Oliver Ruhnert hat viel zu erzählen. Nicht nur über Fußball, obwohl das seine Hauptbeschäftigung bei Union Berlin ist. Auf Schalke war er Chef der Knappenschmiede. Wir haben ihn interviewt.

Gelsenkirchen

, 27.11.2019, 18:32 Uhr / Lesedauer: 3 min

Können Sie zaubern?

Ruhnert: (lachend) Nein, obwohl ich es mir manchmal in schwierigen Situationen wünschen würde. Wie kommen Sie darauf?

Berliner Medien haben Sie als „magischen Manager“ charakterisiert.

Sie kennen doch ihre Kollegen. Solche Schlagzeilen hören sich gut an, und in Berlin ist der Zeitungsmarkt besonders hart umkämpft.

Diese Bezeichnung bezog sich wohl auf ihre Transferpolitik für die Bundesliga. Sie haben einerseits erfahrene Spieler geholt wie Christian Gentner oder Neven Subotic, aber auch für die meisten Menschen recht unbekannte Kicker, die sofort einschlugen.

Wir hatten ein glückliches Händchen, auch schon zuvor in den Zweitligajahren. Da hieß es teilweise kritisch: Was wollt Ihr denn mit dem und dem Spieler? Doch heute lässt sich sagen: Unsere Personalüberlegungen sind zu 100 Prozent aufgegangen.

Müssen Sie sich manchmal kneifen, wenn Sie auf die aktuelle Tabelle schauen, wo Union Berlin auf dem elften Tabellenplatz steht?

Das würde ich tun, wenn wir am 33. Spieltag angelangt wären. Doch es sind erst zwölf Runden absolviert. Natürlich freuen wir uns alle, dass es so gut läuft. Aber für mich ist das nur eine Momentaufnahme. Wenn wir am Saisonende auf Platz 15 stehen, wäre das für uns so etwas wie der Gewinn der Deutschen Meisterschaft.

Aktuell steht Union auch vor der Hertha...

Glauben Sie mir, dass spielt für mich überhaupt keine Rolle. Für mich ist einzig und allein entscheidend, dass wir den Klassenerhalt schaffen. Für unsere Fans ist es natürlich etwas Besonderes, dass wir momentan vor der Hertha stehen. Da ist die Freude besonders groß.

Manager, Knappenschmied und Lokalpolitiker

Seit der Saison 2007/2008 war Oliver Ruhnert zunächst Scout und dann mit Sven Kmetsch Trainer der zweiten Schalker Mannschaft. Vom 1. Juni 2011 bis 31. Juli 2017 war Ruhnert Leiter der Nachwuchsabteilung bei Schalke. Ab 2014 war er Direktor der Knappenschmiede. Ruhnert ist Inhaber der Trainer-A-Lizenz und seit vielen Jahren Schiedsrichter. Ab August 2017 war er Chefscout beim 1. FC Union Berlin und seit 15. Mai 2018 Geschäftsführer Profifußball. Ruhnert ist Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im Stadtrat in Iserlohn. Er trat auch mehrfach erfolglos zur Wahl des Bürgermeisters von Iserlohn an. Oliver Ruhnert ist eng befreundet mit Norbert Elgert, in dessen Buch er auch mit einem Beitrag vertreten ist.

Sie freuen sich bestimmt, wenn es am Freitag ein Wiedersehen mit dem FC Schalke 04 gibt.

Natürlich. Schalke ist mein Verein. Ich komme aus dem Sauerland, dort gibt es sehr viele Schalke-Fans. Insofern ist das nichts Besonderes. Ich habe auch nach meinem Abschied aus Gelsenkirchen weiterhin große Sympathie für Königsblau. Ich bin Schalke-Mitglied und informiere mich regelmäßig über den Klub, vor allem natürlich über die Knappenschmiede.

Bei Ihnen fragt man sich, wie Sie alle ihre Tätigkeiten unter einen Hut bringen. Sie sind ja nicht nur Geschäftsführer Profifußball bei Union Berlin, sondern auch Fraktionsvorsitzender der Linkspartei in Iserlohn und Schiedsrichter im Amateurfußball-Bereich.

Das Ehrenamt ist für mein Leben enorm wichtig. Deshalb bin ich Union Berlin sehr dankbar, dass ich den Job bekommen habe. Sie hätten ja auch sagen können: Der macht noch andere Dinge, das ist keiner für uns. Doch alle im Verein wissen, dass die Arbeit bei Union für mich oberste Priorität hat. Gleichzeitig dürfen Sie auch nicht vergessen: Fußball ist keine One-Man-Show. Wir haben in Berlin ein hervorragendes Team, das sehr gut zusammenarbeitet. Jeder kann sich auf den anderen verlassen.

Aber besteht kein Werte-Widerspruch zwischen der Arbeit für die Linkspartei und einer herausgehobenen Tätigkeit in einer mehr und mehr vom Kommerz beherrschten Branche wie dem Profi-Fußball?

Für mich nicht. Ich sehe da keinen Konflikt. Profifußball ist ja nicht nur Kommerz. Auch wenn ich in einem anderen Bereich als dem Fußball tätig wäre, würden sich Widersprüche auftun. Man muss die Probleme natürlich benennen. Aber der Profifußball steht ja auch für großes gesellschaftliches Engagement. Denken Sie mal an Kampagnen wie gegen Rassismus oder Homophobie. Ein anderes Beispiel sind die sozialen Projekte vor Ort, die unmittelbar helfen. Schalke hat zum Beispiel eine Stiftung gegründet, die Menschen hilft, Union macht dies ebenfalls.

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Hilfe brauchen auch immer mehr die Schiedsrichter im Amateurfußball. Kein Wochenende vergeht ohne Gewaltnachrichten von den Plätzen. Haben Sie so etwas auch schon einmal am eigenen Leib erfahren?

Die Entwicklung ist sehr bedenklich. Ich verfolge das natürlich. Ich habe bisher in meinen Spielen so etwas noch nicht erlebt, dass mir zum Beispiel Prügel angedroht wird. Das mag daran liegen, dass ich schon lange als Schiedsrichter tätig bin und mir einen Ruf erarbeitet habe, sehr konsequent bei Vergehen auf dem Platz vorzugehen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt eine Rote Karte gezogen habe.

Auf wen freuen Sie sich am Freitag in Gelsenkirchen am meisten?

Da gibt es viele Personen. Ich hoffe, dass nicht nur ich mich freuen werde, sondern auch der Ordner, der Spieler oder der Fan, dem ich begegnen werde.

Union pflegt eine sehr laufintensive Spielweise. Kann die Mannschaft das über eine ganze Saison durchziehen?

Es ist richtig, dass wir für unser Spiel eine gewisse Frische brauchen. Deshalb sind wir mit einem großen Kader in die Saison gegangen, damit Trainer Urs Fischer viele personelle Alternativen hat. Und diese nutzt er aus. Er hat schon sieben Mal in dieser Saison eine veränderte Startformation aufs Feld gebracht.

Wer hat Sie eigentlich zu Union Berlin geholt?

Das war Helmut Schulte, dem ich viel zu verdanken und mit dem ich auf Schalke unter anderem kurz im Nachwuchsbereich zusammengearbeitet habe. Er hat mich zunächst als Chefscout verpflichtet. Als ich zum ersten Mal nach Berlin gefahren bin, hätte ich nicht gedacht, dass mich diese Aufgabe reizen könnte. Doch das Gegenteil war schnell der Fall. Und als Geschäftsführer ist mein Aufgabenbereich seit Mai 2018 noch spannender geworden.

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