Dr. Ingo Barth sieht in der Aufhebung der Priorisierung einen richtigen Schritt. © Aileen Kierstein
Corona-Impfungen

Aufhebung der Impfpriorisierung: „Es wurden falsche Erwartungen geschürt“

Die amtlich festgelegte Impfreihenfolge ist seit dem 7. Juni aufgehoben. „Ein richtiger Schritt“, sagen Schwerter Hausärzte. Bestehende Probleme löse die Priorisierungs-Aufhebung aber nicht.

Seit Montag (7. Juni) wird nach sechs Monaten der Impfkampagne die Priorisierung bei den Corona-Impfungen aufgehoben. Die amtliche Reihenfolge anhand der drei Risiko-Kategorien fällt damit weg – jeder kann sich nun einen Termin machen.

Aufhebung löse nicht alle Probleme

Der Schwerter Hausarzt Dr. Ingo Barth hält den Wegfall der priorisierten Gruppen grundsätzlich für den richtigen Schritt: „Wir sind heilfroh, dass man jetzt eine freie Hand über die Impfungen hat, ohne den zusätzlichen Verwaltungsstress.“ Alle Probleme löse die Öffnung der Bundesregierung damit allerdings nicht. „Es wurden falsche Erwartungen geschürt. Der Wegfall der Priorisierung ändert nicht den immer noch bestehenden Mangel an Impfstoffen“, erklärt Ingo Barth. Die Basis der Hausärzte müsse nun ausbaden, was die Bundesregierung versprochen hat.

Momentan schafft die Hausarztpraxis an der Schützenstraße 50 bis zu 70 Impfungen pro Tag. Das liege aber hauptsächlich daran, dass in der Gemeinschaftspraxis gleich vier Fachärzte arbeiten. „Die Hoffnung war, dass Anfang Juni 5 Millionen Impfdosen an die Hausärzte verteilt werden“, sagt Ingo Barth. „Am Ende sind es dann doch nur 3 Millionen geworden.“

Die Hausärzte würden Woche für Woche hingehalten und bekämen erst am Ende der ablaufenden Woche mitgeteilt, wie viel Impfstoff in der kommenden Woche zur Verfügung stehe. Das führe zu einer hohen Planungsunsicherheit. Momentan stehen in der Gemeinschaftspraxis an der Schützenstraße immer noch knapp 400 Menschen auf der Warteliste.

Größerer Andrang am ersten Tag

Zum ohnehin herrschenden Mangel an Impfstoff käme der Faktor, dass nicht jeder Patient den Impfstoff eines beliebigen Hersteller wolle. „Der Großteil der Menschen pocht immer noch darauf nur mit dem Serum von Biontech geimpft zu werden“, erklärt Ingo Barth. „Dabei ist jeder Impfstoff ab einer Wirksamkeit von 60 Prozent überaus hilfreich.“

Dass der Wegfall der Risiko-Kategorien auch einen größeren Andrang an Impfwilligen bedeutet, konnte Dr. Ingo Barth schon am ersten Tag der Öffnung bemerken. Neben den Patienten seiner Praxis kämen auch Leute von außerhalb dazu, da nicht jeder Hausarzt Corona-Impfungen anbiete. Dennoch sei Ingo Barth zum ersten Mal seit Längerem zumindest vorsichtig optimistisch: „Wir tun unseren Teil und mit Hinblick auf die Zukunft gehe ich nicht von einer vierten Welle aus.“

Belastung war vorher schon hoch

Auch Hausarzt Dr. Theo Spanke übt Kritik an der Entscheidung der Bundesregierung: „Die Politik hat uns in eine Bredouille gebracht. Bei der derzeitigen Knappheit an Impfstoffen kommt das Signal zur falschen Zeit.“ Im Praxisalltag werde die Aufhebung der Priorisierung wohl erst einmal nichts ändern. Da auf der Warteliste in Spankes Praxis momentan noch knapp 780 vorerkrankte Menschen auf eine Erstimpfung warten, sollen diese vorerst auch priorisiert bleiben.

Dr. Theo Spanke empfindet die Entscheidung der Regierung als Signal zum falschen Zeitpunkt.
Dr. Theo Spanke empfindet die Entscheidung der Regierung als Signal zum falschen Zeitpunkt. © Bernd Paulitschke © Bernd Paulitschke

„Wir müssen einen Großteil der Dosen auch für Zweitimpfungen zurückhalten. Das Kontingent für Erstimpfungen ist zur Zeit verschwindend gering“, sagt Theo Spanke. Eine Veränderung der Belastung sei am ersten Tag zwar nicht zu erkennen gewesen – das liege aber vorrangig daran, dass der Andrang schon vor Aufhebung der Risiko-Kategorien sehr hoch war. „Um telefonisch alles abarbeiten zu können, haben wir extra Kräfte auf Teilzeit eingestellt, die nur telefonieren“, sagt Spanke. „Wenn man beim Ministerium horcht, wird es bis Ende des Monats wohl auch keine wesentlichen Veränderungen geben.“

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Student für Sozialwissenschaft und Philosophie – gebürtiger Schwerter und Wahl-Dortmunder. Immer interessiert an Menschen aus dem Ruhrgebiet und ihren Geschichten.
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Felix Mühlbauer