Ein uneheliches Kind, eine Gen-Analyse und die Suche nach dem unbekannten Uropa

rnAhnenforschung

Ein „Herr Endemann“ aus „Scharmbeck“: viel mehr wusste Christian Stolz nicht über seinen Uropa. Wie er ihn dennoch in Schermbeck fand - und was eine Gen-Analyse damit zu tun hat.

Schermbeck

, 05.09.2019, 10:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Prof. Dr. Christian Stolz, Jahrgang 1977, lebt mit seiner Familie in Klapholz in Schleswig-Holstein. Als Geograph bildet er an der Universität Flensburg künftige Erdkunde-Lehrer aus. Schon als Kind wollte er wissen, wer sein Uropa ist. Er habe auch seine Oma Luise gefragt: „Aber einem 12-Jährigen erzählte sie natürlich nicht, dass sie ein uneheliches Kind war.“

1989 starb Großmutter Luise. Christian Stolz ließ die Lücke im Stammbaum, die unbeantwortete Frage nach seinem Uropa keine Ruhe. „Im April wurde mein Sohn geboren, da kam das wieder auf.“ In Scharmbeck (Niedersachsen) wurde Stolz bei der Ahnenforschung nicht fündig. Von seiner Tante erfuhr er aber, dass seine Urgroßmutter in der Nähe der holländischen Grenze schwanger geworden sei. „Also musste es Schermbeck sein.“

„Darüber war man offenbar wenig erfreut“

Karoline Schäfer, damals 18 Jahre alt, stammte aus Hausen über Aar (Hessen) und wurde 1908/09 zur Lehre auf einen Hof in Schermbeck geschickt. Schwanger kehrte sie nach Hause zurück. „Darüber war man offenbar wenig erfreut und ihr Vater arrangierte eine Ehe mit einem 29 Jahre älteren Musiker aus der Region“, so Stolz.

Das uneheliche Kind, Oma Luise, kam im November 1909 auf die Welt und wurde vom Ehemann adoptiert. Wer der leibliche Vater war, findet sich nicht in ihrem Geburteneintrag. „In der Familie wurde aber erzählt, dass er Endemann mit Nachnamen hieß“, so Stolz.

Verspäteter Heiratswunsch

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs - Karoline Schäfer war da schon Witwe - sei besagter Endemann in ihrem Ort im Taunus mit einem Auto aufgetaucht und habe sie heiraten wollen, so berichtete die Familie. Karoline lehnte ab. Mehr wusste Stolz nicht, „da in der Familie nie wirklich offen über die Sache gesprochen wurde“.

Im Juni war Stolz auf Durchreise zu einer Tagung in Aachen in Schermbeck. In Gahlen hatte er eine Familie Endemann ausgemacht, die allerdings keinen Vorfahren hatte, auf den die Beschreibung seines Uropas irgendwie gepasst hätte.

Dennoch lief Stolz an diesem Junitag zum Gahlener Friedhof, um weitere Nachforschungen anzustellen. Bei der Unterhaltung mit einer älteren Dame dort habe die den Denkfehler gleich erkannt: Gahlen gehörte 1909 noch nicht zu Schermbeck. Der gesuchte Hof, zu dem auch der mutmaßliche Uropa gehörte, konnte also nicht in Gahlen liegen.

Volltreffer

Mit dem Bus fuhr Stolz nach Schermbeck zurück und besuchte den Brichter Friedhof. „Meine Suche auf den vielen Grabsteinen wäre endlos gewesen“, sagt Stolz, stattdessen landete er mit viel Glück einen Volltreffer. Hans Jörres erinnert sich: „Ich und meine Frau hatten Blumen gegossen und ich wollte gerade die Gießkanne weghängen, als Herr Stolz mich ansprach.“

Als alter Schermbecker kannte Jörres den „Endemanns Hof“ in Bricht und nahm Christian Stolz direkt in seinem Auto dorthin mit. Der jetzige Pächter konnte nicht viel zur Aufklärung beitragen, dafür aber ältere Nachbarn, die Jörres ebenfalls kannte.

Nachbarn kannten „Herrn Endemann“

Die Nachbarn, so Stolz, „erzählten, dass die Familie Endemann mit dem Ableben des letzten noch lebenden Nachkommens Albrecht Berger 2017 ausgestorben sei und der Hof nun einem Verwandten seiner (angeheirateten) Frau gehöre und verpachtet sei. Schnell, war den älteren Leutchen auch klar, dass es sich bei dem Gesuchten nur um Ernst Wilhelm Schulte-Endemann gehandelt haben kann, den eine der älteren Damen als Kind sogar noch persönlich gekannt hatte.“

Kein anderer Endemann sei in den 1940er-Jahren ledig gewesen, so die Nachbarn, die auch berichteten, dass Ernst Wilhelm Schulte-Endemann sein Leben lang Junggeselle gewesen sei, der sehr viel reiste, und in den 1940er-Jahren wohl mit dem Auto seines besten Freundes die Uroma besucht haben musste.

Ein uneheliches Kind, eine Gen-Analyse und die Suche nach dem unbekannten Uropa

Rechts im Bild ist der mutmaßliche Urgroßvater von Christian Stolz zu sehen: Ernst Wilhelm Schulte Endemann (1874-1956) auf Besuch in Gdingen/Gotenhafen bei Danzig (heute Gdynia, Polen) während des Zweiten Weltkriegs. © privat

Stolz: „Ernst war 1874 geboren, also 35, als meine damals 18-jährige Großmutter 1908/1909 in Schermbeck war.“ Er sei der Sohn des damaligen Hofbesitzers gewesen und 1956 unverheiratet gestorben. Sein Bruder Fritz hatte den Hof weitergeführt. Waltraud Jörres, der Frau von Hans Jörres, gelang es sogar noch, ein Bild von einer Bekannten aufzutreiben, dass Ernst Endemann zeigt.

Auf einem Foto seiner Großmutter Luise stellten die Nachbarn fest, dass sie Ernst Endemann sehr ähnlich sehen würde. Umgekehrt glaubte auch die Tante von Christian Stolz, Ernst Endemann eindeutig wiederzuerkennen, den sie als 12-Jährige mit dem Auto hatte vorfahren sehen.

Ein uneheliches Kind, eine Gen-Analyse und die Suche nach dem unbekannten Uropa

Die Urgroßmutter von Christian Stolz, Karoline Schönborn, geboren Schäfer, auf einem Bild von etwa 1940. © privat

Der Familie Jörres gelang es sogar, auf dem Friedhof in Drevenack die Gruft zu finden, in der die Familie Endemann, auch Ernst Endemann, seine letzte Ruhe gefunden hat. Ende August besuchte Christian Stolz mit seiner Familie und Hans Jörres das Grab. Christian Stolz bedankte sich bei Familie Jörres „für die unglaublich tolle Mithilfe und ihre Recherchen“.

Gen-Analyse

Stolz ist bewusst, dass es einen letzten Beweis für die Identität seines Großvaters nie geben wird. Aber es gibt ein weiteres Indiz für die Richtigkeit. Stolz hatte vor Jahren eine Gen-Analyse machen lassen, um darüber herauszufinden, woher seine Verwandschaft stammt.

Über ein Portal fand er viele Übereinstimmungen in Hessen und Rheinland-Pfalz, aber auch einen Mann in Kanada, der identische Gen-Sequenzen zu denen von Christian Stolz aufweist. Von diesem weiß Stolz, dass dessen Vorfahren im 18. oder 19. Jahrhundert ausgewandert waren, aber aus der Nähe von Dorsten stammten. Stolz glaubt, dass diese mit Ernst Endemann verwandt gewesen sein müssen.

Stolz: „Meine Großmutter war ein uneheliches Kind. Dennoch gehe ich fest davon aus, dass es sich bei ihren Eltern um eine unglückliche Liebe gehandelt hat. Sonst wäre Ernst Endemann mit Sicherheit nicht noch Jahrzehnte später zu meiner Urgroßmutter gereist, um sie zu heiraten.“

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