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Eine hohe Lebensqualität attestieren die Schermbecker ihrer Heimat in unserem Ortsteil-Check. Radfahren und Grünflächen erhalten Bestnoten, aber bei der Anbindung an den ÖPNV hapert es.

Schermbeck

, 11.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Eigentlich wollten Sabine (48) und Ulrich Balster (51) vor mehr als 20 Jahren in Altendorf-Ulfkotte in Dorsten ein Haus bauen. Das Paar, sie aus Altendorf, er aus Ulfkotte, musste jedoch umdisponieren, als es Verzögerungen bei einem Baugebiet gab. 1997 kauften sie ein Haus am Lüttge Feld in Schermbeck, das einen geeigneten Keller für Sabine Balster bot, die selbstständig als Hebamme arbeitet.

Den Umzug nach Schermbeck hat das Paar nicht bereut. Und auch ihre drei Kinder Maren (24), Lynn (21) und Mathis (17) sind sich einig, dass sie in Schermbeck eine schöne Kindheit verlebt haben, wobei Maren mittlerweile in Dortmund und Lynn in Köln wohnt. Mathis sagt: „Ich will, dass meine Kinder einmal so aufwachsen, wie ich aufgewachsen bin. Auf dem Bolzplatz hat man einmal gegen die Bande geschossen, und zack, kamen fünf andere Kinder aus den Häusern.“

Die grundsätzliche Zufriedenheit mit der Heimat spiegelt sich auch im Ergebnis unseres Ortsteil-Checks wider, an dem sich 293 Schermbecker beteiligten. Bestnoten, 10 von 10 Punkten, bekommen die Grünflächen in Schermbeck sowie das Thema Radfahren. „Du hättest für Radfahren zwölf Punkte gegeben“, sagt Sabine Balster lächelnd zu ihrem Mann, der vor zwei Jahren das Hobby Mountainbike für sich entdeckt hat. Und wie schön Schermbeck im Grünen liegt, erlebt die Familie bei der Runde jeden Morgen an der Lippe mit Familienhund Smilla.

„Krass“ sei der Unterschied bei den Grünflächen zu ihrem derzeitigen Wohnort Köln, sagt Lynn, die dort Frühförderung studiert. „Es hat beides Vor- und Nachteile“, sagt sie, lobt die Parks in Köln, ist aber doch froh, am Wochenende nach Schermbeck zurückkehren zu können. „Es ist schön, den Ausgleich zu haben.“ Maren studiert in Dortmund Raumplanung.

Das wurde positiv bewertet

9 Punkte geben die Befragten des Ortsteil-Checks für die Bereiche Sport, Familienfreundlichkeit, Gastronomie und Lebensqualität. Lynn vermisst eine Bar, „wo man mal Cocktails trinken könnte“ oder auch ein Fitnessstudio. Große Sportler seien sie aber alle nicht in der Familie, sagt Sabine Balster, die das Angebot an Sportmöglichkeiten für ausreichend hält.

Nahversorgung: Auch hierfür gibt es 9 Punkte. „Wir haben nichts vermisst hier“, sagt Sabine Balster. Beim Thema „Shoppen“ sei man in Schermbeck aber schnell am Ende der Möglichkeiten, sind sich die Familienmitglieder einig, weshalb man oft nach Oberhausen ins CentrO gefahren sei. „Der Rossmann hier ist eine Bereicherung“, sagt Sabine Balster auch.

Das wurde negativ bewertet

Verkehrsanbindung: Nicht ganz so schlecht wie in Gahlen (2 Punkte) fällt die Bewertung der Schermbecker in diesem Punkt aus. Aber 5 Punkte sind auch kein Ruhmesblatt. Ulrich Balster erinnert sich, als er einmal aus Dorsten samstagabends nach Hause wollte und kein Bus mehr fuhr. „Auf ein Taxi hätte ich zwei Stunden warten müssen.“

Schermbeck: Radfahrer-Paradies mit schlechter ÖPNV-Anbindung

© Verena Hasken

Für die jüngeren Familienmitglieder ist der ÖPNV immer wieder ein Problem. Lynn hatte zu Schulzeiten Freundinnen aus Lembeck, die schwer zu erreichen waren. Jetzt fährt sie mit dem Zug von Wesel nach Köln, wird aber von ihrer Mutter oft mit dem Auto nach Wesel gebracht: „Der SB 21 kommt so an, dass der Zug gerade weg ist.“ 40 Minuten Wartezeit müsste sie allein deswegen einplanen, und würde für die 100-Kilometer-Strecke zweieinhalb Stunden brauchen. Wenn sie freitagabends aus Köln zurückkommt, fährt in Wesel kein Bus mehr nach Schermbeck.

Mathis, der sich zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik ausbilden lässt, muss zur überbetrieblichen Ausbildung nach Moers. Froh ist die Familie, dass er einen Freund hat, der ihn mit dem Auto mitnehmen kann, sonst müsste das Mama-Taxi wieder einspringen. „Er spart kräftig auf ein Auto“, sagt Sabine Balster über ihren Sohn - dann hätte die Familie drei Autos.

Karl Borkes vom Kreis Wesel, in dessen Verantwortlichkeit auch der ÖPNV fällt, sieht die besonderen Probleme des öffentlichen Nahverkehrs in ländlichen Bereichen wie Schermbeck in der „Riesenfläche“ und den geringen Einwohnerzahlen begründet. Das ÖPNV-Angebot werde auf dem Land zudem unterproportional im Vergleich zu Städten genutzt.

In Hünxe sei die Situation etwas besser, wo etwa auch ein Bürgerbus-Verein aktiv sei. „Die Struktur in Schermbeck ist aber schwieriger als in Hünxe“, gibt Borkes zu. Mitfahrerbänke oder Carsharing seien vielleicht weitere Möglichkeiten, auf dem Land für Mobilität zu sorgen. Ein Nacht-Taxi-Angebot in Schermbeck für Jugendliche einzurichten, hat die Schermbecker Politik kürzlich erst abgelehnt. Sabine Balster sagt, dass sie bei Partys und abendlichen Aktivitäten der Kinder die Eltern in der Pflicht sehe, sie wieder abzuholen.

Jugendliche: Mit nur 6 Punkten bewerten die Befragten die Angebote für Jugendliche in der Gemeinde. An der Gesamtschule gebe es viele Möglichkeiten, sagt Mathis. „Schermbeck ist sehr bunt an Angeboten“, sagt Sabine Balster und zählt das YOU, Pfadfinder, Freitagabendtreff, Sportvereine und mehr auf: „Aber ihr wolltet ja nie“, sagt sie in Richtung ihrer Kinder. Mathis ist froh, dass er im Schützenverein Bricht Freunde gefunden hat.

Wohnen: Kein Problem hat die Familie Balster bei diesem Punkt, aber die Befragten geben nur 6 von 10 Punkten. Dass für junge Familien erschwingliches Bauland gebraucht wird, hat die Gemeinde erkannt und vermarktet nun Flächen selbst. Würden Maren und Lynn nach dem Studium wieder nach Schermbeck ziehen? Maren: „Ich fühle mich noch zu jung, um aufs Land zu ziehen. In meinem Altern verpasst man noch was auf dem Land. Ich bin noch nicht bereit zurückzugehen.“ Auch Lynn will noch ein bisschen damit warten.

Verkehrsbelastung: 7 Punkte gibt es von den Befragten. Ulrich Balster ärgert sich täglich beim Weg zur Arbeit in Düsseldorf über die Baustellen-Situation an der Kanalbrücke der Maassenstraße. Und die Lärmbelastung von der B58 sei am Wochenende hoch, wenn Freizeit- und Motorradfahrer unterwegs seien.

Schermbeck: Radfahrer-Paradies mit schlechter ÖPNV-Anbindung

Die Verkehrsbelastung in Schermbeck wird durch Dauerbaustellen wie an der Gahlener Straße/Maassenstraße verschärft. © Berthold Fehmer

Sabine Balster sieht ein Hauptproblem Schermbecks in der Verkehrssituation auf der Mittelstraße. „Ich fahre da ungern drüber, wenn mir da der Bus entgegenkommt.“ Bei einer möglichen Sperrung glaubt sie, dass die Geschäftsleute darunter leiden könnten. Dass die Mittelstraße ohne Bürgersteig auskommt, sei, als die Kinder jung waren, schwierig gewesen: „Wie erklärt man ihnen, wo sie laufen können und wo nicht.“ Für Senioren hingegen sei es gut, dass die Straße so durchgepflastert sei.

Sicherheit: Seit Einbrecher einmal sein Auto in der Garage durchwühlten, schließt Ulrich Balster es auch dort ab. Und Mathis wurde schon mal vor einem Fahrradgeschäft sein Rad gestohlen, dass er dort zur Reparatur hinbringen wollte. Unsicher fühlt sich die Familie aber dennoch nicht in Schermbeck. Die Befragten des Ortsteil-Checks vergeben 7 Punkte für das Thema Sicherheit. Vielleicht eine Folge der Diskussion um die Polizeipräsenz in Schermbeck? Mathis sagt, dass er sehr viele Streifenwagen in Schermbeck sehe. Sabine Balster: „Ich fühle mich in Schermbeck sicher.“

Historie

Wie aus „Scirenbeke“ Schermbeck wurde

Schermbeck: Radfahrer-Paradies mit schlechter ÖPNV-Anbindung

Die Schermbecker Mittelstraße im Jahr 1931 © privat

„Scirenbeke“, aus dem später Schermbeck wurde, findet sich zum ersten Mal in Urkunden aus dem Jahr 799, als Liudger die Höfe „Scirenbeke“ und „Ruscethe“ (heute Rüste) dem Kloster Werden überschrieb.
Urkundlich als Stadt erwähnt wird Schermbeck 1417 zum ersten Mal. Zweimal wurde Schermbeck zerstört: 1425 wurde es in Brand gesteckt, 1483 erneut von Flammen vernichtet.
In seiner heutigen Form wurde Schermbeck 1975 bei der kommunalen Neugliederung zusammengefügt: Dazu zählen die bis dahin selbständigen Gemeinden Bricht, Dämmerwald, Damm, Overbeck (teilweise), Schermbeck und Weselerwald des ehemaligen Amtes Schermbeck im früheren Kreis Rees, die Gemeinde Gahlen (teilweise) des Amtes Gahlen im früheren Kreis Dinslaken sowie die westfälische Gemeinde Altschermbeck des Amtes Hervest-Dorsten.
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