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"Ironman" erhält das Seepferdchen

Dirk Zerressen

Sieben Jahre, nachdem Dirk Zerressen seinen Ironman-Triathlon auf Hawaii absolviert hat, hat er nun eine späte sportliche Auszeichnung erhalten. Heinz Pawlik überreichte ihm die Seepferdchen-Urkunde.

Schermbeck

, 13.10.2017 / Lesedauer: 4 min

Um diese verrückte Geschichte zu verstehen, muss man weit in die Vergangenheit zurückgehen. Dass Dirk Zerressen, den meisten Schermbeckern als Chef der Gaststätte „Ramirez“ bekannt, sich einmal mit den besten Triathleten der Welt messen würde, konnte in seiner Kindheit niemand ahnen. „Als Asthmatiker durfte ich in der Schule nicht am Schwimmunterricht teilnehmen.“ Die Schwimmabzeichen, die andere Schüler erhielten, blieben ihm also verwehrt.

Über das Laufen und auf die Anregung von Freunden hin nahm Zerressen 2004 zum ersten Mal an einem Volks-Triathlon in Borken teil. Dabei musste er unter anderem 300 Meter durch den Pröbstingsee schwimmen. Im Schwimmstil „Junger Hund“ habe er sich „unter Lebensgefahr“ durchgequält – aber dabei keinen Platz verloren. Zerressen grinsend: „Als Letzter rein, als Letzter raus.“

"Blut geleckt"

2006 war Zerressen als Zuschauer zum ersten Mal beim Ironman-Wettbewerb in Hawaii. „Da habe ich Blut geleckt.“ Jetzt kam Heinz Pawlik ins Spiel. Denn Zerressen, damals 40 Jahre alt, bat Pawlik (72), den Schwimmmeister des Schermbecker Hallenbads, der Generationen von Schermbeckern das Schwimmen beigebracht hat, um Schwimmunterricht. „Ich bin seit dem zwölften Lebensjahr im Schwimmsport tätig“, so Pawlik. Er beorderte Zerressen dreimal die Woche um 9 Uhr morgens ins Schermbecker Hallenbad. Das sei allein schon hart gewesen, gibt Zerressen zu, da er in seinem Beruf selten vor zwei, drei Uhr in der Frühe ins Bett gekommen sei.

"Drill Sergeant"

„Er konnte sich gerade über Wasser halten“, sagt Pawlik auf die Frage, wie gut Zerressen am Anfang schwimmen konnte. Und zu Zerressens ersten Schwimmversuchen: „Ich dachte, ich muss hinterher springen.“ Zerressen erinnert sich hingegen noch gut an Pawliks Satz: „Du sollst das Becken nicht aussaufen“, der immer dann fiel, „wenn ich falsch geatmet habe“. Pawlik erhielt von Zerressen den Spitznamen „Drill Sergeant“. Der lächelt heute: „Als Schwimmtrainer musst du quälen!“ Manch ältere Dame aus den damals zeitgleich stattfindenden Schwimmgymnastik-Kursen habe Mitleid mit ihm gehabt, sagt Zerressen heute. Und zeigt mit einer immer wieder zuschnappenden Hand, wie Pawlik ihm per Zeichensprache vom Beckenrand immer symbolisiert habe: „Beißen!“ Bei Pawlik erlernte Zerressen die Technik des Kraulens, des Gleitens, bekam Ausdauer und übte das Schwimmen später auch im Wesel-Datteln-Kanal. 2007 beendete Zerressen seinen ersten Ironman-Wettbewerb in England und fragte Pawlik anschließend im Training, ob er sich nicht sein Seepferdchen verdient habe. Pawliks Antwort: „Dirk, Du bist kindisch und hast nur Unsinn im Kopp.“

Männerfreundschaft

Eine echte Männerfreundschaft entstand. 2010 hatte sich Zerressen für den Ironman-Wettbewerb in Kailua-Kona, Big Island, auf Hawaii qualifiziert, die Weltmeisterschaft der Triathleten. Zerressen fragte Pawlik, ob er ihn und seinen Freund Frank Ufermann begleiten wolle. Das habe er sich nicht entgehen lassen können, sagt Pawlik. Intensiv bereitete sich das Trio vor. Pawlik erinnert sich noch an die 30 Taucher, die vor dem Rennen nach Haien im Wasser suchten. „Hätte ich das Dirk erzählt, wäre er wohl noch schneller gewesen“, sagt Pawlik heute und lacht. Einige Besonderheiten gibt es beim Schwimmen auf Hawaii. So dürfen die Triathleten keine Neopren-Anzüge tragen, weil das Wasser dafür zu warm ist und der Körper überhitzen würde. Der Auftrieb, den der Anzug bietet, fehlt aber. Zudem starten die 2000 Teilnehmer nicht vom Strand, sondern aus dem Wasser heraus, müssen also erst mal minutenlang Wasser treten. Beim Start habe ihn das Gewühle ans Catchen erinnert, sagt Pawlik heute. Zerressen: „Wenn da einer absäuft, kriegt das erst mal keiner mit.“ Auch sei der Wellengang dort so hoch, dass man sich immer wieder orientieren müsse, sagt Zerressen. „Heinz, wo bist du?“, habe Zerressen bei den ersten Schwimmeinheiten gerufen, wenn er seinen Trainer aufgrund der hohen Wellen nicht sehen konnte, erinnert sich Pawlik. Doch Zerressen schaffte am 9. Oktober 2010 die 3,86 Kilometer im Wasser, die 180 Kilometer auf dem Rad und die anschließenden 42,195 Kilometer als Läufer. „Er hat gut durchgehalten. Das hatte ich ihm nie zugetraut“, sagt Pawlik im Nachhinein stolz. Aber auch, was Zerressen ihm nach dem Zieleinlauf als erstes sagte: „Jetzt erst mal ein Bier!“

Späte Ehre

Und wie kam es nun zur späten Verleihung des Seepferdchens? Philipp Nuyken, Enkel von Heinz Pawlik, der in dessen Fußstapfen getreten und mittlerweile Betriebsleiter des Schermbecker Hallenbads ist, hatte bei Facebook die Frage in die Runde gestellt, wer welches Schwimmabzeichen habe. Zerressen antwortete, dass ihm das Seepferdchen von Heinz Pawlik verwehrt worden sei.

Das wollte Pawlik wiederum nicht auf sich sitzen lassen und überraschte Dirk Zerressen sieben Jahre nach dem Ironman-Abenteuer mit einem „Zeugnis für Frühschwimmer“, auch Seepferdchen genannt. Darin bekundete Pawlik, dass Zerressen den Sprung vom Beckenrand, das 25-Meter-Schwimmen und das Heraufholen eines Gegenstands mit den Händen aus schultertiefem Wasser gemeistert habe. Handschriftlich fügte Pawlik der Standard-Urkunde noch hinzu: „+ 3,86 km im offenen Meer“. Als Ort gab Pawlik Kailua-Kona auf Hawaii an und datierte das Ganze auf den 9. Oktober 2010.

„Damals war er noch gut in Form“, sagt Pawlik heute etwas spöttisch über Zerressen. Der gesteht die 15 Kilo Zuwachs seit dieser Zeit ein, aber das Ironman-Fieber hat ihn nicht verlassen. Im Ramirez wird der Wettbewerb, an dem auch die Schermbeckerin Britta Falkenstein teilnimmt, am Samstag (14. Oktober) ab 18 Uhr live übertragen. Mit dem Zieleinlauf wird ungefähr gegen 3 Uhr morgens gerechnet. Zerressen freute sich übrigens auch besonders über das rote Seepferdchen-Abzeichen als Aufnäher, das Pawlik der Urkunde hinzugefügt hatte. Zerressen lachend: „Das kommt erst mal auf die Badebuxe.“

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