Hebamme seit 25 Jahren

Sabine Balster

"Das größte Glück bleibt ein gesundes Kind im Arm.“ Das sagt Sabine Balster auch nach 25 Jahren Tätigkeit als Hebamme. Was sich in der Zeit getan hat, welchem Druck sich Mütter aussetzen und was man dagegen tun kann, darüber sprach sie im Interview.

17.10.2016, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min
Hebamme seit 25 Jahren

Sabine Balster ist seit 25 Jahren Hebamme.

Warum wollten Sie Hebamme werden? Ich habe schon in meiner Jugendzeit nicht Bravo gelesen, sondern Elternzeitschriften. Als 17-Jährige habe ich mich deutschlandweit von Kiel bis Ulm beworben, Stuttgart hat mich genommen. Im Nachhinein war ich froh, denn wir haben damals alternative Geburtshilfe gelernt. Kügelchen, Globuli, Gebärhocker – das war da normal. Nach der Ausbildung bin ich in die Paracelsus-Klinik in Marl gegangen und da in Schockstarre gefallen.

Warum? Weil die Geburtshilfe im Ruhrgebiet noch ganz anders war. Nicht so familienfreundlich. Nach 15 Monaten bin ich nach Buer ins Marien-Hospital gewechselt, ein altes Gemäuer, ein super Team. Ich hab mal recherchiert: 280 Geburten habe ich geleitet.

Wie ging es weiter? Dann bin ich ungeplant nach drei Jahren schwanger geworden. Die drei Jahre Erziehungsurlaub habe ich mit dem nächsten Kind verlängert (lacht). Nach sechs Jahren habe ich zu meinem Mann gesagt: „So, jetzt wäre eigentlich wieder ein Kind fällig.“

Dann haben Sie sich aber selbstständig gemacht? Mein Mann war damals viel auf Montage – er geht um halb fünf aus dem Haus, ich wäre vom Nachtdienst um halb acht nach Hause gekommen. Wen kriegt man da, um die fehlende Betreuungszeit zu überbrücken? Wir haben überlegt, dass ich kündige und freiberufliche Hebamme werde. Wir haben den Keller ausgebaut, alles fertiggemacht. Acht Wochen später war ich wieder schwanger (lacht). Drei Mal hatte ich eine Hausgeburt versucht und da hat es geklappt. Über den ungeplanten Kaiserschnitt bei der ersten Geburt war ich sehr unglücklich. In der Geburtsvorbereitung sagte mal ein Vater: „Hebamme mit Kaiserschnitt ist ja wie Fahrlehrer ohne Führerschein.“

Wird man als Frau mit so einem Satz nicht zu sehr unter Druck gesetzt? Absolut. Frauen setzen sich schon selbst unter Druck. Und das habe ich auch getan. Ich sehe als Hauptteil meiner Arbeit: Druck abbauen.

Mit dem Wissen im Kopf: Warum musste es bei Ihnen unbedingt doch noch eine Hausgeburt sein? Das hat alles heil gemacht. Ich habe hinterher gedacht: Ein Schuss Heroin wird wohl eine ähnliche Wirkung haben. Ich hätte getanzt, ich habe gefeiert, ich habe gelacht, ich habe geweint. Das war ein ganz grandioser Moment.

Welchen Druck machen sich Frauen selbst? Die Frauen, die ich betreue, sind oft Frauen, die 30, 35 oder Ende 30 sind. Die aus einem erfolgreichen Berufsleben kommen. Die haben studiert, haben Projekte abgeschlossen. Jetzt haben sie das Projekt: Ich bekomme ein Kind, das auch gut abgeschlossen werden muss. Das fängt an bei hunderten Arztkontrollen. Ultraschall hier, Ultraschall da. Dann die Rennerei durch die Kreißsaalführungen. Internetforen ohne Ende – fast mehr als mit dem Freundeskreis zu sprechen. Durch die sinkende Geburtenzahl …

… die steigt doch wieder …? Seit zwei Jahren aber erst. Deshalb waren nicht mehr so viele Frauen zum Austausch da. Dahinter steht der Glaube: Wenn ich alles mitmache – alle Vorsorgeuntersuchungen, alle Blutentnahmen, alle Ultraschalle –, dann habe ich ein gesundes Kind verdient. Wir erwarten, dass unsere Babys mit einem Garantie-Stempel auf dem Popo zur Welt kommen. Wenn wir uns auf ein Kind einlassen, bleibt uns aber nur der Glaube. „Guter Hoffnung sein“, sage ich in den Kursen. Mehr kann man letztlich nicht.

Welchen Druck gibt es noch? Dann ist das Baby da und es kommt die krasse Erkenntnis: Es ist nicht zu Ende, es ist der Anfang. Schlaflose Nächte, die Schreierei, das geht an die Nerven, an die Substanz, an die Partnerschaft. Frauen mit gehobener Ausbildung denken: Das muss eine Ursache haben, dann tun wir was dagegen und dann ist alles gut. Aber so geht das nicht.

Wie geht es denn? Ein paar Sachen muss man ausschließen – oft ist es der Hunger bei Kindern. Gewichtskontrolle ist mir wichtig. Man kann sich überlegen: Warum ist vielleicht zu wenig Milch da? Mehr trinken, mehr essen, mehr schlafen. Wo sind Ressourcen, wer kann mal einspringen, Mittagessen machen, Wäsche waschen? Aber das wollen die Frauen gar nicht. Sie wollen es ja allen beweisen. Gut aussehen wie Heidi Klum, gepflegter Haushalt, hübsches Kind – alles adrett. Das ist aber nicht die Wirklichkeit.

Das komplette Interview lesen Sie in der Print-Ausgabe und der E-Zeitung der Dorstener Zeitung.

Lesen Sie jetzt