Auflagen wegen Terrorgefahr bedrohen Festumzüge

rnFestumzüge in Schwerte

Die verschärften Sicherheitsvorgaben für Festumzüge sind für Vereine kaum noch zu stemmen. Polizei und Feuerwehr übernehmen keine Absicherung mehr. Auch nicht für kirchliche Prozessionen.

Schwerte

, 21.06.2018, 06:32 Uhr / Lesedauer: 4 min

Spaziergang mit Spielmannszug in loser Folge auf dem Bürgersteig statt prächtiger Fahnen-Umzug auf der Rathaushausstraße: Eine ungewöhnliche Lösung werden die Vertreter der sechs Ritterorden erleben, die Stefan Simon zum Ungarischen Tag am Samstag, 7. Juli, in die Ruhrstadt eingeladen hat. Unerfüllbar wären die Sicherheitsauflagen für den gegen 9 Uhr geplanten Marsch über die Fahrbahn vom Empfang im Rathaus bis zum Festgelände auf dem Postplatz gewesen. Um zu verhindern, dass möglicherweise Terroristen die Gruppe auf der nur wenige Hundert Meter langen Strecke mit einem Auto attackieren könnten, hätten unterwegs alle Straßen-Einmündungen mit quergestellten Lkw blockiert werden müssen. Und zwar in Minutenschnelle, damit der Busverkehr nicht behindert wird.

Deshalb war Simon dankbar für den Tipp, doch einfach auf den Gehweg auszuweichen, wo eine Absicherung nicht gefordert sei. Für eine Gruppe aus 30 Teilnehmern plus Spielmannszug mag das noch eine Alternative sein, für mehrere Hundert Schützen bei einem Festumzug nicht. Im Gänsemarsch hintereinander über den Bürgersteig zu gehen, das kam für die Reichshofschützen nicht in Frage. Wie seit ewigen Zeiten bewegten sie sich am Samstag bei ihrem Schützentag in Reih´ und Glied stolz mitten auf der Straße, als sie vom Marktplatz im historischen Ortskern dem Festplatz Am Gartenbad entgegegen strebten. Begeleitet wurde der uniformierte Lindwurm von eigenen Ordnern und von hinten abgeschirmt von einem Privat-Pkw, weil Polizei und Feuerwehr diese Aufgaben nicht mehr übernehmen.

Immer schon „Goodwill“

Nur „aus Goodwill“ hätten Bezirksbeamte das früher gemacht, erklärt Thomas Röwekamp, Sprecher der zuständigen Kreispolizeibehörde Unna: „Es war grundsätzlich schon immer so, dass die Sicherung dieser Veranstaltungen durch den Veranstalter selbst zu machen ist.“ So konsequent gehandhabt werde diese Maßgabe bei seiner Behörde seit diesem Jahr. Marschrichtung der Polizei sei es, vor der Genehmigung beratend tätig zu sein. Die – so Stadt-Pressesprecher Carsten Morgenthal – erteilt letztlich die städtische Ordnungsbehörde.

„Weil die Polizei das nicht mehr übernimmt“, könnten auch die Löschgruppen nicht mehr absichernd tätig werden, sagt Wilhelm Müller, Leiter der Schwerter Feuerwehr. Er verweist zudem auf ein Merkblatt des Feuerwehren-Verbands NRW, nach dem bei fehlerhafter Absicherung durch die Wehr die Gemeinde haftet. Und wenn Kameraden ohne die Zustimmung des Feuerwehrleiters eine Absicherung übernehmen, haften sie demnach gar privat – auch wenn sie Uniform tragen. „Da kommen wir in Teufels Küche“, so Müller.

Das Merkblatt war nach einem Unfall bei einem Schützenfest in Menden 2009 herausgekommen, bei dem zwei Menschen zu Tode gekommen waren. Und noch vor zwei Wochen seien bei einer Veranstaltung in Hemer zwei Feuerwehr-Kollegen angefahren worden, berichtet Müller. Diese Risiken könne er nicht eingehen. „Wir sind uns schon bewusst, dass wir da eine Menge kaputt machen“, sagt er.

Sichere Fronleichnamsprozession

Bei der traditionellen Fronleichnamsprozession der katholischen Mariengemeinde sprangen – so sagt Pfarrer Peter Iwan dankbar – „zum Glück“ die Malteser ein, die durch das Aufstellen von Fahrzeugen die Hagener Straße und den Postplatz absperrten. Außerdem wurde die Streckenführung für den Gang von der Rohrmeisterei zur Marienkirche an der Goethestraße geändert: Statt über die von vier Seiten zugängliche Kreuzung vor dem Rathausbrunnen zogen die singenden und betenden Gläubigen durch die stille Haselackstraße. Es ist erst ein paar Jahre her, da kreuzte ihr Weg mithilfe der Polizei sogar zweimal problemlos die Bundesstraße 236.

„Ich hatte ursprünglich große Sorgen, dass wir die Prozession überhaupt stattfinden lassen konnten“, sagt Pfarrer Peter Iwan. Denn auf einmal seien bei den Behörden große Bedenken aufgetaucht, dass Fahrzeuge in die Menschengruppe hereinrasen könnten. „Dem Bürger wird doch der Eindruck vermittelt, dass wir in einem permantenten Kriegszustand seien“, erklärt der Leiter der Pfarrgemeinde. Und die Polizei habe sich nicht in der Lage gesehen, Absperrungen vorzunehmen. Iwan zeigt sich „irritiert, dass auf einmal Sicherheitsstandards angelegt werden, die von den Veranstaltern nicht mehr zu stemmen sind“. In Bergkamen beispielsweise sei die traditionelle Prozession tatsächlich ausgefallen.

„Das Sicherheitskonzept ist sehr schwierig umzusetzen“, erklärt auch Gerd Schiwiora, Presse-Offizier der Reichshofschützen. Es sei sehr unglücklich, eigene Leute zur Absicherung abstellen zu müssen: „Die fehlen im Zug.“ Damit der bei der Auftaktveranstaltung für das große Schützenfest im kommenden Jahr auch optisch mit rund 100 Uniformierten etwas hermachte, packten die Frauen bei der Aufgabe mit an, Baken und Tempo-Limit-Schilder (30 statt der üblichen 60 Stundenkilometer auf der Wannebachstraße) aufzustellen oder Warnflaggen zu halten. Zusätzlich blockierten sie mit einem quergestellten PKW die Fahrbahn an der Einmündung vor dem Festplatz Am Gartenbad. Zwang anwenden hätten sie denn gedurft. Denn private Ordner – so Polizeisprecher Thomas Röwekamp – können keine polizeilichen Rechte ausüben. „Es geht um ein Miteinander“, setzte er auf Rücksichtnahme der Autofahrer.“

Warnwesten für Ordner

Die Westhofener Helferinnen mussten bei ihrer Tätigkeit übrigens orangene Warnwesten tragen. Und zwar nicht die, die jeder in seinem Auto bereitliegen hat, sondern extra vom Verein gekaufte mit dem Aufdruck „Ordner“. Diese Auflage haben die Wandhofener Königreichs-Schützen nicht für ihren Umzug am 1. Juli vom Festplatz an der Wandhofener Straße durch den Ortsteil. Bei ihnen reichen „Ordner“-Armbänder, berichtet Vorsitzender Frank Kayser. Die Zufahrten aus den Seitenstraßen würden mit Baken abgesperrt. Allerdings: Die Hagener Straße dürfen die mehr als 200 erwarteten Schützen auf dem Weg vom Ober- ins Unterdorf nur an der Knopfdruckampel überqueren – zu deren kurzen Grünphasen. Bis die wieder neu angefordert werden können, vergingen jeweils zwei bis drei Minuten bei Rot für die Fußgänger. Deshalb wird es an dieser Stelle zum Stau kommen. „Das zieht sich bestimmt zehn bis 15 Minuten hin“, schätzt Kayser.

Von seiner Unzufriedenheit macht der Wandhofener Schützen-Chef gar keinen Hehl. Vor allem vermisst er ein Konzept seitens der Behörden: „Es muss eine klare, einheitliche Linie geben und nicht bei jedem Verein andere Auflagen.“ Noch größer wird das Wirrwarr der Vorschriften, wenn man auf andere Städte blickt. In einer großen Dortmunder Kirchengemeinde – so erfuhr St.-Marien-Pfarrer Peter Iwan – habe die Fronleichsnamsprozession sogar ohne jegliche Absicherung über die Bühne gehen können. Und der Platzmajor der Westhofener Reichshofschützen, Siegfried Behrend, blickt ein wenig neidisch auf den Namensvetter seiner Heimatstadt, Westhofen bei Alzey. Dort hatte er mit einigen Kameraden erst eine Woche vor dem Schützentag das Traubenblütenfest mitgefeiert: „Da haben Polizei, Rotes Kreuz und Feuerwehr alles abgesichert.“ Aber der Weinort liegt ja auch jenseits von NRW, im Bundesland Rheinland-Pfalz.

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