600 Jahre alte Stadtmauer muss saniert werden

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Eigentlich sollte sie den Ortskern schützen, doch jetzt braucht sie selbst Hilfe: Die zum Teil eingestürzte, rund 600 Jahre alte Stadtmauer soll möglichst noch vor dem Winter saniert werden.

Schermbeck

, 18.05.2020, 13:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Zahn der Zeit macht auch vor steinernen Bauwerken nicht Halt, auch vor der Schermbecker Stadtmauer nicht am Nordrand des ehemaligen Schermbecker Ortskerns nahe dem oberen Mühlenteich. Als die Stadtmauer im Bereich „Zum Bleichwall“ im Jahre 2018 vom Efeu befreit wurde, wurde vermutet, dass die Mauer einsturzgefährdet sein könnte.

Dies bestätigte sich. Bevor man nach intensiven Beratungen mit dem Amt für Bodendenkmalpflege des Landschaftsverbandes Rheinland Sanierungsarbeiten durchführen konnte, stürzte ein Teil der Mauer ein. Für die Sanierung bzw. Wiederherstellung der Stadtmauer, die am 18. April 1995 unter Denkmalschutz gestellt wurde, ist die Gemeinde Schermbeck zuständig.

Zuwendungsbescheid über 39.000 Euro

Am 23. März 2020 erhielt die Gemeinde einen Zuwendungsbescheid über 39.000 Euro. Da das Geld aber erst zum Haushaltsjahr 2022 ausgezahlt wird, die Gemeinde aber im Haushalt 2020 für die Sanierung 85.000 Euro eingestellt hatte, sollen die Arbeiten zeitnah ausgeschrieben werden, um das historische Ortsbild wieder zu vervollständigen - möglichst vor dem Winter.

Das Bauwerk erinnert an die Zeit, als Schermbeck noch komplett von einer Befestigungsanlage umgeben war. Wer heute vom Rathaus über die Mittelstraße in Richtung Ludgeruskirche fährt, kann sich kaum noch vorstellen, dass sich Durchreisende vor einem halben Jahrtausend an einem Stadttor ausweisen mussten. Auch in umgekehrter Richtung verhinderte ein Stadttor den freien Zugang. Daran erinnern noch heute die Straßenbezeichnungen „Mühlentor“ und „Steintor“. Sie waren Teil einer Befestigungsanlage, die mit der Burg der Bevölkerung vor allem in kriegerischen Zeiten Schutz bot.

Die Grafen von Kleve hatten um 1300 ihre Machtstellung so weit gefestigt, dass sie zum Schutz ihrer Grenze eine Burg errichten konnten, besetzt mit bewaffneten Männern. „Die Burg Schermbeck ist seit etwa 1350 Amtssitz der Drosten und Amtmänner gewesen und bis Mitte des 17. Jahrhunderts geblieben“, stellte der Brichter Heimatforscher Arnold Maas in den frühen 1970er-Jahren fest.

Schermbeck wurde befestigt

Zwischen 1415 und 1420 ließ der klevische Herzog Adolf Schermbeck befestigen. Der Ort, dem etwa im Jahre 1417 vom Herzog Adolf die Stadtrechte verliehen wurden, erhielt eine Stadtmauer, die über zwei Stadttore und acht Türme verfügte. In Egbert Hopps Buch „Kurtze Beschreibung deß Landes sampt angehenckter Genealogioe der Graffen und Hertzogen zu Cleve...“ aus dem Jahre 1655 fand Maas einen Hinweis auf Burg und Stadtmauer.

Die älteste bislang bekannte kartografische Darstellung der Schermbecker Befestigungsanlage findet man auf einer Karte aus dem Jahre 1640, die sich im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf befindet.

Die älteste bislang bekannte kartografische Darstellung der Schermbecker Befestigungsanlage findet man auf einer Karte aus dem Jahre 1640, die sich im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf befindet. © Helmut Scheffler (Repro)

Die älteste bekannte kartografische Darstellung der Befestigungsanlage fand ein Dammer Heimatforscher im Jahre 1979 im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf (Handschrift N III 7). Diese Karte aus dem Jahre 1640 zeigt das „Ampthuis“ (Burg) mit dem „Borg Graben“ und einem äußeren „Wall“, außerdem die Stadtmauer mit einem vorgelagerten „Wasser Graben“ und dem „Stadtwall“.

Stich entstand früher als angegeben

Noch anschaulicher wird die Befestigungsanlage beim Blick auf einen Stich, der in verschiedenen Publikationen noch immer unter der Bezeichnung „Schermbeck um 1700“ abgedruckt wird, obwohl seit mindestens 1987 bekannt ist, dass der Stich von Henrik Feltman zwischen 1660 und 1669 entstanden sein muss.

Henrik Feltmans Stich aus der Zeit zwischen 1660 und 1669 zeigt den Verlauf der Stadtmauer auf der Südseite der befestigten Stadt Schermbeck.

Henrik Feltmans Stich aus der Zeit zwischen 1660 und 1669 zeigt den Verlauf der Stadtmauer auf der Südseite der befestigten Stadt Schermbeck. © Helmut Scheffler (Repro)

Burg und Stadtmauer haben während einiger Stadtbrände fast gar nicht gelitten. Beim Stadtbrand am 14. August 1424 oder 1425 soll laut Übersetzung einer lateinischen Inschrift am Tage vor dem Feste Himmelfahrt „die Stadt Schermbeck besetzt und ganz mit Kirche und Burg in Brand“ gesteckt worden sein. Beim zweiten Stadtbrand im Sommer 1483 wurde die Burg nicht zerstört.

Aus der Tatsache, dass in zwei Bittschriften von 1640 und 1641 in der Liste der 65 beschädigten Häuser die Burg fehlt, kann man schließen, dass diese beim dritten Stadtbrand am 28. Juni 1640 nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die beiden Stadttore hatten hingegen sehr gelitten. Beim vierten Stadtbrand am 29. September 1742 tauchen in keinem der von Maas gefundenen Bittschreiben über die Brandgeschehnisse Teile der Befestigungsanlage auf.

Mauer wurde abgebaut

Beim fünften großen Stadtbrand im März 1945 gab es den größten Teil der Stadtmauer gar nicht mehr. Die Stadtmauer war noch auf Karten im 18. und frühen 19. Jahrhundert in Teilen zu erkennen. Mit der teilweisen Niederlegung von Mauern und Wällen wurde ab 1718 begonnen, wobei auch der Stadtgraben mit Material des vorgelagerten Walls zugeschüttet und das neu gewonnene Land verpachtet wurde.

Mit der Eingliederung Schermbecks in den preußischen Staat nach der kurzen Zeit der französischen Fremdherrschaft verlor Schermbeck an überregionaler Bedeutung. 1832 wurden die Stadttore und die dazu gehörenden Torschreiberhäuser verkauft.

Reste der Mauer sind noch heute zu erkennen

Reste der Mauer und des vorgelagerten Grabens sind noch heute im Gelände zu erkennen. Bauliche Reste des Mühlentores und des Steintores sind oberirdisch zwar nicht erhalten, wohl aber Teile der Stadtmauer an zwei Stellen: südlich der Straße „Hinter der Mauer“ und nördlich des Vereinsheims der Sportschützen Schermbeck an dem Parkplatz vor der Brücke zum Bösenberg, wo die Stadtmauer am ehesten ihrem ursprünglichen Aussehen ähnelt.

Die Stadtmauer im Bereich „Hinter der Mauer“ wurde beim Anlegen des Volksbank-Parkplatzes im ehemaligen Wallgraben im Jahre 2002 restauriert. 2011 tauchten Teile der Stadtmauer auf, als in der Georgstraße ein Gebäude abgerissen wurde.

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