Säugling überlebte im Kofferraum

Gerichtsprozess

Im Wäschekorb im Autokofferraum hat eine heute 26-Jährige ihren Sohn, den sie heimlich in der Dusche ihres damaligen Schermbecker Freundes bereits in der 35. Schwangerschaftswoche geboren hatte, womöglich mehrere Tage aufbewahrt. Sie habe gedacht, das Baby sei tot, sagte sie am Montag dem Weseler Schöffengericht. Doch der Säugling lebte.

Schermbeck

, 11.04.2016 / Lesedauer: 3 min

Schwer vorstellbar sei, dass die 26-Jährige nicht erkannt habe, dass das Kind nicht tot sei, so der Richter. Doch die geladene Sachverständige sagte: „Frühgeborene Kinder bewegen sich gar nicht. Die schreien nicht sofort los wie im Fernsehen.“ Weder vorsätzliche noch fahrlässige Körperverletzung könne man der Frau nachweisen, sagten Staats- und Rechtsanwalt und forderten Freispruch. Dem schloss sich das Gericht an. Der Richter redete der 26-Jährigen aber ins Gewissen: „Hilfsangebote sind dafür da, dass man sie annimmt.“ Ein Betreuungsverfahren für die Frau soll geprüft werden.

Keine bleibenden Schäden

Heute lebt der Junge in einer Pflegefamilie – ohne bleibende Schäden davongetragen zu haben. Viele Fragen um die Umstände seiner Geburt blieben beim Prozess offen. Zu Details befragt, sagte die gebürtige Duisburgerin, der eine Gutachterin einen Intelligenzquotient von 74 attestiert hat, tränenerstickt: „Ich weiß nicht“ oder „keine Ahnung“.

Dramatische Szenen

Es müssen dramatische Szenen gewesen sein, die sich am 6. November 2014, einem Donnerstag, in der Schermbecker Wohnung abspielten. Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter des Vereins „Essener Babyfenster“, der Eltern in Notlagen hilft, erhielt um 5.44 Uhr einen Anruf der 26-Jährigen. Sie erzählte ihm von dem Kind. „Hysterisch“ sei sie gewesen, erinnert sich der Essener: „Mit der Situation völlig überfordert“. Sie habe gedroht, gegen einen Baum zu fahren oder aus dem Fenster zu springen. Während die Frau des Ehrenamtlers parallel den Rettungsdienst informierte, telefonierte er weiter mit ihr – auch als Notarzt und Rettungssanitäter in der Wohnung eintrafen, das dehydrierte Kind untersuchten und ins Krankenhaus fuhren.

Vater merkte nichts von der Schwangerschaft

Der damalige Freund und Vater des Kindes sagte, er habe nichts von der Schwangerschaft bemerkt. Am Montag, drei Tage zuvor, habe er im Badezimmer Blutspuren entdeckt, die Badematte fehlte. Die Angeklagte, die auf der Couch lag, habe sich rausgeredet. „Ihr ging’s nicht gut.“ Am Donnerstag fuhr sie ihn gegen 4.30 Uhr zur Arbeit.

"Ich hatte keine Ahnung, was ich machen kann"

Auf der Rückfahrt habe sie das Kind im Kofferraum gehört, sagte ihr Verteidiger. „Ich hatte Angst, dass ich die falsche Entscheidung getroffen hatte“, so die Frau: „Ich hatte keine Ahnung, was ich machen kann.“ Im Browserverlauf auf dem Computer ihres Freundes hatten Polizeibeamte festgestellt, dass am Mittwochabend um 22.47 Uhr nach „Babyklappe“ gesucht worden war. Angeblich, um für eine würdige Bestattung zu sorgen.

Große Distanz zum Kind

In eine Decke gewickelt traf der alarmierte Schermbecker Notarzt am Donnerstagmorgen den Säugling im Arm der Mutter an. „Das Kind war nicht akut in Lebensgefahr“, sagte der Arzt, der Puls sei aber niedrig gewesen, das Kind dehydriert. Dem Notarzt erzählte die Frau, dass sie nach der Geburt noch in einer Spielhalle gearbeitet habe, während das Kind im Auto lag, weil der Freund nichts davon wissen dürfe. Große Distanz zum Kind habe die Frau gezeigt, so der Notarzt.

Erstes Treffen

Ihr Freund wurde von einem Arbeitskollegen während der Arbeit über Krankenwagen und Polizeifahrzeuge vor seinem Haus informiert. Er habe sich nach Hause fahren lassen und von seinem Sohn erfahren. Gesehen habe er ihn noch nicht („nur auf einem Foto), habe aber demnächst einen Termin für ein Treffen.

"Schizoide, paranoide Gedankenstrukturen"

Zwei Kinder hatte die 26-Jährige vorher zur Welt gebracht und zur Adoption freigegeben. So habe sie es wieder vorgehabt, sagte ihr Verteidiger. Die Sachverständige meinte, die Angeklagte zeige unter Belastung schizoide, paranoide Gedankenstrukturen, ziehe sich dann in eine „eigene Welt zurück“. Mit dem Schermbecker habe sie sich eine Perspektive aufbauen wollen. „Die Schwangerschaft war da ein Problem.“ Zumal die Mutter der Angeklagten angekündigt habe, sie bei der nächsten Schwangerschaft nicht mehr zu unterstützen. Heute lebt die Angeklagte wieder bei der Mutter.