Scherr: Vor 20 Jahren stand Schalke kopf

Die Flanke nach Europa

Flanke Scherr, Kopfball Müller – 2:1 für Schalke, das Spiel ist aus. Und das Parkstadion steht kopf: Knapp 71.000 Zuschauer, zumindest die S04-Fans unter ihnen, drehen durch vor Freude. Am 11. Mai 1996, vor genau 20 Jahren, haben sich die Königsblauen erstmals seit 19 Jahren wieder für den Europapokal qualifiziert. Es sollte der Tag werden, an dem sich Schalke in eine neue Dimension beförderte.

GELSENKIRCHEN

von Von Norbert Neubaum und Frank Leszinski

, 11.05.2016, 05:53 Uhr / Lesedauer: 3 min
Scherr: Vor 20 Jahren stand Schalke kopf

„Flankengott“ Uwe Scherr ebnete mit seiner Hereingabe auf Torschütze Müller den Schalker Weg zurück nach Europa.

Uwe Scherr sitzt in einem Café unweit der Arena und muss schmunzeln bei der Spekulation, ohne ihn würde der gesamte Arena-Park mit seinen mittlerweile drei Millionen Besuchern pro Jahr in dieser Form vielleicht gar nicht existieren: „Kann schon sein“, sagt der mittlerweile 49-Jährige. „Denn der Einzug in den UEFA-Cup war ja tatsächlich der Grundstein dafür, dass sich Schalke danach ganz gewaltig entwickelt hat.“

Kampf um die Lizenz

UEFA-Cup? Europapokal? Für Schalke waren das damals Fremdworte, ganz andere Welten. Jahrelang hatte der sogar dreimal in die 2. Liga abgestiegene Traditionsklub ums sportliche und vor allem wirtschaftliche Überleben gekämpft – der alljährliche Feiertag war jedes Mal der Tag, an dem Schalke die Lizenz für die kommende Spielzeit bekam.

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1996 führte Trainer Jörg Berger, der Schalke 1993/94 vor dem drohenden vierten Abstieg gerettet hatte, den Verein dann tatsächlich in höhere Regionen – so hoch, dass im letzten Heimspiel der Saison sogar die Europokal-Teilnahme winkte. Gegner waren ausgerechnet die Bayern, die noch theoretische Titel-Chancen hatten. Franz Beckenbauer war ihr Trainer, Kahn, Matthäus, Helmer, Herzog und Klinsmann die Stars – die auf Schalke aber den Kürzeren zogen. Uwe Scherr unternimmt diese Zeitreise immer wieder gerne: „Ich kriege heute noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Der ganze Verein, die ganze Stadt waren wie elektrisiert von der Sehnsucht nach Europa. Wir wurden schon beim Training von den Zuschauern mit Beifall begrüßt. In solchen Phasen spürst du als Spieler, welche Faszination von diesem Verein Schalke 04 ausgeht.“

2:1 gegen Bayern München

Scherr sitzt zunächst nur auf der Bank, Berger wechselt ihn nach 67 Minuten für Radek Latal ein: „Er hat mir nur gesagt, ich soll die rechte Seite aufreißen und sehen, dass ich die eine oder andere Flanke hereinbringe.“ In der zweiten Minute der Nachspielzeit geht des Trainers Plan auf. Die Bayern sind geschlagen, Schalke ist im UEFA-Cup – das Stadion bebt, die Freude über den unerwarteten Erfolg ist eine ursprüngliche. Während viele Fans die Europa-League-Quali für Schalke heute fast enttäuscht zur Kenntnis nehmen, wird der Sprung nach Europa damals wie eine Meisterschaft gefeiert – die Buersche Zeitung verteilt direkt nach dem Spiel ein eigens produziertes Extrablatt.

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Scherr wird jetzt nachdenklich. Die Frage war, ob es nicht auch ungerecht ist, wenn sich ein Verein wie Schalke heute fast dafür entschuldigen muss, wenn es „nur“ zur Europa-League-Teilnahme reicht? Uwe Scherr: „Man muss die Fans verstehen. Die Ansprüche sind ja auch dadurch gestiegen, dass Schalke sich danach mehrmals für die Champions-League qualifiziert hat. Aber trotzdem sollte die Europa League zumindest nicht als Misserfolg bewertet werden. Andere Traditionsklubs wären froh darüber. Doch natürlich gucken die Schalker Fans auch 35 Kilometer weiter östlich und müssen zähneknirschend registrieren, dass man Schalke dort aktuell den Rang abgelaufen hat. Das tut ihnen halt weh.“

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Schalke 04 startet 1996 durch, die Mannschaft von damals besteht zum Großteil aus den späteren „Eurofightern“, die 1997 sensationell den UEFA-Cup gewinnen und die Basis für das danach im großen Stil expandierende Schalke legen. Ohne UEFA-Cup-Sieg keine Arena und wahrscheinlich auch keine Champions-League-Teilnahmen oder Pokalsiege. Der 11. Mai 1996 als erstes Datum der königsblauen „Wiederauferstehung“.

20 Jahre später

Uwe Scherr wird kein „Eurofighter“, er wechselt nach der Saison zum 1. FC Köln. Seit 17 Jahren wohnt er in Marl-Polsum, der Kontakt zu Schalke ist nie abgerissen (s. Info-Kasten), auch nicht zu Ex-Kollegen wie Mike Büskens oder Youri Mulder. Vielleicht macht sich Uwe Scherr 20 Jahre danach, am 11. Mai 2016, ein Fläschchen Sekt auf: „Es ist doch schön, wenn man als Fußballer an solchen Tagen irgendwie ein Teil des Ganzen war.“ Flanke Scherr, Kopfball Müller – das Spiel war aus. Aber für Schalke ging es erst richtig los... 

 

  • Uwe Scherr, geb. am 16. November 1966 in Amberg, spielte von 1992 bis 1996 auf Schalke. Gekommen war er vom 1. FC Kaiserslautern, mit dem er 1990 DFB-Pokalsieger und 1991 Deutscher Meister geworden war. Zum Teil schwere Knieverletzungen waren „treue“ Begleiter von Scherrs Karriere.  
  • Als er am 11. Mai 1996 die entscheidende Flanke für Schalke nach Europa schlug, hatte er bereits elf Knie-Operationen hinter sich. 1996 wechselte er zum 1. FC Köln, 1999 beendete er seine aktive Karriere beim Wuppertaler SV.  
  • Der Kontakt zu Schalke riss nie ab – Manager Rudi Assauer holte Scherr als Scout zurück. Später wurde er Co-Trainer der U 19 und war bis Februar 2012 Leiter der Schalker Nachwuchsabteilung. Scherr war maßgeblich beteiligt am Aufbau der „Knappenschmiede“, in seiner Amtszeit wurde u. a. Leroy Sané aus Leverkusen zurückgeholt. 2012/13 war Scherr Sportdirektor bei Alemannia Aachen, wo er in die Insolvenz hineingeriet.  
  • Aktuell widmet sich Scherr der Arbeit im Nachwuchsbereich. Beim TSV Marl-Hüls ist er in beratender Funktion tätig, genauso wie bei seinem Heimatverein 1. FC Amberg. Uwe Scherr, der mit zehn Schwestern und drei Brüdern aufgewachsen ist, lebt mit seiner Familie (Ehefrau Kerstin und drei Kindern) in Marl-Polsum.
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