Ulrich Stiemer (72) arbeitet trotz Rente: „Mir macht das immer noch wahnsinnig Spaß“

rnArbeiten trotz Rente

72 Jahre alt ist Ulrich Stiemer kürzlich geworden, die Rente hat er längst. Trotzdem arbeitet er weiter in Krankenhäusern und bei Ärzten als Röntgentechniker. Warum tut er sich das an?

Schermbeck

, 02.08.2019, 13:42 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ulrich Stiemer kennen die meisten in Schermbeck als CDU-Gemeindeverbandsvorsitzenden. Vielleicht auch aus der Leichtathletik-Abteilung des SV Schermbeck. Aber als Röntgentechniker?

Wie es dazu kam, erklärt Stiemer mit seinem Lebenslauf. In den 50er-Jahren wollte er als Kind unbedingt Arzt werden. Trotz vieler Geschwister zahlte der Vater das Schulgeld fürs Gymnasium. Aber dort, erzählt Stiemer, sei er regelrecht gemobbt worden. Ein Lateinlehrer habe ihm einmal eine gescheuert, garniert mit den Worten, „dass du als Arbeiterkind nichts aufs Gymnasium gehörst“.

„Der begehrteste Schwiegersohn“

Stiemer verließ nach drei Jahren auf eigenen Wunsch die Schule und lernte nach der Volksschule den Beruf des Radio- und Fernsehtechnikers. „Ich war der begehrteste Schwiegersohn in Bad Tönningen“, sagt er heute lächelnd. „Damals hieß ich nur ‚Fernseh-Ulli‘.“ Gerne erinnert er sich an die Zeit zurück, als er noch in Bonn bei vielen namhaften Politikern die Fernseher reparierte.

Auf dem zweiten Bildungsweg ging es über die Fachoberschulreife zur Technikerschule. Ein gesundheitlicher Rückschlag brachte ihn ein Jahr in ein Sanatorium, wo eine Überdosis eines Medikaments dafür sorgte, dass er seitdem etwas schwerhörig ist.

Ein Jahr in Mexiko

Bei einer Röntgenfirma bewarb sich Stiemer als staatlich geprüfter Techniker, und reiste ab da zwölf Jahre durch die Welt, um Röntgengeräte zu verkaufen, aufzubauen und Personal zu schulen. Ein Jahr lebte er in Mexiko, war aber auch in Amerika und Japan aktiv. Seine erste Ehe habe das nicht überlebt, sagt Stiemer. Seine zweite wollte er nicht aufs Spiel setzen.

Mit drei Kollegen, darunter ein Multimillionär aus Marl, gründete er eine Medizinfirma. Zu Spitzenzeiten hatte die Firma 41 Mitarbeiter, doch dann wurde ein älterer Kollege nach dem anderen vor die Tür gesetzt. Auch Stiemer. 48 Jahre alt war er da - zuvor hatte er immer wieder Anfragen von großen Firmen wie Siemens gehabt, doch denen war er mit 48 plötzlich zu alt.

„Hinterher war es ein Selbstläufer“

„So kam es, dass ich mich vor 22 Jahren selbstständig gemacht habe“, sagt Stiemer. Er kannte die Krankenhäuser, die Ärzte, die Röntgentechnik. Am Anfang sei es „unglaublich schwierig gewesen, in die Krankenhäuser zu kommen“, sagt Stiemer, schließlich sei er eine Ein-Mann-Firma gewesen. Doch er bot etwas, dass die großen Firmen nicht konnten: Service rund um die Uhr. Auch am Wochenende, auch nachts. „Hinterher war es ein Selbstläufer“, sagt Stiemer.

Zehn Jahre war Stiemer im Vorstand des Fachverbands Röntgen und konnte Kontakte knüpfen, um auch größere Aufträge mit der Hilfe anderer annehmen zu können. „Ich bin auch mit Fieber arbeiten gegangen“, sagt Stiemer.

„Wir könnten auch ohne Arbeit gut leben“

Dann wurde er 65. „Wir könnten auch ohne Arbeit gut leben“, sagt Stiemer, aber: „Mir macht das immer noch wahnsinnig Spaß.“ Kunden, die ihm jahrzehntelang treu gewesen waren, wollte er nicht enttäuschen. Im Franziskus-Hospital Ahlen habe ihm ein Arzt gesagt: „Herr Stiemer, so lange Sie laufen können, lassen Sie uns bitte nicht im Stich.“

So bietet Stiemer weiterhin Service für 20 bis 25 Jahre alte Anlagen an, baut ältere Anlagen teilweise auf Wunsch von großen Firmen ab. „Das läuft so langsam aus“, sagt Stiemer. Mit den alten Anlagen könnten die jungen Techniker nichts mehr anfangen. Umgekehrt könne er, auch aufgrund von Hürden, die große Firmen in die Geräte einbauen, den Service für die neuesten Geräte nicht mehr leisten.

Interessen verbinden

Der Beruf habe ihm die Möglichkeit gegeben, sein medizinisches und sein technisches Interesse zu verbinden, sagt Stiemer. Lächelnd erinnert er sich an seine medizinische Grundausbildung in Essen, wo ihn ein Oberarzt auch mit in die Pathologie („aufgeschlitzte Leichen“) und in den OP nahm. „Ich wurde ganz grün im Gesicht.“ Das Angebot, danach in die Kantine zu gehen, schlug Stiemer ab.

Vier- bis fünfmal im Monat fährt er zu seinen Krankenhäusern und Ärzten und berät auch bei Neuanschaffungen. „Ich könnte mir nicht vorstellen, den ganzen Tag zu Hause zu sitzen.“

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