"Es fehlt an Brückenbauern"

Integrai.de-Projekt

Etwa 20 Flüchtlinge konnten die ehrenamtlichen Schermbecker Job Coaches des Programms "Integrai.de" bislang in Arbeit bringen. Berthold Fehmer sprach mit Jana Magdanz und ihrem Mann Paul Drewes-Magdanz, die das Projekt in Schermbeck vorangetrieben haben.

Schermbeck

, 25.08.2017, 18:05 Uhr / Lesedauer: 4 min
"Es fehlt an Brückenbauern"

Jana Magdanz konnte den Syrer Ammar Jlilati in den Schermbecker Metallbaubetrieb Ludger Zens vermitteln. Dort arbeitet er schon seit fast einem Jahr und will sich nach einer längeren Einarbeitungszeit sein Studium anerkennen lassen. Dazu, so Magdanz, müsse er eine Art verkürzter Gesellenprüfung nachholen.

Frau Magdanz, trotz eines großen Aufrufs haben sich Ende vergangenen Jahres nur fünf Job Coaches schulen lassen. Das waren Sie, Ihr Mann, Ihre Eltern sowie Patrick Bönki. Waren Sie enttäuscht, dass die Resonanz so gering war? Ich war völlig irritiert, dass sich niemand gemeldet hat, obwohl wir viel Werbung gemacht haben. Dann habe ich meine Eltern verpflichtet, die gesagt haben: Gut, das machen wir mit. Aber wir bräuchten viel mehr Leute, die mithelfen. Vielleicht Rentner mit Zeit und Kontakten, die sie über ihr ganzes Leben aufgebaut haben. Ich habe zwei Kinder, einen Job und 20 Flüchtlinge, mit denen ich regelmäßig zu tun habe. Das ist der harte Kern, der immer wieder meine Unterstützung braucht. Ich rotiere dann. Aber ich merke an jedem einzelnen Schicksal: Die brauchen meine Unterstützung.

Was glauben Sie, war der Grund, dass sich niemand meldete. Wirkte das Konzept zu kompliziert oder war die Herausforderung zu groß? Das kann ich nicht einschätzen. Mich hat es überhaupt nicht geschreckt, weil ich froh war, durch die Schulung Kompetenzen zu bekommen. Viele Leute haben aber schon sehr viele Herausforderungen in ihrem Leben. Sich da auf etwas Neues einzulassen, von dem man vielleicht erst mal keine Ahnung hat – das bedeutet schon, die eigene Komfortzone zu verlassen.

Dabei gab und gibt es ja sehr viele Ehrenamtler, die sich in Schermbeck um Flüchtlinge kümmern… Es gibt ein breites Engagement. Aber jetzt geht es darum, dass sich weitere Personen bereit erklären, sich für dieses Thema zu engagieren. Vielleicht ist es einigen zuviel Verantwortung. Ich muss ja sagen können: Du brauchst eine Genehmigung, oder du brauchst keine. Ich stehe beim Arbeitgeber im Wort, wenn ich einen Tipp gebe. Wenn sich das als falsch herausstellt, kann man mich natürlich nicht rechtlich belangen. Aber ich habe dann schon mal eine schlaflose Nacht gehabt. Vielleicht ist das Problem auch dieses Formulare-Ausfüllen, oder beim Amt anzurufen. Dabei macht das eigentlich Spaß. (Sie sieht die hochgezogenen Augenbrauen des Interviewers) Wirklich! Bei der Ausländerbehörde oder beim Jobcenter – da sind so freundliche Menschen. Sobald man ein Gegenüber hat, helfen die. Wenn man jemanden vermittelt hat, die Dankbarkeit sieht, das ist wie eine warme Dusche. Manchmal war dafür wirklich nur ein Anruf nötig.

Wie ging es nach der Schulung weiter? Wir wollten strukturiert vorgehen, um möglichst schnell vielen Leuten zu helfen. Wir haben so eine Art Speed-Dating gemacht. Die geflüchteten Menschen, hauptsächlich die, die im Ecco-Hotel leben, haben wir im Viertelstunden-Takt bestellt. Wir haben ein Profil aufgenommen, gefragt, was sie können, was sie schon gemacht haben. Dann haben wir geguckt: Wo könnte so jemand konkret eingesetzt werden? Und angefangen, zu telefonieren und Klinken zu putzen. Wenn Leute vermittelt werden konnten, wurde der Pool wieder erweitert.

Wo lagen Schwierigkeiten, wenn Flüchtlinge im Job angefangen haben? Wenn Arbeitsverhältnisse gleich gescheitert sind, lag es immer daran, dass keine Verständigung möglich war. Da funktioniert es schon in der Küche nicht. Geschweige denn in komplizierteren Berufen, weil ständig Missverständnisse auftauchen. So haben wir etwa einen Bäcker zweimal vermittelt. Er war Konditormeister im Irak, kann wunderbare Torten backen, ein sympathischer Kerl. Da haben wir aber gesagt: Der muss zuerst bis B1 Deutsch lernen, dann machen wir den nächsten Versuch.

Wenn jemand scheiterte, war dann immer die Sprache der Grund, oder gab es auch andere Faktoren? Ja, leider. Zum Beispiel in einer Gärtnerei war jemand gut unter und dann schleift sich mit der Zeit so ein Schlendrian ein. Das ist auch manchmal Einstellungssache und kulturell zum Teil sehr unterschiedlich.

Können Sie das definieren? Bei syrischen Bürgern habe ich den Eindruck, die haben eine ähnliche Einstellung wie wir. Gerade wenn eine gewisse Vorbildung da ist, jemand eine Universitätslaufbahn begonnen oder abgeschlossen hat, dann brauche ich mir gar keine Gedanken machen.

Können Sie ein Beispiel geben, wo es schwieriger war? Ich hatte einen jungen Mann aus dem Irak, der nicht verstehen konnte, dass er gleich morgen anfangen sollte. Er wollte sich erst mal zwei Wochen darauf einstellen, mit der Arbeit zu beginnen. Er fragte, ob er wirklich jeden Morgen halb Acht kommen müsse, oder Viertel nach Acht oder halb Neun auch ginge? Der Arbeitgeber stand daneben! Ich habe ihm gesagt: Das ist deine Chance, reiß dich zusammen, mach! Und es hat funktioniert. Aber es braucht manchmal diesen Extra-Anlauf. Ich würde mich gerne länger um solche Menschen kümmern, aber es geht nicht, weil es zu viele sind.

In welchen Branchen konnten Sie die Geflüchteten unterbringen? Ich hatte durch meine Arbeit bei „Wir sind Schermbeck“ gute Kontakte zu Gastronomen. Viele der Geflüchteten sind ungelernte Kräfte, das passte also ganz gut. Aber wir haben auch Auszubildende in ganz anderen Bereichen untergebracht. Da war ein Rechtsanwaltsgehilfe dabei, ein Gas- und Wasser-Installateur, ein Frisör, der in Erle angefangen hat, ein Metallbauer, einer fängt demnächst in einer Schreinerei an.

Herr Drewes-Magdanz, Sie betreuen das Integrai.de-Projekt nicht nur in Schermbeck, sondern auch in Warburg. Wie funktioniert es da? In Warburg läuft es anders. Dort gibt es einen Kreis von zehn bis zwölf Leuten, darunter der stellvertretende Bürgermeister, Vertreter aller Parteien, der Polizei, der Diakonie. Die Stadt hat dort eine eigene Flüchtlingsbeauftragte. Ich glaube, die Menschen in Schermbeck ahnen nicht, wie leicht es ist, Brücken zu bauen. Im Moment wird die Flüchtlingsthematik im Wahlkampf unterdrückt. Aber das Problem ist nicht gelöst. Soziale Akzeptanz erhalten diese Menschen, wenn sie etwas zur Gesellschaft beitragen. Dazu sind nicht alle in der Lage, aber denen, die es können, sollten wir es ermöglichen.

Welche Unterstützung bräuchten Sie in Schermbeck? Etwa fünf weitere Job-Coaches, die mithelfen. Es fehlt in Schermbeck an Brückenbauern. Wir kennen doch alle unsere Handwerker, unsere Gastronomen, die Menschen, die für uns Dienstleistungen vollbringen. Diese anzusprechen, zu fragen: „Braucht ihr nicht noch jemanden?“ Das würde uns doch total leicht fallen.

Wer sich für das Projekt Integrai.de interessiert, kann sich an Jana Magdanz wenden. E-Mail: jana.magdanz@t-online.de

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