Aufkleber-Aktion „freiwillig 130 max.“ setzt auf Einsicht statt Tempolimit

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Ein Tempolimit auf Autobahnen sei „gegen den Menschenverstand“. Das sagt Verkehrsminister Andreas Scheuer. Der Schermbecker Walter Vieth ist anderer Meinung. Und er hat einen Plan.

Schermbeck

, 23.02.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Warum beschäftigt sich ein 82-Jähriger mit dem Thema Tempolimit? Walter Vieth erzählt von einem Besuch vor drei Wochen, als Freunde aus Köln berichteten, dass sie auf der Fahrt nach Schermbeck mehrfach von hinten auf der Autobahn „bedrängelt“ worden seien.

In der anschließenden Diskussion um ein Tempolimit ging es auch darum, dass Deutschland das einzige europäische Land ohne Tempolimit auf Autobahnen ist. „Eine Begrenzung wird aktuell verhindert durch unseren Verkehrsminister und die starke Autolobby“, sagt Vieth. In diesem Moment habe er sich gefragt: „Muss man alles gesetzlich regeln?“

„Da war ich anderer Meinung“

Vieth brachte ins Gespräch, dass man ja auch auf Freiwilligkeit setzen könne. „Meine Freunde waren der Meinung, es gebe nur wenige Leute, die so etwas freiwillig machen würden. Da war ich anderer Meinung.“

Vieth glaubt, dass eine Freiwilligkeit für Tempo 130 auf Autobahnen bei der Mehrzahl der Autofahrer vorhanden wäre. „Kann man daran nicht in irgendeiner Form appellieren?“ So kam Vieth auf die Idee, Aufkleber für die Heckscheibe von Autos anzufertigen.

Eine einfache Botschaft sollten die Aufkleber haben, die Vieth entworfen hat: „freiwillig 130 max.“ „Alle haben sofort kapiert, um was es geht“, sagt Vieth über sein Umfeld, dem er den Aufkleber-Entwurf zeigte. „Natürlich kann man auch lange Aufsätze und Berichte schreiben, aber das hilft ja nichts.“

„Mein Auto fährt sicherlich 220“

Wie ist Vieth selbst im Auto unterwegs? „Mein Auto fährt sicherlich 220. Aber das habe ich noch nicht gesehen.“ Er stelle auf Autobahnen den Tempomat auf 120 km/h ein. „Wenn es ganz frei ist, auch mal auf 130. Aber dann ist Ende.“

Vieth kann auf 67 Jahre am Steuer zurückblicken. Mit 15 Jahren machte er den Führerschein, durfte mit 16 Auto fahren, wenn die Eltern daneben saßen. „Ich habe unglaubliches Glück gehabt“, sagt Vieth. Denn in all den Jahren hatte er keinen einzigen Unfall.

„Einzelhandelsveteran“ nannte ihn mal das Handelsblatt

Umso erstaunlicher ist das, wenn man Vieths beruflichen Werdegang kennt. Vieth stellte im Unternehmen von Karl Albrecht die ersten Supermärkte auf das Konzept der Discounter um, die das Aldi-Imperium begründen sollten. Vieth war Organisator und Geschäftsführer im ersten großen Metro-Markt in Essen, war Organisationschef der Spar-Zentrale Niederrhein, Geschäftsführer bei Plus und in der Wissoll-Schokoladen-Fabrik. „Einzelhandelsveteran“ nannte ihn mal das Handelsblatt.

In diesen vielen Aufgabenbereichen fuhr er oft mehr als 100.000 Kilometer pro Jahr. Ohne einen einzigen Unfall! „Ich habe einen Schutzengel gehabt“, sagt Vieth. Und: „Vor dem Hintergrund habe ich gemeint, dass ich den Mund mal aufmachen darf.“

Höhere Anspannung bei höheren Geschwindigkeiten

Als Argumente für ein Maximal-Tempo von 130 nennt Vieth, dass man bei höheren Geschwindigkeiten einen höheren Blutdruck, eine höhere Anspannung und eine höhere nervliche Belastung habe. Was auch mit den höheren Fahrgeräuschen zusammenhänge. Inwieweit höhere Geschwindigkeiten die Umwelt belasteten, sei umstritten, so Vieth. Dass eine niedrigere Geschwindigkeit zu weniger Verkehrstoten und -verletzten führen werde, da ist er sich sicher.

Und dafür ist er bereit, etwas zu tun. Er schrieb mehrere Umweltorganisationen an, „die offensichtlich noch Vorbehalte haben“. Vieth sprach mit einer Druckerei, die demnächst 500 Aufkleber drucken wird. „Vielleicht ist es eine Illusion, dass der Appell an die Freiwilligkeit etwas nutzt, aber ich habe noch niemanden gefunden, der nicht spontan bereit war zu sagen, das klebe ich an mein Auto“, sagt Vieth.

Aufkleber-Erlös soll Klimaschutz unterstützen

Vieth will die Aufkleber ab Anfang Mai in Schermbeck und Dorsten verkaufen. Wo, darüber steht er noch in Gesprächen mit Händlern. 2 Euro sollen die Aufkleber kosten, wobei Vieth keinen Gewinn erzielen will: „Was übrig bleibt, soll einer Organisation zugute kommen, die sich um die Umwelt kümmert.“

Konkret will Vieth die 16-jährige Umweltaktivistin Greta Thunberg aus Schweden unterstützen, die für eine konsequente Klimapolitik jeden Freitag demonstriert, anstatt in die Schule zu gehen. Ihre Aktion „macht mir sehr viel Spaß“, sagt Vieth, der die Argumentation teilt, dass die jetzige Klimapolitik Auswirkungen für die nachfolgenden Generationen habe werde.

„Grundsätzlich gut“ findet Frank Schulten, Geschäftsführer der Kreis-Verkehrswacht Wesel, den Einsatz von Walther Vieth. Schulten (53), Fahrlehrer von Beruf, erinnert aber auch daran, dass Tempo 130 als Richtgeschwindigkeit schon seit langer Zeit in den Fahrschulen gelehrt werde. Bei der freiwilligen Einhaltung, so Frank Schulten, „bin ich sofort dabei“.

Vielleicht gebe es aber auch noch wichtigere Aufkleber, findet Schulten. Denn Autobahnen seien statistisch die sichersten Straßen Deutschlands. Ob ein niedrigeres Tempo die Unfallzahlen senke, sei noch umstritten in der Fachwelt. „Die Unfallfolgen werden bei geringerer Geschwindigkeit geringer ausfallen“, glaubt er. Schulten würde etwa für Aufkleber an Lkw plädieren, die auf den toten Winkel hinweisen.

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