Ölpellets-Skandal: Anwohner berichten über Krebsfälle

Ölpellets-Skandal

Sind die Behörden mit dem Ölpellets-Skandal überfordert? Um diese Frage ging es am Donnerstagabend in der WDR-5-Sendung Stadtgespräch, zu der 150 Besucher ins Café Holtkamp gekommen waren.

Schermbeck

, 13.09.2019, 14:15 Uhr / Lesedauer: 3 min
Ölpellets-Skandal: Anwohner berichten über Krebsfälle

Nottenkämper-Geschäftsführer Thomas Eckert äußerte sich zum Vorwurf, dass man die Ölpellets hätte riechen können müssen. © Berthold Fehmer

Seit fast zweieinhalb Jahren beherrscht der Ölpellets-Skandal die Schlagzeilen. In vielen Bereichen ist er zu einer Experten-Auseinandersetzung geworden, die für Bürger schwer über- und durchschaubar ist. Die Moderatorinnen Judith Schulte-Loh und Verena Lutz hatten sich in der Live-Sendung zum Ziel gesetzt, auch die Bürger zu Wort kommen zu lassen.

Hobbyschäferin Christiane Rittmann aus Gahlen äußerte ihre Sorge, ob man das Heu von der Wiese am Fuß der Deponie noch nutzen könne. Und fragte, wie die Ölpellets sich auf die Gesundheit der Tiere auswirken. Eine Gartroperin sagte, sämtliche Familien in ihrem Umkreis hätten in der Familie „mindestens einen Krebsfall“. „Mein Vater verarbeitet Wild: Die Tiere haben alle Tumore auf den Lebern.“

„Eine der schlimmsten Substanzen“

Für die Radio-Hörer, die bislang noch nichts vom Ölpellets-Skandal gehört hatten, wurde zunächst die Dimension des Falls geschildert, bei dem 30.000 Tonnen Ölpellets illegal in der ehemaligen Tongrube der Firma Nottenkämper in Gahlen eingelagert wurden. Diese seien krebserregend und mutagen, „eine der schlimmsten Substanzen, die man sich vorstellen kann“, so Stefan Steinkühler vom Gahlener Bürgerforum, der auf dem Podium saß.

Landratskandidat Ingo Brohl (CDU), sagte, die Institutionen müssten sich fragen, wie sie mit solchen Fällen besser umgehen könnten. Was genau er im Falle einer Wahl ändern würde, sagte er nicht. Landrat Ansgar Müller hatte die Einladung abgelehnt, für ihn war dennoch ein leerer Stuhl aufgestellt. Dr. Joern-Helge Bolle, Facharzt für Arbeitsmedizin und Spezialist für Gefahrenstoffe, sagte, für die Giftstoffe in den Ölpellets gebe es „keine Konzentration, wo diese Stoffe ungefährlich sind“.

Sohn an Krebs erkrankt

Ein Anwohner, der am Rand der Deponie wohnt, berichtete, dass sein Sohn an Krebs erkrankt sei. Er halte es für undenkbar, dass die Ölpellets keine Giftstoffe an die Umgebung abgeben und verglich die Deponie mit einem Misthaufen.

Gibt es in Schermbeck und Hünxe eine höhere Krebsrate? Bürgermeister Mike Rexforth sagte auf Nachfrage, dass es dazu keine verlässliche Dokumentation gebe - deshalb könne er diese Frage nicht beantworten. Es habe diesbezüglich aber auch noch keine Anfragen bei der Gemeinde gegeben. Er schlug vor, dass man in den nächsten Jahren eine solche Dokumentation einführen könnte.

„Nicht ganz dicht“

Steinkühler hält es für möglich, dass mit den Ölpellets noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Im „Worst Case kann da etwas drin liegen, was noch viel gefährlicher ist.“ Im Gutachten stehe, „dass die Tonschicht im wesentlichen dicht ist“. Judith Schulte-Loh: „Damit ist es nicht ganz dicht?!“ Steinkühler: „So ist es.“

Ein Mediziner aus Moers forderte, dass alle flüssigen Stoffe aus der Deponie geholt und in einer Sondermüllverbrennungsanlage vernichtet werden müssten. Die entstehende Schlacke gehöre in ein Salzbergwerk. Bolle warnte aber vor einer nicht-sachgerechten Sanierung. Es gebe Beispiele, in denen Halden einhaust und entkernt worden seien.

Konnte man die Pellets riechen?

Wer ist für den Skandal verantwortlich? Steinkühler zitierte Dr. Ulrich Malorny, das man die Pellets hätte riechen können müssen. Steinkühler glaubt, dass der Mühlenberg zu schnell gewachsen ist, als dass man ihn vernünftig hätte beproben können. Thomas Eckerth, Geschäftsführer bei Nottenkämper, widersprach: Er habe bei einer Probe, in der Ölpellets waren, nichts gerochen. Die Pellets seien „in homöopathischen Mitteln fein verteilt“ worden und machten nur 3 bis 4 Promille des gesamten Materials aus. Bei einer Probe auf einen Ölpellet zu treffen, „da können Sie im Verhältnis auch Lotto spielen“.

Und was ist mit dem Erzeuger? Der Erzeuger der Pellets, die BP, seien laut Gesetz so lange für den Abfall verantwortlich, bis er ordnungsgemäß entsorgt sei. Dieser Grundsatz werde ignoriert: „Der Abfall darf in Scholven noch verbrannt werden.“

Eckerts Meinung: Die Ölpellets gehörten verbrannt! Aber „nicht bei EON, sondern in einer Sondermülldeponie!“ Bei insgesamt 4,2 Millionen Tonnen im Mühlenberg, die man nicht von den 30.000 Tonnen Ölpellets trennen könne, sei das aber „fast ein Ding der Unmöglichkeit“.

Kläranlagen bieten keinen hundertprozentigen Schutz

Wilhelm Hemmert-Pottmann (CDU) fragte nach der Wasserdichtigkeit der Oberflächenabdichtung. Bolle machte deutlich, dass Kläranlagen nicht in der Lage seien, solch gefährliche Stoffe zu 100 Prozent aus dem Sickerwasser zu filtern.

Auf die Frage nach den Messwerten der Studie, die mehr Schwermetalle angezeigt hatten, als nur durch Ölpellets erklärbar, sagte Eckert, dass Kronocarb mit Flugasche vermengt tonnenweise „im einstelligen Tausenderbereich“ im Mühlenberg liege. Von Thyssenkrupp habe man zudem Schlacken angenommen, „da sind naturgemäß auch Schwermetalle drin“.

Um die Kontrollen zu verbessern, sagte Umweltministerin Ursula Heinen-Esser in einem Einspieler an, gebe es Einfallstore im Abfallgewerbe, „die es jemandem besonders einfach machen, rechtswidrig zu handeln“. Es solle nun verstärkt nach Indikatoren geschaut werden, „wenn sich etwa Abfallschlüssel ändern, ist das ein Indiz darauf, dass nicht alles ganz gerade läuft.“

Gutachten wird nicht flächendeckend

Mehr Expertise bei den Kontrollbehörden müsse her, darüber waren sich am Ende alle einig. Das von der Ministerin versprochene Gutachten, das noch nicht in Auftrag gegeben wurde, wird laut Steinkühler im Gegensatz zur Ankündigung nicht flächendeckend sein. Der Gutachter werde auf Grundlage der bestehenden Dokumente auswerten, ob noch real beprobt wird, so Steinkühler. Die Begründung seien die Kosten gewesen: „Der Landesrechnungshof möchte kein wildes Drauflosbohren finanzieren.“

Das Gutachten müsse deutlich erweitert werden, forderte Bolle. Um Faktoren wie Trinkwasser, toxikologische Elemente und mehr. Die Analyse von Proben sei extrem schwierig, wenn man nicht wisse, wonach man suchen müsse.

„Das Thema wird noch eine Weile bleiben“, sagte Moderatorin Judith Schulte-Loh am Ende. Daran hatte wohl niemand einen Zweifel.

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