AfD Schwerte: „Wenn die Grünen einen guten Vorschlag machen, gibt es keinen Grund nicht zuzustimmen“

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Streit im Wahlkampf, jetzt doch Einigkeit: Wieso haben sich die AfD-Politiker in Schwerte vertragen? Was haben sie vor? Wollen sie provozieren? Was versprechen sie? Hier die Antworten.

Schwerte

, 04.11.2020, 10:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie sitzen nebeneinander, wenn auch mit Corona-bedingtem Zwei-Meter-Abstand: Sebastian Rühling und Stefan Fiene. Die Nummer zwei und die Nummer eins auf der Kandidatenliste der AfD in Schwerte.

Nichts Besonderes? Im Wahlkampf gab es öffentlich Streit. Darum, wie viel Einsatz man leiste, wie man sich auf Facebook darstelle, welche Inhalte man vertrete. Selbst in der Frage, ob man Plakate kleben sollte oder nicht, war man offenbar unterschiedlicher Meinung. Rühling war dagegen, Fiene klebte an der Seite von Hans-Otto Dinse. In Facebook-Kommentaren attackierten sich die Lager scharf. Die Nummer zwei wünschte sich öffentlich, die Nummer eins möge sich zurückziehen.

Einen Richtungsstreit gab es nicht nur in Schwerte, auch im ganzen Kreisverband Unna. Kandidaten wurden gewählt, übergeordnete Partei-Gremien kassierten die Liste. Sodass nun niemand von AfD im Kreistag sitzt, obwohl es von den Wählerstimmen her so wäre.

Rühling: „Hat sich gezeigt, ich habe falsch geurteilt“

Aber zurück nach Schwerte, zurück an den Tisch mit Rühling und Fiene: Am Samstag, 25. Oktober, regelten sie alle Formalitäten, dass sie nun eine gemeinsame Fraktion bilden. Fiene wird Fraktionschef, Rühling Sprecher.

Rühling spricht auch mehr als Fiene: Viel telefoniert habe man untereinander, sagt er. Und dass man sich erst zur Sitzung, kurz vor Ende der Frist, von Angesicht zu Angesicht unterhalten habe.

„Ich habe mich damals leiten lassen, ich war sauer“, sagt Rühling im Rückblick auf den Wahlkampf-Streit: Man habe sich in der Zeit nach der Kommunalwahl „viel ausgetauscht und da hat sich gezeigt: Ich habe falsch geurteilt.“

Dass Fiene wenig aktiv gewesen sei – „das hatte persönliche Gründe, das wusste ich aber zu dem Zeitpunkt auch nicht“, so Rühling.

Dass Fiene auf Facebook in Tarnkleidung zu sehen ist, wie er in Skandinavien an abgestürzten Flugzeugen posiert, das Ganze versehen mit „Unternehmen Weserübung“, dem Decknamen des Nazi-Angriffs auf Dänemark und Norwegen? Rühling findet nach einigen Gesprächen, dass das für einen Studenten mit Fachrichtung Schlachtfeldarchäologie nachvollziehbar sei. „Wenn man das weiß, dann wird man auch versöhnlicher.“

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„Man muss uns halt nur mitmachen lassen“

„Nachdem man sich da kurzgeschlossen hat, hat das auch ganz harmonisch funktioniert“, sagt Fiene (31). Er sei übrigens gelernter Gärtner, der nun studiere und sich das durch die Arbeit als Gärtner finanziere.

„Daneben jetzt noch die Ratsarbeit, das ist natürlich recht viel“, findet er, „aber das Studium ist auch in den letzten Zügen.“

Er sei gefragt worden, ob er sich die Kandidatur für die AfD vorstellen könne. Dabei sei das vor einem halben Jahr noch kein Thema gewesen.

Fiene wie Rühling unterstreichen: Nein, um Provokation werde es ihnen nicht gehen. „Mitarbeiten, nicht gegenarbeiten“ wolle man, sagt Fiene: „Wenn man uns machen lässt oder mitmachen lässt, dann wollen wir uns natürlich auch einbringen. Man muss uns halt nur mitmachen lassen.“

Theoretisch rede man mit jedem.

Rühling setzt an: „Wenn die Grünen einen guten Vorschlag machen…“

„…dann gibt es keinen Grund, dem nicht zuzustimmen“, vollendet Fiene.

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In die AfD eintreten? Das ist ein langer Prozess

Reine Provokation werde man nicht betreiben, verspricht Rühling: „Hinter jedem Antrag soll auch etwas Konstruktives stecken. Jeder Antrag muss zielführend sein.“

Was das inhaltlich sein wird? Hinterfragen der Corona-Einschränkungen. Position beziehen gegen Windräder. Schwerte nicht als „sicherer Hafen“ für Flüchtlinge.

Das sind Themen, die Rühling andeutet. Übrigens: Partei-Mitglied sei er immer noch nicht, erklärt er auf Nachfrage. „Das hat den Grund, dass man bei der AfD genau angeguckt wird.“

Er habe seinen Mitgliedsantrag online gestellt, sei dann kontaktiert und zu Hause besucht worden – „ob da irgendwie Hakenkreuzfahnen oder so hängen“. Facebook. Google, Öffentliches im Internet werde da durchleuchtet, bevor man Parteimitglied werden dürfe. Bis das dann durch die Instanzen gegangen sei – Unna, Düsseldorf, Berlin und zurück – das könne sich ziehen.

Fiene bestätigt das: „Bei mir hat das Ganze sechs Monate gedauert und das war der Regelfall.“

Wer wird ansonsten für die AfD in den Ausschüssen sitzen?

Und wer außer Rühling und Fiene wird politisch für die AfD auftreten? Wer geht in die politischen Ausschüsse?

Vieles habe man aufgeteilt, einzelne Dinge seien noch offen. Fiene werde wohl den Haupt- und Personalausschuss besuchen, auch den Umweltausschuss. Rühling will mitdiskutieren, wenn es um Soziales und Schule geht, „und wenn wir das Los ziehen, würde ich auch gerne in den Jugendhilfeausschuss gehen“.

Gerd Sauer, der „sehr fit ist, was Rechnungs- und Finanzprüfung angeht“, sei der Kandidat für Wirtschaft, Finanzen, Rechnungsprüfung. Maximilian Klinger belege die Bereiche Bauen, Planen, Wohnen.

„Und dann gibt es zwei, wo wir uns noch nicht sicher waren: Ehrenamt und Bürgerbeschwerden“, sagt Fiene. „Da sind wir uns noch nicht sicher, wen wir da reinholen, und ob dieser jemand dann auch Lust und Zeit hat“, erklärt Rühling: „Wir müssen die Leute noch ansprechen.“

Meinung

An diesen Aussagen wird sich die AfD messen lassen müssen

Zwischenrufe im Bundestag, die weit über die Grenze des Anstandes hinausgehen. Provokationen in Landtagen, in den Sitzungen in vielen Städten. Menschenverachtende Sätze, die man hinterher nicht so gemeint haben will, die die Partei aber immer wieder in die Schlagzeilen bringen. Das ist die AfD, seit vielen Jahren. Da fällt es schwer zu glauben, dass es in Schwerte anders laufen wird. Aber: Sachbezogen wolle man arbeiten, gerne mit anderen zusammen, auch fernab der üblichen AfD-Themen. Das haben Stefan Fiene und Sebastian Rühling beim halbstündigen Gespräch mit unserer Redaktion vielfach betont. An diesen Aussagen müssen sie sich messen lassen, wenn die politischen Sitzungen beginnen. Handeln sie auch so? Läuft es in Diskussionen tatsächlich so? Bis dahin gilt wie vor Gericht: Niemand wird vorab verurteilt. Dazu müssen erst Beweise her. Allerdings, um im Bild zu bleiben: Gibt es einen Anfangsverdacht, dann wird auch ermittelt. Und den gibt es alleine schon, weil beide zukünftigen Ratsherren bewusst in eine Partei wollten, die seit Jahren durch all das auffällt, was in den ersten Sätzen dieses Kommentars steht. Von Björn Althoff
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