Landwirt Martin Gernemann lud Gesamtschullehrerinnen und -lehrer auf seinen Hof ein und zeigte seine Schweineställe. © Berthold Fehmer
Landwirtschaft

„Wir produzieren für eine ganze Stadt Fleisch. Ich bin der Buhmann.“

„Wir produzieren für eine ganze Stadt Fleisch. Ich bin der Buhmann.“ Landwirt Martin Gernemann zeigte Gesamtschullehrern und -lehrerinnen seinen Betrieb und stellte sich allen Fragen.

Die Treffen zwischen Schermbecker Landwirten und Lehrern haben fast schon Tradition. „Grummeln im Bauch“ hätten die Landwirte bei den ersten Terminen gehabt, gesteht Rainer Kremer, Sprecher der Interessengemeinschaft Schermbecker Landwirte.

Doch für Lehrerin Eveline Kromus-Schüth gehören die Treffen zum Pflichtprogramm. Sie unterrichtet unter anderem Biologie und trifft auf Klassen, in denen häufig „drei bis fünf vom Hof kommen. Da kann man keinen Quatsch erzählen.“ In Erdkunde, Naturwissenschaften, Biologie oder Politik ist die Landwirtschaft zwar immer wieder Thema – doch die wirtschaftliche Betrachtung, die aktuelle Situation der Landwirte, so einer der Lehrer am Ende der Führung, spiele dabei kaum eine Rolle.

„Dann hätte ganz NRW verloren“

Bevor Martin Gernemann und sein Sohn Sebastian die Lehrer in zwei Gruppen über den Hof und in die Schweineställe führten, mussten alle Schutzanzüge und Plastiküberzieher für die Schuhe anlegen. „Wir hatten uns doch gar nicht für eine Marsmission gemeldet“, sagte eine Lehrerin scherzhaft. Wegen der Hygiene, vor allem aber wegen der Afrikanischen Schweinepest (ASP) sei das notwendig, so Martin Gernemann. Was passieren würde, wenn trotzdem die ASP in seinen Stall eingeschleppt würde? Gernemann: „Dann hätte ganz NRW verloren.“

Vor der Hof-Führung mussten die Lehrerinnen und Lehrer zunächst Schutzanzüge anziehen.
Vor der Hof-Führung mussten die Lehrerinnen und Lehrer zunächst Schutzanzüge anziehen. © Berthold Fehmer © Berthold Fehmer

Bis zu 2.000 Schweine werden auf dem Hof gehalten. Vier Tonnen Futter pro Tag. Gernemann zeigte seine riesige Halle, in der 1.300 Tonnen Getreide lagern. 12 Prozent Sojaschrot werde zugefüttert, früher seien es 25 Prozent gewesen, so Gernemann. Soja werde primär wegen des Öls angebaut, der Schrot sei nur das Abfallprodukt. Die Schweine bräuchten das Eiweiß und die Aminosäuren.

„Der Markt wurde kaputt gemacht“

Was passieren würde, wenn der Hof auf Soja verzichte? „Die Schweine würden verfetten und langsamer wachsen.“ Elektronisch werden die Tiere vermessen und ihr Fettgehalt bestimmt – danach richtet sich der Preis, den der Landwirt erhält. „Der Markt wurde kaputt gemacht“, sagte Eveline Kromus-Schüth, als die tierischen Fette in die Kritik gerieten. Heute wisse man, dass der Bewegungsmangel viel entscheidender sei für gesundheitliche Probleme.

Martin Gernemann an der Halle, in der 1.300 Tonnen Futter gelagert werden.
Martin Gernemann an der Halle, in der 1.300 Tonnen Futter gelagert werden. © Berthold Fehmer © Berthold Fehmer

Gernemann zeigte Fütterungsanlagen und Ställe. Die Lehrer fragten interessiert nach, warum dieses oder jenes so oder so geregelt sei – und Gernemann blieb keine Antwort schuldig. Deutlich wurde, dass es viele Stellschrauben gibt bei Tierwohl, Pestizideinsatz oder Futtermitteln – und manche Regelung aus Sicht der Landwirte keinen Sinn macht.

Angesäuert wird das Futter mit Milchsäurebakterien - die Lehrer nahmen auch eine Geruchsprobe.
Angesäuert wird das Futter mit Milchsäurebakterien – die Lehrer nahmen auch eine Geruchsprobe. © Berthold Fehmer © Berthold Fehmer

„Wir produzieren für eine ganze Stadt Fleisch. Ich bin der Buhmann“, sagte Gernemann – und Frust schwang mit: „Würden ich auf Bio umstellen, würde ich nur noch ein Dorf versorgen. Und ich wäre der Held.“ Was wiederum eine Diskussion über Lebensmittelverschwendung auslöste.

Regenwürmer zählen

Eveline Kromus-Schüth fragte immer wieder nach. Das Bemühen der Landwirte, ihren Nachfolgern guten Boden und gute Produktionsmöglichkeiten zu hinterlassen, sei deutlich geworden, sagte sie am Ende. Und dass bei Landwirten vieles in Bewegung sei. So gibt es etwa einen „Bodenstammtisch“, bei dem Bauern laut Landwirtin Silke Sümpelmann Arten der Bodenbehandlung diskutieren und sogar die Regenwürmer zählen.

Die Schweine heute seien robuster, sagt Martin Gernemann, der mit 60 auf viele Jahre Berufserfahrung zurückblickt. Früher habe man Fisch- und Knochenmehl verfüttert und viel mehr Antibiotika eingesetzt. Markt und Politik setzen den Landwirten nun enge Spielräume. Kremer warnte davor, die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln aufs Spiel zu setzen.

Zu viel Geld werde, so Eveline Kromus-Schüth, für süße Getränke und einzeln abgepackte Süßigkeiten ausgegeben. Sie versucht, Schüler für gesunde Nahrungsmittel zu begeistern, „statt leerer Kalorien, die dick machen“. Doch oft gehe dies, so die Lehrerin und zeigte auf ihre Ohren: „Da rein – da raus.“

Über den Autor
Redaktion Dorsten
Berthold Fehmer (Jahrgang 1974) stammt aus Kirchhellen (damals noch ohne Bottrop) und wohnt in Dorsten. Seit 2009 ist der dreifache Familienvater Redakteur in der Lokalredaktion Dorsten und dort vor allem mit Themen beschäftigt, die Schermbeck, Raesfeld und Erle bewegen.
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Berthold Fehmer