Mit einer kurzen Unterbrechung arbeitet Norbert Elgert seit über 20 Jahren als A-Jugendtrainer auf Schalke. Im Interview verrät der Ur-Schalker, was er seinem Ex-Schützling Max Meyer rät.

Gelsenkirchen

, 11.12.2019, 12:15 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sie stehen auch in den Wintermonaten Tag für Tag auf dem Trainingsplatz. Im Januar 2020 werden Sie 63 Jahre alt. Haben Sie sich schon einmal bei dem Gedanken ertappt: Warum tue ich mir das noch an?

Nein. Weil ich meinen Beruf liebe. Weil ich die Arbeit mit jungen Menschen liebe. Weil ich den FC Schalke 04 liebe. Ganz schön viel Liebe... (lächelnd). Kurz gesagt: Die Arbeit macht mir noch unheimlich viel Spaß. Gleichwohl muss ich einräumen, dass ich gern mehr Zeit mit meinen Enkeln verbringen würde. Das geht leider nicht, aber die Familie hat großes Verständnis.

Sie hätten auch im Profibereich bei den Senioren arbeiten können...

Diese Angebote gab es in der Tat. Aber ich habe für mich persönlich immer mehr Sinn darin gesehen jungen Menschen dabei zu helfen ihre Träume und Ziele zu verwirklichen.

Ihre Lebensplanung sieht also so aus, dass Sie weiterhin A-Jugend-Trainer auf Schalke bleiben?

Mein Vertrag läuft unbefristet. Aber es braucht sich keiner Sorgen machen. Wenn man mich nicht mehr will, werden wir bestimmt eine faire Lösung finden. Wenn ich spüre, dass ich dem Verein und vor allen Dingen meinen Jungs nicht mehr alles geben kann, bin ich der Erste, der seine Sachen packt. Aber diesen Punkt sehe ich nicht. Man wird mich noch ertragen müssen (lächelnd).

Wie Schalkes Trainer-Legende Norbert Elgert über Max Meyer denkt

Erfolgreicher Elgert-Schützling: Leroy Sané hat seinen Jugend-Trainer einmal als „Meister des gepflegten Arschtritts“ bezeichnet. © picture alliance/dpa

Sie haben junge Spieler auf dem Weg zur Weltklasse geformt, mit der A-Jugend viele Titel gewonnen und zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Was treibt Sie noch an?

Ich bin immer noch leidenschaftlicher Wettkämpfer und gewinne unheimlich gerne Spiele und Titel. Was mich immer noch antreibt, wie schon gesagt jungen Menschen dabei zu helfen, etwas aus ihrem Leben zu machen. Aber die Hauptaufgabe bleibt natürlich, Spieler in den Profikader zu bringen.

Das ist die eine Seite. Aber Sie verfolgen auch noch weitere Ziele.

Es geht primär nicht darum Meister zu werden, so gerne ich das jede Saison schaffen würde, sondern Fußball auch als Schule des Lebens zu vermitteln. Sie dürfen nicht vergessen, dass es nur zwischen drei und fünf Prozent eines Jahrgangs schaffen, Profifußballer zu werden. Die, die es nicht schaffen, sind aber genauso wichtig.

Vermissen Sie manchmal bei der heutigen Generation den Ehrgeiz, es bis in die Bundesliga zu schaffen?

Wenn ein Spieler es bis in die Schalker A-Jugend geschafft hat, steht er auf der Erfolgsleiter vielleicht auf Sprosse drei von zehn Sprossen. Insgesamt glaube ich schon, dass es weniger Spieler mit maximaler Einstellung gibt als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Bei mir muss man aber jeden Tag alles geben und sich anstrengen. Leroy Sané hat mich mal als Meister des gepflegten Arschtritts bezeichnet.

Was hat sich noch verändert?

Das Freizeitangebot für die Jugendlichen ist größer geworden. Zu meiner Zeit war ich nur auf dem Fußballplatz. Da gab es nichts anderes. Deshalb fehlen unseren Talenten oft viele Stunden Training, so dass Technik und Spielintelligenz nicht mehr so ausgeprägt sind wie es sein sollte. Der Ablenkungsfaktor ist heutzutage durch Internet, Handys, Social Media und Playstation deutlich größer. Aber wenn du jeden Tag stundenlang an der Playstation hängst, wirst du dadurch kein besserer Fußballer.

Gibt es eigentlich bei Ihnen im Kader einen Spieler, der noch keinen Berater hat?

Glaube ich nicht. Es beginnt ja schon viel früher als in der A-Jugend. In der Beraterszene gibt es wie in jeder anderen Branche gute und schlechte. Für mich ist ein guter Berater derjenige, der sich nicht so schnell wie möglich die Taschen vollmachen will, sondern der für seine Spieler und deren Entwicklung die sportlich besten Entscheidungen trifft.

Wie Schalkes Trainer-Legende Norbert Elgert über Max Meyer denkt

Seltener Anblick: Max Meyer auf dem Platz. Bei Crystal Palace sitzt der Ex-Schalker derzeit meist auf der Bank. © dpa

Im Profibereich ist die Mannschaft hinter der Mannschaft in den vergangenen Jahren personell erheblich gewachsen. Gibt es diesen Trend auch im Nachwuchsbereich?

Bei mir nicht. In der U19 haben wir zwei Assistenztrainer, einen Torwart-Trainer und einen Athletik-Trainer, mit dem ich eng zusammenarbeite. Aber die Gesamtsteuerung auch für den athletischen Bereich mache ich selber, weil ich u.a. auch gelernter Fitnesstrainer bin.

Der Etat für die Knappenschmiede ist kürzlich nach einer Entscheidung des Aufsichtsrates aufgestockt worden. Reicht dies, um auf Dauer konkurrenzfähig zu bleiben?

Wir waren lange ganz oben und sind jetzt immer noch gut. Wichtig wird für die Zukunft sein, dass wir von unten nach oben wieder so richtig stark werden. Dazu müssen wir einen dualen Weg gehen. Einerseits die Talente in Gelsenkirchen und Umgebung finden, und andererseits müssen wir Top-Spieler von auswärts verpflichten, die bei uns dann den letzten Schliff bekommen. Da müssen wir mutig investieren.

Hat Schalke noch die Strahlkraft, damit Talente den Weg nach Gelsenkirchen finden?

Auf jeden Fall. Das war schon zu Zeiten von „Oskar“ Siebert so. Nach wie vor hat Schalke eine große Anziehungskraft für junge Spieler.

Sie pflegen immer noch viele Kontakte zu Spielern, die Sie ausgebildet, aber Schalke längst verlassen haben. Beispiel Max Meyer: Haben Sie Mitleid mit Ihm, wenn Sie sehen, dass er bei Crystal Palace kaum noch zum Einsatz kommt?

Nein. Ich habe vor einer Woche noch mit ihm telefoniert. Mitfühlen ja, mitleiden nicht.

Aber...?

Sagen wir so: Der nächste Schuss muss sitzen. Max muss für sich sehen, dass er jetzt eine kluge Entscheidung trifft. Er ist ein Klasse-Spieler. Entweder er findet bei Crystal Palace eine Basis für mehr Einsätze oder er muss wechseln. Max gehört auf den Fußballplatz. Dass er nicht zufrieden ist, ist klar.

Zum Schluss: Wie fällt Ihr Fazit der ersten Saisonhälfte aus?

Differenziert. Wir waren es viele Jahre gewohnt, ganz oben zu sein. Jetzt war es so, dass wir vor der Saison einen so großen personellen Umbruch wie noch nie vollziehen mussten. Das ist kein gutes Zeichen, aber es kann mal vorkommen. Die vielen neuen Spieler mussten sich erst eingewöhnen. Wohl auch deshalb sind wir schwach gestartet und laufen deshalb noch ein bisschen hinterher. Wir schießen zu wenig Tore, während die Defensive schon zu den besten in Deutschland gehört.

Aber in den vergangenen Jahren war es oft so, dass die Schalker A-Jugend eine wesentlich bessere Rückrunde gespielt hat.

Das stimmt zwar, aber so einfach ist es nicht. Eine Aufholjagd wie in der vergangenen Saison mit dem Gewinn der Westdeutschen Meisterschaft lässt sich nicht beliebig wiederholen. Was mich zuversichtlich stimmt, ist die Entwicklung meiner Mannschaft, die sich täglich verbessert. Und wir haben auch den einen oder anderen dabei, der den Sprung in den Profikader in der nächsten Saison schaffen kann.

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