„Almauftrieb in Geisecke“: Kuhherde stürmte nach Winter auf die Weide

rnBilder vom Almauftrieb

Was passiert wen über 70 Kühe nach dem Winter wieder ihren Stall verlassen dürfen. Der „Almauftrieb“ in Geisecke ist sonst ein Ereignis. In diesem Jahr war Bauer Schulte alleine am Werk.

von Martin Krehl

Geisecke

, 13.04.2020, 11:49 Uhr / Lesedauer: 2 min

In Geisecke ist der Winter zu Ende, wenn auf der Apfelwiese an der historischen Wasserburg Haus Rutenborn die Drahtzäune mit Plastikplanen behängt werden. Fix rüstet man sich als Nachbar mit Spazierstock oder Schrubberstiel und eilt Bauer Bernd zu Hilfe – es sei denn, es herrscht Corona-Virus-Ansteckungsgefahr. Dann treibt Bauer Schulte nämlich seine 70-köpfige Charolai-Rinderherde nur mit wenigen Helfern auf die Weide.

„Almauftrieb“ schon vor dem 1. Mai

Was sonst um den 1. Mai herum passiert, konnte in diesem Jahr ruhigen Gewissens schon am sonnig-warmen Karfreitag geschehen. Birgit und Bernd Schulte machen ihren „Almauftrieb“ immer erst, wenn Frost und Kälte ganz sicher vorbei sind. 35 Mutterkühe, ein Zuchtbulle und etwa 40 Kälber muhen schon seit Tagen unruhig im Stall. Sie wittern die Frühlingsluft. Dann öffnet sich das Stalltor, die Sonne strahlt den Tieren ins Gesicht. Eine Kuh nach der anderen prescht mit ihren Kälbern über den Hof auf die Apfelbaum-Wiese, übermutig auskeilend wie junge Fohlen.

Raus aus dem Stall, rein in die Sonne hieß es für die über 70 Rinder am Karfreitag.

Raus aus dem Stall, rein in die Sonne hieß es für die über 70 Rinder am Karfreitag. © Martin Krehl

Die Erde bebt, wenn die Herde über die Wiese jagt. Ein paar Helfer umstehen die Wiese an der Dorfstraße und machen sich laut bemerkbar, wenn die ausgelassenen Tiere den Zäunen zu nah kommt. Für die kleinen Kälber sind es in der Regel die ersten Frischluft-Sonnenstrahlen in ihrem Leben. Schultes Stall in den historischen Burgmauern am Mühlengraben ist vergleichsweise groß, die Tiere können zwischen Ruhe- und Futterplätzen wandern, die Kälber haben einen eigenen Stall mit einem so kleinen Durchlass, dass die großen Kühe dort nicht durchpassen.

Bernd Schulte musste in diesem Jahr alleine seine Kühe sicher auf die Weide bringen.

Bernd Schulte musste in diesem Jahr alleine seine Kühe sicher auf die Weide bringen. © Martin Krehl

„Nein, Namen haben die Tiere nicht, nur Nummern,“ sagt Birgit Schulte. Das Ehepaar verdient mit dem Kalbfleisch den Lebensunterhalt, zu eng kann die Bindung an die zugegeben sehr niedlichen Kälbchen also nicht werden. Von Oktober bis Februar kann man das Fleisch in portionierten Rindervierteln oder

–achteln kaufen. Aber Schultes achten jedes einzelne Tier, wissen im Detail über dessen Wohlergehen Bescheid. In der Mutterkuhhaltung bleiben die Kälber neun bis 12 Monate bei den Muttertieren, im Winter bequem aufgestallt, im Sommer auf den saftigen Weiden im Naturschutzgebiet in der Ruhraue.

„Almauftrieb“ bei Bauer Schulte in Geisecke.

„Almauftrieb“ bei Bauer Schulte in Geisecke. © Martin Krehl

Ausschließlich Futter aus eigenem Anbau bekommt die in der Region bekannte „weiße Herde“ . Schultes bewirtschaften 150 Hektar Wiesen, Weiden und Äcker. Das Prinzip der artgerechten Tierhaltung reicht bis zu den Enten im Wassergraben, der einer der letzten noch intakten Wasserburgen im Ruhrtal umschließt.

Haus Rutenborn war einst ein Adelssitz

Im 14. Jahrhundert wurde das von den Schultes gepachtete Hofgut mit der gar nicht so trutzigen Burg als Adelssitz erstmals erwähnt, die Herren von Dellwig und die Grafen von Fürstenberg waren die prominentesten Besitzer in der sehr wechselvollen Geschichte über die Jahrhunderte. Zuletzt blieben die Grafen von Fürstenberg-Herdringen Eigner, und zwar bis heute.

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Die Familie Druffel bewirtschaftete bis in die 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts den Hof und die benachbarte Kornbrennerei. Die Brennerei ist jetzt ein Wohnhaus. Die Familie Schulte aus Soest kam über die Zwischenstation Lichtendorf in den 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts auf den Hof.

Ortslandwirt Bernd Schulte.

Ortslandwirt Bernd Schulte. © Martin Krehl

Bernd Schulte ist engagierter Ortslandwirt für die Landwirtschaftskammer und Ortsverbandsvorsitzender im WLV, dem Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband. Birgt Schulte engagiert sich im Landfrauenverein und ist stellvertretende Kreislandfrau. Beide leben wirtschaftliche Landwirtschaft im Einklang mit der Natur.

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Die historische Hofanlage wird gelegentlich für Ausstellungen oder Konzerte geöffnet, ist aber ansonsten nicht zugänglicher Privatbesitz. Den unverstelltesten Blick auf die Wasserburg mit dem erst im 20. Jahrhundert angebauten Erker hat man eigentlich vom Ruhrtal-Radwanderweg.

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