Als schicke Mode noch aus Schwerte kam

Ehemalige Kleiderfabrik Irringer

Nicht ein einziger Stein erinnert mehr an die Zeit, als Näherinnen auf der Binnerheide täglich mehrere Tausend Damenkleider fertigten. Für die Erweiterung des Erdnussrösters Ültje in Schwerte mussten die Gebäude der früheren Kleiderfabrik Irringer fallen.

SCHWERTERHEIDE

, 18.04.2015, 09:49 Uhr / Lesedauer: 3 min

Von der Kleiderfabrik Irringer ist nicht mehr viel übrig. Die Bagger haben sich mittlerweile durch das alte Fabrikgebäude gefressen. Ein Bild zum Trauern ist das mittlerweile nicht mehr für den langjährigen Betriebsrat Ralf Kessler, der einen Großteil seines Arbeitslebens bei Irringer verbracht hat. „Das ist Schnee von gestern“, sagt der 71-Jährige, der den rasanten Aufstieg und das jähe Ende hautnah miterlebte.

Als der gelernte Stahlbauschlosser 1967 nach seiner Bundeswehrzeit als Lagerist bei ihnen anheuerte, hatten der Kaufmann Hermann Irringer und der Bekleidungstechniker Wilhelm Schröder gerade erst zwei Jahre zuvor ihr Unternehmen gegründet. Sie mieteten Räume in der alten Molkerei an der Karl-Gerharts-Straße an, wo anfangs ausschließlich für C&A und die großen Versandhäuser genäht wurde. Weitere Betriebsteile verteilten sich über das halbe Stadtgebiet: „Der Versand war in Holzen in der Luisenstraße.“ Und ein Stofflager wurde im Saal der früheren Gaststätte Sprave an der Hörder Straße eingerichtet.

Oben 42, unten 44

„Die Firma wuchs rasant“, berichtet Kessler. Erfolgsrezept war die Konzentration auf sogenannte Zwischengrößen für Kundinnen, deren Figur nicht normgerecht wie in den Hochglanz-Zeitschriften proportioniert war. Beispielsweise fühlten sie sich obenherum in Größe 42 wohl, unten aber benötigten sie gar die 44: „Die Kunst war es, die Mode so umzusetzen, dass sie auch in großen Größen schick aussah.“

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Die Kleiderfabrik Irringer

In der Kleiderfabrik Irringer in Schwerte wurde früher schicke Damenmode im Akkord genäht, die dann zum Beispiel bei C&A über die Ladentheke ging. Seit 1992 ist das einstige Vorzeigeunternehmen Vergangenheit. Wir blicken zurück auf die goldenen Zeiten der Schwerter Kleiderfabrik - und auf den Niedergang des Unternehmens.
16.04.2015
/
Das Gebäude der früheren Kleiderfabrik Irringer auf der Binnerheide ist jetzt abgerissen worden.© Foto: Archiv
Der Gründer der Textilfabrik, Kaufmann Hermann Irringer.© Foto: Archiv
Grund zur Freude gab es noch 1990 bei der Kleiderfabrik Irringer, als die Auszubildenden ihre Prüfungen zur Bekleidungsfertigerin, zur Bekleidungsnäherin und zur Bekleidungsschneiderin bestanden hatten. Die Feier fand im Waldrestaurant Freischütz statt.© Foto: Archiv
Honoratioren in dunklen Anzügen besichtigen die Produktionsanlagen der Kleiderfabrik Irringer auf der Binnerheide, wo Frauen an Pfaff-Industrienähmaschinen tätig waren.© Foto: Archiv
Mit großen Transparenten machten die Beschäftigten ihrem Unmut vor dem Ende des Unternehmens Luft. Horst Kühn, Inhaber der Firma Rheiner Moden in Rheine, hatte Ende 1990 eine Mehrheitsbeteiligung an den Kleiderwerken Irringer erworben.© Foto: Archiv
Das Ende der Kleiderfabrik Irringer auf der Binnerheide: Im März 1993 wurden Bürocomputer, Nähmaschinen und anderes Inventar meistbietend versteigert.© Foto: Archiv
Schlagworte

 

Weil die Produktionsräume bald aus allen Nähten platzten, wurde 1970 der Neubau auf der Binnerheide bezogen. „Als er fertig war, war er schon zu klein“, weiß Kessler: „Dann ist drei Mal angebaut worden.“ An die 300 Beschäftigte – darunter immer viele Aushilfen und Schüler – hätten in den Hallen gearbeitet. „Kleider werden gemacht wie ein Auto“, beschreibt der frühere Betriebsrat die Fließbandarbeit im Akkord, wo jede Mitarbeiterin nur eine ganz bestimmte Aufgabe übernahm. Die eine das Ärmel-Annähen, die andere die Rückennaht, eine dritte das Schließen der Säume.

Kati-Mode in Essen

Nachher wurde die Firma so groß, dass in Schwerte nur noch die Musterkollektionen gefertigt wurden“, erzählt Kessler. Nähbetriebe wurden in Unna, Bottrop, Herne, Hagen, Köflach in Österreich sowie in Luxemburg eingerichtet. Es gab die Kati-Mode in Essen und eine Mäntel-Fabrikation: „Das war ein Riesenbetrieb – kurz hinter Steilmann.“ Das war der Wattenscheider Modezar. Man könne sich nicht vorstellen, welche Stückzahlen produziert wurden.

Viele Arbeiten wurden an sogenannte Zwischenmeister abgegeben, selbstständige Betriebe, die für ihre Lohnaufträge mit Stoffen und Schnittmustern beliefert wurden. Auch in Jugoslawien, Portugal und Italien ließ Irringer fertigen. Man lieferte die Stoffe ins Ausland und erhielt sie fix und fertig geschnitten und genäht zurück. Ein Verfahren, das damals als „passive Lohnveredelung“ unverzollt bleiben konnte, so Kessler.

 

Über zahlreiche Vertreter und Verkaufsbüros wurde jetzt auch der Einzelhandel bedient. Die Händler suchten ihre Ware exklusiv in besonderen Großhandels-Modehäusern in Neuss, Hannover oder München aus, wo alle großen Hersteller ihre Kollektionen präsentierten. Oder sie orderten gleich auf den großen Messen. Der Igedo in Düsseldorf oder der zweimal jährlichen Modewoche München.

Die Schwerterinnen rannten Irringer beim Werksverkauf auf der Binnerheide die Tore ein. „Es gab in Schwerte nicht einen Haushalt, wo nicht wenigstens ein Teil im Kleiderschrank war“, erinnert sich Kesslers Ehefrau Gisela. Besonders begehrt: Der Trägerrock, der unverwüstlich alle Modewellen überdauerte.

Von C&A bis Quelle

Übrig gebliebene Textilien mit Irringer-Etiketten oder gar Werbe-Kleiderbügel sucht man aber vergeblich. „Damals wurde – anders als heute üblich – nichts unter dem eigenen Namen verkauft“, sagt Kessler. Obwohl der in der Branche sehr gut gewesen sei. Stattdessen wurden direkt die Labels der Kunden von C&A bis Quelle eingenäht. Die Verkaufszahlen stimmten, berichtet Kessler. Trotzdem war 1992 nach mehreren Wechseln in der Eigentümer-Struktur plötzlich Schluss: „Da hatte ich gerade mein 25-jähriges Jubiläum gehabt.“ Als dem Unternehmen der Geldhahn abgedreht wurde, standen „ein paar Tausend Menschen“ auf der Straße: „Aber damals hat das keinen gestört.“

Der Letzte, der gegangen ist

Das Inventar von der Nähmaschine bis zur Schreibtischlampe kamen nach dem Konkurs unter den Hammer. Zwei Jahre lang dauerte die Auflösung. Die letzte Aufgabe, an der Kessler mitwirken musste. „Ich war so ziemlich der Letzte, der rausgegangen ist.“ Den Firmensitz auf der Binnerheide erwarb schließlich Nachbar Ültje, der auf dem Gelände jetzt einen Neubau für die Produktion von Erdnussflips errichten will.

 

 

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt