Die Künstlergruppe „Nebelhorn“ fährt am Dienstag mit einem LKW nach Berlin, um dort in der Zeit vom 15. bis 23. Oktober im Kunstquartier Bethanien ein künstlerisches Projekt zum Thema „Grenzüberschreitungen“ zu gestalten. © Helmut Scheffler
Nebelhorn

Künstlergruppe tauscht ehemaligen Schweinestall gegen Berliner Atelier

Vom Atelier im ehemaligen Schweinestall der Stiftung Lühlerheim in die schmucken Atelierräume eines Berliner Kunstquartiers wechseln die Mitglieder der Künstlergruppe „Nebelhorn“.

Am Dienstagmorgen (12. Oktober) startet die von Raúl Avellaneda geleitete13-köpfige Künstlergruppe mit Begleitern in Richtung Bundeshauptstadt, um sich im Kunstquartier Bethanien mit Interessenten aller Altersgruppen mit und ohne Behinderung künstlerisch mit dem Thema „Grenzüberschreitungen“ zu befassen.

Die Idee dazu entstand im Jahre 2018. Mitglieder von „Nebelhorn“ beteiligten sich in Berlin am Kongress „MitSprache“, dem weltweit größten Kongress von und für Betroffene von sexuellem Kindesmissbrauch aller Kontexte. In Gesprächen mit Veranstaltern und Teilnehmern verwies Raúl Avellaneda auf die von der Gruppe „Nebelhorn“ durchgeführte Ausstellung „Macht-Missbrauch“, die im Herbst 2015 in der Duisburger „cubus kunsthalle“ stattfand. Im Rahmenprogramm befassten sich mehrere Referenten mit sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.

„Die Qualität unserer künstlerischen Arbeit, die man auch von unserer Internet-Seite kannte, war so überzeugend, dass man Interesse an einem Projekt mit uns in Berlin zeigte“, erinnert sich Avellaneda. Mit dem Angebot, im Kunstquartier Bethanien arbeiten zu dürfen, kehrten die Schermbecker in ihr Weselerwalder Atelier zurück. Man war sich einig, ein Projekt zum Thema „Grenzüberschreitung“ zu erarbeiten.

Finanzierung musste gesichert werden

Dazu musste aber erst die Finanzierung gesichert werden. Bei der „Aktion Mensch“, die die Arbeit von „Nebelhorn“ seit vielen Jahren schätzt, fanden die Schermbecker offene Ohren und die Empfehlung, beim Paritätischen Wohlfahrtsverband einen Antrag zu stellen. Das bedeutete ein gehöriges Stück Arbeit für Raúl Avellaneda, um ein förderfähiges Konzept für ein 18 Monate währendes Projekt zum Thema „Grenzüberschreitungen“ vorlegen zu können.

Die Arbeit lohnte sich, denn das Projekt wird mit etwa 130.000 Euro gefördert. Da die Corona-Pandemie dazwischen kam, wurde die zugesagte 18-monatige Förderung zeitlich gestreckt bis zum Herbst 2022. Zum Projekt gehört auch eine wissenschaftliche Begleitung. Die wird von der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund übernommen, deren Mitarbeiterin Dr. Monika Schröttle bereits im Jahre 2015 als Referentin bei der Ausstellung „Macht-Missbrauch“ mitwirkte.

Die Künstler von „Nebelhorn“ haben sich intensiv Gedanken gemacht, wie sie ihre Projektarbeit in Berlin gestalten wollen. Vom 12. bis 27. Oktober wohnt die Gruppe in einem Spandauer Ferienhaus. Tagsüber treffen sich die „Nebelhorn“-Künstler im Kunstquartier Bethanien. Dort stehen ihnen Räume zur Verfügung, um sich als 26 Jahre alte Künstlergruppe zu präsentieren und mit Menschen künstlerisch am Thema „Grenzüberschreitungen“ zu arbeiten.

„Schwere seelische Verletzungen“

„Grenzüberschreitungen wie Diskriminierungen, Mobbing, Machtmissbrauch oder häusliche Gewalt“, so Avellaneda, „sind häufig Ursachen von unausgesprochenen, schweren seelischen Verletzungen. Besonders Menschen mit Behinderungen erleben Grenzüberschreitungen oft ohne sich darüber mitteilen zu können.“

In Berlin haben auch Besucher Gelegenheit, anhand von Zeichnungen, Bildern, Collagen, Rauminstallationen, Texten, theatralischen Darstellungen, Tonaufnahmen, Fotografien und Filmen, ihre persönlichen Erfahrungen und Meinungen zur Problematik der Grenzüberschreitungen zu äußern. Im LKW wurden jede Menge Bühnenelemente, Kostüme, Masken, Musik- und Tongeräte verpackt, um die Performances, die jeweils etwa zwei Stunden dauern, optimal gestalten zu können.

Ziel der Aktionen sei es, so Avellaneda, für das Thema zu sensibilisieren und Lösungen oder Anregungen zu finden. Alle künstlerischen Beiträge werden gefilmt und später auf die Homepage www.nebelhorn.org gesetzt, wo Bilder von bisherigen Arbeiten der Gruppe Nebelhorn zum Thema Grenzüberschreitungen“ zu finden sind.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Im Verlauf von mehr als vier Jahrzehnten habe ich das Zusammenwachsen von acht ehemals selbstständigen Gemeinden miterlebt, die 1975 zur Großgemeinde Schermbeck zusammengefügt wurden. Damals wie heute bemühe ich mich zu zeigen, wie vielfältig das Leben in meinem Heimatort Schermbeck ist.
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Helmut Scheffler