Freispruch nach Stich in den Rücken

Täter litt unter Schizophrenie

Weil er sich durch dessen „Böllern“ gestört fühlte, hat ein heute 47-jähriger Schermbecker in der Silvesternacht (1. Januar 2013) um 1.15 Uhr einen heute 25-Jährigen mit einer Schere in den Rücken gestochen. Dies räumte er am Donnerstag am Weseler Amtsgericht ein – und wurde freigesprochen.

Schermbeck

, 11.02.2016, 17:44 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das Opfer hatte mit Freunden an der Dorstener Straße gefeiert. Im Kofferraum eines Autos habe er einen „Knallfrosch“ gefunden, gezündet und ins benachbarte Feld geworfen, so der 25-Jährige. Als er sich wieder in den Kofferraum beugte, um weitere Knaller zu suchen, habe er „einen Schmerz in der Seite gespürt. Ich drehte mich um, fragte: ‚Warum hast du mich geschlagen?‘ Er antwortete: ‚Das hast du jetzt davon‘“. Erst dann habe er das Blut gesehen, so der 25-Jährige. Und, dass der Mann mit einer Schere in der Hand zu seinem Haus lief. Im Krankenhaus stellten die Ärzte eine Verletzung der Leber fest. Fünf Tage musste das Opfer dort bleiben – der Täter entschuldigte sich noch am selben Tag bei ihm.

Komödie angesehen

Er habe an dem Abend Wein getrunken (ein späterer Bluttest ergab 1,54 Promille), gab der 47-Jährige vor Gericht mit stockender Stimme zu. Dabei habe er, der damals im Haus seiner Schwester wohnte, sich eine Komödie angesehen. Immer, wenn es im Film geknallt habe, habe er auch draußen Knallgeräusche gehört. „Als ob mich von außen jemand beobachtet. Das hat mich ziemlich aufgeregt und in Rage versetzt“, so der 47-Jährige. Er ging nach draußen, traf auf seinen Neffen und dessen Freund, die mit dem 25-Jährigen böllerten. „Sehr aggressiv“, so der Neffe, sei sein Onkel gewesen, als er sie anschrie, sofort zu dem Knallen aufzuhören. Da ihm die „Vorgeschichte“ seines Onkels bekannt gewesen sei, hätten sie dem Folge geleistet. Sein Onkel sei wieder auf dem Rückweg zu seinem Haus gewesen, als der 25-Jährige rund 30 Meter entfernt den „Knallfrosch“ zündete. „Er hatte den Streit gar nicht mitbekommen“, sagte der andere Zeuge.

Lange Drogenkarriere und paranoide Schizophrenie

Die „Vorgeschichte“ des 47-Jährigen schilderte eine Gutachterin. Schon mit 18 Jahren sei er mit Drogen in Berührung gekommen. Alkohol, Cannabis, Speed – und jahrelang habe er Heroin genommen. Gleichzeitig leide er an paranoider Schizophrenie, habe schon seit 1998 „Stimmen gehört, die über ihn sprechen“.  Die Verfolgungsgedanken habe er in ersten Gesprächen der Gutachterin gegenüber verheimlicht, gestand der Angeklagte. „Da war ich nicht ganz offen zu Ihnen. Ich wollte nicht als unzurechnungsfähig erscheinen.“ 

"Sehr verantwortungsbewusst"

Widerstandslos habe er sich damals in seiner Wohnung festnehmen lassen, erklärten die Polizeibeamten. Noch am selben Tag erklärte er gegenüber der Polizei, dass er sich von nun an friedlich aufführen wolle. Zwei Suchttherapien absolvierte er seitdem, ließ sich unter Betreuung stellen und wohnt nun in Duisburg in einem ambulant betreuten Wohnverbund mit anderen ehemaligen Drogenabhängigen. Als gut eingebunden und sehr verantwortungsbewusst erlebe sie ihn dort, sagte eine Betreuerin.

Ohne Medikamente und feste Strukturen, so die Gutachterin, könne es aber jederzeit „schwierig“ für den Angeklagten werden, da nicht auszuschließen sei, dass die paranoide Schizophrenie „chronifiziert“ sei. Zum Tatzeitpunkt sei er jedenfalls nicht steuerungs- und einsichtsfähig gewesen.

Freispruch

Diesem Argument folgten Staatsanwältin und Verteidiger, die Freispruch aufgrund fehlender Schuldfähigkeit forderten trotz erheblicher Vorbelastungen, unter anderem wegen Diebstahls, Einfuhr von Betäubungsmitteln, Nötigung, vorsätzlicher Körperverletzung. Der Richter folgte den Anträgen, machte dem Angeklagten aber sehr deutlich, dass dies kein „Freibrief“ sei. Zum Opfer sagte der Richter: „Zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Lesen Sie jetzt