"Aus allen Schichten" - Suchtberaterin im Interview

Zu Alkohol und Drogen

Von wegen Heroin oder Kokain: In den meisten Fällen berät Manuela Koerber Alkoholsüchtige. Sie arbeitet bei der Suchtberatung der Diakonie in Schwerte und schätzt das Suchtpotenzial von Alkohol größer ein als von so mancher illegaler Droge. Warum sie das so sieht, erklärt sie im Interview.

SCHWERTE

, 21.05.2017 / Lesedauer: 4 min
"Aus allen Schichten" - Suchtberaterin im Interview

Wir haben anlässlich der "Aktionswoche Alkohol" mit Manuela Koerber gesprochen; sie ist seit 2012 Sozialarbeiterin in der Suchtberatung der Diakonie Schwerte.

Diese Woche hatte die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen die „Aktionswoche Alkohol“ausgerufen. Ziel ist es, das Thema Alkoholmissbrauch und Alkoholsucht in den Fokus zu rücken. Unsere Mitarbeiterin Lena Beneke hat anlässlich dieser Aktionswoche mit Manuela Koerber gesprochen, die seit 2012 Sozialarbeiterin in der Suchtberatung der Diakonie ist. Im vergangenen Jahr betreute sie fast 90 Klienten, der größte Teil von ihnen hat mit Alkoholsucht zu kämpfen.

Wie beginnt eine Alkoholsucht?

Es gibt nicht den einen Verlauf. Jeder hat seine persönliche Suchtgeschichte. Da Alkohol legal ist und in unserer Gesellschaft dazugehört, bekommen Betroffene oft nicht mit, wo ein normales Trinkverhalten umschlägt in eine Sucht. Bei illegalen Drogen wie Cannabis weiß ich, dass es ein Suchtstoff ist und dass dieses eine Mal schon Missbrauch ist. Bei Alkohol ist eine bestimmte Menge kein Missbrauch, sondern normaler Gebrauch.

Als risikoarm gilt bei Frauen beispielsweise ein Konsum von zwölf Gramm reiner Alkohol pro Tag, bei Männern sind es 24 Gramm. Zwölf Gramm sind etwas mehr als ein kleines Glas Bier. Alkohol ist sehr schädigend, es ist giftiger als Substanzen wie Heroin und Kokain.

Wer kommt hauptsächlich zu Ihnen?

Die Leute, die hier in der Suchtberatung auftauchen, stammen aus allen Schichten. Das ist der normale Arbeiter, die Hausfrau, der Akademiker und ich hatte auch schon einmal Führungspersonen von großen Firmen hier. Der Wohnungslose, der schon mittags mit einer Bierflasche im Stadtbild präsent ist, ist der Letzte, der hierher kommt.

Woher weiß ich, ob ich süchtig bin?

Süchtig ist man, wenn man von sechs Suchtkriterien drei innerhalb eines halben Jahres erfüllt. Die Kriterien sind der Zwang zu konsumieren, eine verminderte Kontrolle über den Substanzgebrauch, Entzugserscheinungen, Toleranzentwicklung, wenn der Alkohol zu Interessensverlust führt und nur noch die Substanz wichtig ist und wenn man anhaltend konsumiert, trotz eindeutiger Folgeschäden.  

Wie viele Menschen betreuen Sie?

Ich hatte fast 90 Klienten im vergangenen Jahr bei einer halben Stelle, das ist schon eine Menge. Auch wenn einige nur selten kommen. 2015 waren es über 100. Menschen, die alkoholsüchtig sind, machen rund 80 Prozent meiner Klienten aus.  

Welche Rolle spielen Eltern beim Thema Alkoholkonsum von Jugendlichen und jungen Erwachsenen?

Kinder aus Alkoholikerfamilien haben ein erhöhtes Risiko, es auch zu werden, weil sie den hohen Konsum von Zuhause bereits kennen. Und wenn man mit 14 relative hohe Dosen trinkt, hat man eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, eine Sucht zu entwickeln.

Welches Problem haben Jugendliche im Gegensatz zu Erwachsenen, wenn sie Alkohol und andere Drogen zu oft konsumieren?

Als Jugendlicher bilden sie die Strukturen, die Ihnen durch das Erwachsenenleben helfen. Wenn sie in dieser sensiblen Phase einen Suchtstoff einbauen in ihr Verhalten und ihre Gefühle durch Drogen oder Alkohol künstlich steuern, dann lernen Leute, die sehr früh damit anfangen, nicht, mit ihren Gefühlen ohne Drogen umzugehen. Die Jugendlichen wissen oft nicht, wie sich etwas nüchtern anfühlt. Sie müssen dann erst wieder lernen, Gefühle ohne Konsum einzuordnen und auszuhalten.

Kommen auch viele junge Menschen zu Ihnen?

Ich darf keine Menschen unter 18 Jahren beraten, weil wir hier keinen Kinder- und Jugendpsychater haben. Jugendliche mit Suchtproblemen müssen sich an den Schulpsychologischen Dienst wenden, der sich aber auch nicht unbedingt zuständig fühlt. Das ist ein großes Problem im Kreis Unna, eine Stelle für Jugendliche zu finden, zu der sie hingehen können. Die Klinik in Hamm ist gerade für Jugendliche weit weg.

Was bringt Menschen dazu, gegen die Sucht anzugehen?

Es muss ein Punkt erreicht werden, an dem man feststellt, so kann es nicht weitergehen. Es kann sein, dass die Ehefrau sagt, sie lässt sich scheiden oder dass der Führerschein weg ist – dann findet oft ein Umdenken statt. Ich weiß aber auch von Klienten, die haben sich erst auf den Umkehrweg gemacht, als sie Blut gespuckt haben.

Wie sind die Chancen, es ohne Therapie und Klinik aus der Sucht heraus zu schaffen?

Dazu gibt es keine Zahlen, aber ich denke, dass die meisten Leute es tatsächlich von alleine schaffen. Wichtig ist es, den Partner zu informieren und klare Regeln zu vereinbaren. Auch Selbsthilfegruppen können unterstützen, um zu sehen, wie es andere machen. In Schwerte gibt es 10 Selbsthilfegruppen nur für Alkoholiker.

Eine Ankündigung haben Sie noch.

Ja, am Sonntag, 18. Juni, gibt es einen Suchtgottesdienst in St. Viktor. Um 11 Uhr geht es los und im Anschluss besteht die Möglichkeit für einen Austausch.

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