17 Schüler können in Schwerte nicht mehr zur Schule

Kein Einzelfall

Ein Schüler bleibt sitzen, doch statt die sechste Klasse zu wiederholen, muss er auf eine andere Schule gehen - und das auch noch in einer anderen Stadt. So geht es dem elfjährigen Yunuscan. Und er ist kein Einzelfall: 16 weitere Schüler können in Schwerte nicht die siebte Klasse besuchen. Wir erklären, wie das passieren konnte.

SCHWERTE

, 18.07.2017, 17:32 Uhr / Lesedauer: 3 min
17 Schüler können in Schwerte nicht mehr zur Schule

Yunuscans (r.) Lieblingsfächer sind Sport und Erdkunde. Dass er bald außerhalb Schwertes zur Schule gehen soll, bereitet ihm Sorgen. Seine kranke Mutter weiß noch nicht, wie sie die neue Lebenssituation meistern soll.

Eigentlich hätte für Yunuscan mit dem Ferienbeginn die schönste Zeit des Jahres beginnen sollen. Doch nun hat der Elfjährige Sorgen und Ängste. Er hat die sechste Klasse an der Realschule am Bohlgarten nicht geschafft. Die Klasse wiederholen kann er aber nicht, denn eine sechste Stufe gibt es an der auslaufenden Schule nicht mehr. Stattdessen muss er abgeschult werden auf eine andere Schulform. Doch in Schwerte gibt es keinen Platz für ihn. Und: Yunuscan ist kein Einzelfall, er ist einer von 17.

Die Gesamtschule am Gänsewinkel ist voll, sagte man Yunus Mutter Akgül Abut-Katkay, als sie ihren Sohn nach der Zeugnisvergabe dort für die siebte Klasse anmelden wollte. Die neue Fleitmann-Gesamtschule hat noch gar keinen siebten Jahrgang. Die Hauptschule existiert nicht mehr. Bereits im Sommer 2016 gab es dieses Problem mit 17 Kindern, die von der Realschule abgeschult werden mussten.

Damals hatte die Stadt versucht, eine Auffangklasse an der Realschule am Bohlgarten für sie einzurichten, war aber am Willen der Schulkonferenz (ihr war nur eine halbe weitere Lehrer-Stelle für eine ganze Klasse zu wenig) und der Bezirksregierung gescheitert. Laut Auskunft der Realschulleiterin Denise Burkhard handelte es sich bereits damals bei den betroffenen Schülern überwiegend um jene, die man trotz anderslautender Schulformempfehlung aus den Grundschulen aufgenommen habe.

Realschule wurde sogar um Klassenzug erweitert

Denn seit dem Ende der Eintrachthauptschule wurden alle Hauptschüler, die keinen Platz an der Gesamtschule gefunden hatten, zur Realschule verwiesen. Die wurde deshalb sogar um einen Klassenzug erweitert. „Offensichtlich gab es keinen Plan, was aus diesen Schülern nach der Erprobungsphase wird“, so die Schulleiterin vor einem Jahr.

Schuldezernent Hans-Georg Winkler wollte die Hauptschulklasse damals sogar per Klage durchsetzen. „Doch man riet uns mangels Erfolgsaussichten ab“, erklärte Stadtsprecher Carsten Morgenthal am Montag auf Anfrage. Die Folge: Auch in diesem Sommer müssen weitere 17 Schwerter Realschüler an eine auswärtige Schule wechseln. „Die 17 Schüler sind versorgt, sie können auf die Josef-Reding-Hauptschule in Holzwickede wechseln“, so Christoph Söbbeler, Sprecher der Bezirksregierung Arnsberg auf Anfrage.

Im kommenden Jahr wird sich diese Situation wohl nicht wiederholen, denn dann hat die Fleitmann-Gesamtschule auch eine siebte Stufe. Yunuscan und seine 16 Schicksalsgenossen werden davon nicht mehr profitieren. Seine Mutter ist am Boden zerstört. Die 46-Jährige weiß nicht, wie sie den zukünftigen Schultag ihres Sohnes organisieren soll. Die alleinerziehende Mutter ist seit drei Jahren wegen einer chronischen, fortschreitenden Muskelfasererkrankung Frührentnerin.

"Manchmal geht es ihm so schlecht, dass ich ihn von der Schule abholen muss."

„Manchmal habe ich so starke Schmerzen, dass ich das Bett nicht verlassen, dann muss sich Yunuscan selbst versorgen“, sagt sie. Sie verfügt daher nur über sehr begrenzte finanzielle Mittel, zumal ihr Ex-Mann ihr auch Schulden hinterlassen habe und keinen Unterhalt für Yunuscan zahle. „Yunus leidet sehr unter dieser Situation, er ist auch in psychologischer Betreuung“, sagt sie.

Außerdem habe Yunus eine starke Gräserallergie. „Manchmal geht es ihm so schlecht, dass ich ihn von der Schule abholen muss. Schwindel, Übelkeit, tränende Augen.“ Das Geld sei aber so knapp, dass es zum Beispiel für Fahrten nach Holzwickede nicht ausreiche. „Nachbarn oder Bekannte kann ich bei der Strecke auch nicht mehr um Hilfe bitten, wenn ich selbst nicht aufstehen kann“, sagt Akgül Abut-Katkay. 

Yunus erhält Hilfe von CDU-Ratsfrau

Unterstützung erhält die Familie von CDU-Ratsfrau Bianca Dausend und Unternehmerin Nicole Schelter. „Es kann nicht sein, dass der Sohn finanziell, zeitlich und gesundheitlich an der Grenze operierenden Alleinerziehenden aus Schwerte mit zusätzlichen finanziellen zeitlichen und gesundheitlichen Aufwendungen in eine Schule nach Holzwickede gehen soll“, so Schelter, die auch den Schulausschuss des Rates um Unterstützung bat.

Ihre Bemühungen verhallten jedoch bisher unter Verweis auf Rechtslage und Anmeldesituation. Yunuscan hofft noch auf ein kleines Wunder. Der stille Junge würde so gerne auf die Gesamtschule im Gänsewinkel: „Dort kenne ich schon viele Schüler, die mich gut aufnehmen würden.“

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