Frontübergang: Erinnerung an Kindheit mit Bomben und Maschinengewehren

rnZweiter Weltkrieg

Amerikanische Panzer erreichten Gahlen am 27. März 1945. Den Frontübergang, der sich zum 75. Mal jährt, hat der Schermbecker Hermann Ostrop (85) in Dorsten und Gahlen erlebt.

Schermbeck, Dorsten

, 26.03.2020, 12:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nachdem die amerikanischen Soldaten am 26. März 1945 Hünxe erobert hatten, standen Spitzen der 30. Division des 16. US-Korps schon vor Gahlen - obwohl die 116. Panzerdivision mehrere Male hartnäckig Widerstand leistete. Der deutsche Wehrmachtsbericht vermerkt, dass die amerikanischen Panzer am 27. März Gahlen erreichten - der Dienstag vor dem Osterfest.

Seine Erinnerungen hat der gebürtige Dorstener Hermann Ostrop im Buch „Meine Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegsjahre“ zusammengefasst. Auf zehn Seiten berichtet Ostrop über die Erlebnisse seiner Familie in den Tagen des Frontübergangs. Diesem Buch wurden die folgenden Abschnitte entnommen.

Bevölkerung floh aufs Land

22. März 1945 in Dorsten: „Es war ein wunderschöner Vorfrühlingstag, strahlend blauer Himmel am Morgen. Ich drängte meine Eltern, zum Hause des Großvaters in Deuten zu gehen. Mein Vater wollte nicht, er hatte Bedenken, dass uns die Tiefflieger in Venhoffs Feld überraschen könnten. Von den Flugzeugen aus wurde auf alles geschossen, was sich bewegte. Ich weiß nicht, ob wir in Dorsten überlebt hätten, auch in Nähe unseres Bunkers fielen schwere Bomben. Die ganze Nachbarschaft hatte sich auf den Weg in ländliche Gebiete gemacht.“

In Deuten angekommen verbrachte die Familie einen Fliegeralarm während des Luftangriffs auf Dorsten im Keller der Familie Lüer. „Mutters Elternhaus in Deuten“, so Hermann Ostrop. „Hier fühlten wir uns sicher, eigentlich war das ein großer Irrtum.“ Denn wenn das Munitionslager zwischen Deuten und Wulfen bombardiert worden wäre, wären die Folgen für Deuten verheerend gewesen. „Gut, dass wir das damals nicht gewusst haben.“

„Nach dem Fliegeralarm war ich im Garten des Hauses. Von Dorsten her kam eine graue Wand aus Staub, der Himmel über Dorsten war dunkel.“ Ein älterer Mann, der aus Dorsten kam, habe auf Nachfrage des Vaters gesagt: „Et is alles kapott.“

„Überall Schutt und Trümmer“

In Dorsten sah die Familie dann selbst das Ausmaß der Zerstörung: „Ein Gang durch die Innenstadt war nicht möglich. Überall Schutt und Trümmer, überall Feuer.“ Die Wohnung der Familie auf der Baldurstraße war kaum betroffen. „Nur in der Kommode im Zimmer unserer Eltern steckte ein Granatsplitter.“ Die Familie packte Essen ein und ging zu einem Hof in Gahlen-Besten. „Dort wohnte Tante Lena, Vaters Schwester.“

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Die Front rückt näher: „Am Abend vor dem Frontübergang kam ein Trupp deutscher Soldaten auf den Hof. Nach einer Rast bat Vater die Soldaten, doch weiter zu ziehen. ‚Wenn die Amis oder Tommys kommen, dann schießen sie uns doch den Hof in Grund und Boden‘, meinte er. Der das Kommando führende Soldat drohte mit standrechtlicher Erschießung wegen Wehrkraftzersetzung. Gott sei Dank blieb es nur bei der Drohung.“

„Rattern der Maschinengewehre hörte nicht auf“

„Wir alle verbrachten die Nacht im Keller des Hauses. Es gab für alle nur wenig Platz. In der Nacht hörte das Rattern der Maschinengewehre nicht auf. Man hatte den Eindruck, als seien sie direkt vor dem Kellerfenster aufgebaut. In den frühen Morgenstunden kamen dunkelhäutige Soldaten mit vorgehaltenen Gewehren in den Keller. Wir verhielten uns alle still. Aber auch die fremden Soldaten hatten Angst und Schweißperlen auf der Stirn.“

„Einige Tage blieben wir im Keller. Vor dem Haus lag ein deutscher Soldat, den Kopf vornüber gebeugt, der Nacken war durchgetrennt. Das Bild von dem toten Soldaten habe ich noch heute deutlich vor Augen. Es war der deutsche Soldat, der sich am Abend auf dem Hof verschanzt hatte, als alle seine Kameraden abgezogen waren. Er hatte das Feuer auf den anrückenden Feind eröffnet und war dann bald gefallen. Vater und Vetter Johann Weber haben ihn in einem Wäldchen neben dem Haus beerdigt.“

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