Wie Heinz Schmidt vor 70 Jahren an Heiligabend zwei Bergleute untertage vergaß

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Der 87-jährige Gahlener Heinz Schmidt hat schon viele Heiligabende erlebt. An den vor 70 Jahren erinnert er sich besonders gut: Denn da gab es für den ehemaligen Berglehrling richtig Ärger.

Schermbeck

, 24.12.2019, 14:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Was damals am 24. Dezember 1949 passierte, kann der heute 87-Jährige schildern, als sei es gestern gewesen: Als 15-Jähriger hatte der gebürtige Wattenscheider Heinz Schmidt am 12. Mai 1947 als Berglehrling auf der Zeche „Centrum Morgensonne“ begonnen. Seit dem 25. April 1949 war er als Berglehrling im Untertage-Betrieb tätig.

Schmidt: „Im Dezember 1949 war ich im Blindschacht für die Beförderung von Personen und Kohlenwagen zuständig.“ An Heiligabend herrschte Hochbetrieb am Blindschacht. Um 6 Uhr brachte Schmidt die ersten der insgesamt 150 Bergleute zum Blindschacht in fast 1000 Metern Tiefe.

Hochbetrieb am Schacht

Es waren mehr Bergleute als an den anderen Arbeitstagen, weil an diesem Tag die zweite Schicht entfiel und alle zur ersten Schicht antreten mussten. Hinzu kamen noch einige Zusatzfahrten, um die Pferde, die unter Tage für das Ziehen der Kohlenwagen eingespannt wurden, mit zusätzlichem Futter für die Feiertage zu versorgen.

Am Ende der Schicht brachte Heinz Schmidt die Bergleute wieder ans Tageslicht. Da beide Schichten zusammengelegt worden waren, verlor Schmidt den Überblick über die Bergleute. Als sie den Fahrkorb verließen, eilten sie zur Kaue, um den Dreck abzuwaschen und den Heimweg zum geschmückten Tannenbaum anzutreten.

Als sich der Lampenmeister meldte („Aus eurem Revier fehlen zwei Lampen“) ging der Ärger für Heinz Schmidt los. Eigentlich wollte er gerade Feierabend machen, aber die Kontrolle ergab: Es waren zwei Bergleute vergessen worden - und Heinz Schmidt war dafür verantwortlich. Ein Telefon gab es für Bergleute damals noch nicht, sodass sich die vergessenen beiden Bergleute auch nicht melden konnten.

Schimpfkanonade

„Es blieb mir nichts anderes übrig, als Reviersteiger Adolf Schrempel aufzusuchen, der mit seinen Kollegen in der Steigerstube saß, um mit ein paar Schnäpsen den Beginn der Feiertage zu genießen“, so Schmidt. Der setzte zu einer Schimpfkanonade an und beendete diese mit dem Satz: „Sieh jetzt möglichst schnell zu, dass du einen Fördermaschinisten kriegst!“ Schrempel war aber so nett, dem Lehrling seine Steigerlampe zu geben, weil die viel leichter war als die etwa sechs Kilogramm schweren Handlampen.

Als Heinz Schmidt schließlich den Fördermaschinisten Rudi Kaczmarczek gefunden hatte, war der überhaupt nicht begeistert über die Zusatzarbeit an Heiligabend. Doch er sorgte dafür, dass Schmidt im Förderkorb zum Ort 4 gebracht wurde. Etwa 70 Meter vom Blindschacht entfernt warteten die beiden vergessenen Bergleute am Pferdestall. „Da ging das Schimpfen erneut los“, erinnert sich Heinz Schmidt an den Moment der Begegnung mit den Bergleuten, die wenig später mit ihm zurück ans Tageslicht fuhren.

Schmidt musste sich beim Steiger zurückmelden und die Steigerlampe zurückgeben. „Pass auf, dass das nie wieder passieren kann“, befahl der Steiger in schroffen Tönen dem Lehrling, dem ein solches Missgeschick im Verlauf seines Berufslebens auch wirklich nie wieder passierte.

Zuhause gab es noch mal Ärger

Die dritte Strafpredigt musste sich Heinz Schmidt an Heiligabend 1949 anhören, als er reichlich spät ins Elternhaus zurückkehrte. Vater Wilhelm und Mutter Anna hatten sich arge Sorgen um den Sohn gemacht. Die Nerven lagen blank, sodass Sorge und Ärger sich die Waage gehalten hatten.

1963 wurde die Zeche „Centrum Morgensonne“ geschlossen. Was an diesem Heiligabend 1949 passierte, musste sich Schmidt aber noch ein Jahrzehnt später von ehemaligen Kumpels auf der Sportanlage von Wattenscheid aufs Butterbrot schmieren lassen.

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