmal kurz vor Schluss ausgewechselt. Überrascht es Sie, dass Sie so viel Spielzeit bekommen?

Nein. Ich bin hierhergekommen, um Fußball zu spielen, und ich weiß, wie gut ich sein kann. Ich bin dem Trainer sehr dankbar, dass er mir sein Vertrauen schenkt, das ist fantastisch.

Ist es für Sie möglicherweise ein Vorteil, dass Trainer David Wagner mehrere Jahre in England gearbeitet hat?

Vielleicht. Ich habe ja zu meinen Zeiten in England schon gegen ihn gespielt, als er noch Huddersfield trainiert hat. Er hat die gleichen Erfahrungen gemacht wie ich, ist in ein neues Land gekommen und musste die Sprache lernen. Ich bin sehr froh, dass ich einen so guten Trainer habe.

Wo sehen Sie denn Ihre größten Stärken und Schwächen?

Eine meiner Stärken ist sicherlich mein Offensivspiel: Ich schalte mich in den Angriff ein und versuche, mit meinen Pässen meine Mitspieler in gute Positionen zu bringen. Ich verteidige aber auch gerne: Ich mag es, wenn Spiele eng sind und man zusehen muss, kein weiteres Tor mehr zu kassieren. Was meine Schwächen sind, möchte ich lieber für mich behalten, das muss niemand wissen (lacht).

Schalkes Neuzugang Jonjoe Kenny: „Es hat sich schnell wie zuhause angefühlt“

Französisch-englischer Jubel: Benjamin Stambouli freut sich mit Jonjoe Kenny über das Tor des jungen Briten zum 3:0 gegen Hertha BSC Berlin. © dpa

Im Heimspiel gegen Hertha BSC haben Sie das Tor zum 3:0-Endstand beigesteuert. Wie war das?

Als ich den Ball ins Tor gehen sah, war es ein unglaubliches Gefühl. Ich habe mich vor allem für den Trainer und für meine Mitspieler gefreut – sie haben mich so herzlich willkommen geheißen, und mit dem Tor konnte ich etwas davon zurückzahlen. Dann habe ich auch in der Arena getroffen, und es war ein überzeugender Sieg: Das war ein richtig guter Tag.

Auf Schalke schätzen es die Fans, wenn Spieler „malochen“ – das müsste Ihnen doch sehr entgegenkommen.

Als ich wusste, dass ich zu Schalke wechsele, habe ich mich natürlich über den Verein informiert. Ich kannte den Namen Schalke, aber mir war nicht klar, was für eine große Geschichte dahinter steckt. Hier hat man mir dann erzählt, was die Fans von den Spielern erwarten, und das kam mir sehr entgegen, weil es genau die Art ist, wie ich spiele. Ich gebe immer 100 Prozent, ich arbeite hart – aber das ist für mich selbstverständlich.

Weltmeister aus Liverpool

Jonjoe Kenny wurde am 15. März 1997 im englischen Liverpool geboren. Seit 2006 spielt er für den FC Everton - zunächst in der Jugend, seit 2014 auch bei den Profis. In dieser Saison spielt er auf Leihbasis beim FC Schalke, sein Vertrag bei den Königsblauen endet im Sommer. Mit der englischen U17-Nationalmannschaft wurde er Europameister, mit der U20 sogar Weltmeister.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Stammverein FC Everton?

Ich bin in einem Everton-Haushalt groß geworden und bin von klein auf Fan der „Blues“. Aber auch als Spieler habe ich dem Klub viel zu verdanken. Man hat sich dort gut um mich gekümmert, hat immer dafür gesorgt, dass ich an andere Vereine ausgeliehen werden konnte, um Fußball zu spielen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Nach dieser Saison endet der Leihvertrag zwischen Everton und Schalke – wie geht es dann weiter?

Das ist im Sommer - jetzt haben wir Dezember: Bis dahin ist es noch lang. Darüber denke ich nicht nach. Im Moment spiele ich für Schalke, und habe noch eine ganze Rückrunde vor mir, plus die vier restlichen Spiele vor der Winterpause.

Everton kämpft in der Premier League gerade gegen den Abstieg, Schalke ist auf Europakurs. Spielt das eine Rolle bei Ihren Planungen?

Nein. Das werde ich oft gefragt, aber wie gesagt: Ich konzentriere mich voll auf Schalke, und wenn es soweit ist, werde ich mich mit dieser Frage beschäftigen.

Was ist in dieser Saison noch drin für Schalke?

Im Moment läuft es gut für uns, aber auch hier möchte ich nicht zu weit in die Zukunft blicken. Fragen Sie mich das im März oder April noch einmal. Gerade ist die erste Hälfte der Saison ja noch nicht einmal vorbei.

Im Sommer findet die Europameisterschaft statt. Wären Sie gerne für England dabei?

Davon träumt jeder, einmal für sein Land zu spielen. Ich habe bisher die Jugendmannschaften durchlaufen und es jedes Mal sehr genossen. Ich glaube, dass ich eines Tages auch für England spielen werde, aber momentan konzentriere ich mich auf Schalke. Es gibt außerdem jede Menge guter Rechtsverteidiger – da kann man nichts anderes tun, als sich auf sein eigenes Spiel zu fokussieren.

Wie sehen Ihre Pläne für Weihnachten aus?

Ich fahre nach Hause und verbringe dort das Fest mit meinerFamilie und meinen Freunden. Vor allem freue ich mich darauf, Zeit zum Entspannen zu haben.

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