Aus einem Bordell an der Bundesstraße wird ein biederes Wohnhaus – ein Blick ins Innere

Immobilie der Woche

Eine Familie mit elf Kindern wohnt in dem Haus an der Ecke zur B236 in Schwerte. Bevor sie dort einzog, war das Gebäude ein bekanntes Bordell, um das sich viele Gerüchte und Legenden ranken.

Ruhrgebiet

, 07.07.2021, 15:49 Uhr / Lesedauer: 3 min
Es war einmal: Der Club 95 an der Hörder Straße/Ecke Talweg ist zu einem normalen Wohnhaus geworden. Die grünen Baldachine über den Erdgeschossfenstern sind abmontiert.

Die grünen Markisen mit der Aufschrift Club 95 wurden zur Bundesstraße hin entfernt. Der Sichtschutz, der Kunden des Etablissements Diskretion bieten sollte, steht allerdings noch. © Heiko Mühlbauer

Die fünf puffroten Barhocker waren verwaist. Leichtbekleidete Frauen sollten vor der Theke des Hauses an der Hörder Straße 95 nie mehr auf männliche Kundschaft warten. Jahrzehntelang war es unter dem Namen Club 95 als Bordellbetrieb bekannt. Jetzt ist es wieder das, was es vorher war: ein ganz normales Wohnhaus.

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So sah es kurz vor der Umgestaltung im ehemaligen Club 95 aus

Jeder fährt dran vorbei, doch nur wenige Schwerter wissen, wie es innen aussieht: Der "Club 95 "an der Hörder Straße war lange über Schwertes Stadtgrenzen hinaus bekannt. Seit einem Jahr ist das Bordell geschlossen, Nun soll das verruchte Haus wieder ein Wohnhaus werden - doch vor dem Umbau haben wir noch einen Blick hinein geworfen.
19.10.2018

Ein Jahr lang stand das Gebäude leer. Dann wurde es als Wohnhaus umfunktioniert. Eine Familie mit elf Kindern wohnt hier. Herumgesprochen hat sich das offensichtlich noch nicht bei allen Gästen. Noch immer kommt vereinzelt jemand, klingelt vor dem Guckloch an der Eingangstür und muss enttäuscht wieder abziehen, wenn er erfährt: „Hier wird kein Club mehr betrieben.“

Hintergrund für die Umnutzung – so der Hauseigentümer – sei das Mitte 2017 in Kraft getretene Prostituiertenschutzgesetz. Das fordert eine Erlaubnis des Kreis-Ordnungsamtes, für die unter anderem nachgewiesen werden muss, dass die Bordellnutzung baurechtlich genehmigt ist. Aber diese Baugenehmigung hatte es nie gegeben. Der Betrieb sei lediglich mit einer Duldung durch die Stadt Schwerte erfolgt.

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Es war einmal: Der Club 95 an der Hörder Straße/Ecke Talweg ist zu einem normalen Wohnhaus geworden. Die grünen Baldachine über den Erdgeschossfenstern sind abmontiert.

© Heiko Mühlbauer

Das hängt mit der Historie des Hauses zusammen, dessen 1910 hochgezogene Mauern viel erzählen könnten. Anfang der 1980er-Jahre machte es der eigens gegründete eingetragene Verein „Freizeit“ zu seinem Sitz. Als Zweck nannte die Satzung „die Pflege von Kontakten, Beziehungen und Begegnungen und Geselligkeit zwischen alleinstehenden Menschen und Familien ohne Anschluss.“ Der Verein solle das gegenseitige Ansprechen im freundschaftlichen Kreis erleichtern und Möglichkeiten schaffen, Hobbys und Neigungen auch gemeinsam in Verbundenheit nachzugehen: „Der Verein ist politisch und konfessionell neutral.“

Die Stadt war misstrauisch

Die Stadtverwaltung aber beäugte misstrauisch das Treiben der ordentlichen Mitglieder und der Ehrenmitglieder, die von der Beitragszahlung befreit waren. „Schon 1983 hat die Stadt geschrieben, dass sie keinen Zweifel daran habe: Hier wird ein Bordell betrieben, Club 95 genannt“, entnimmt der Hausbesitzer seinen Akten. Der Name war in den mosaikartigen Boden vor der Bar eingelassen, der mit einem ganz besonderen, schmutzabweisenden Material belegt ist.

Gegen die vom damaligen Betreiber beantragte Nutzungsänderung sträubte sich die Stadt mit der Begründung, ein Bordell passe nicht in ein Allgemeines Wohngebiet. Doch das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen verpasste ihr eine Ohrfeige. Die Richter stuften die Umgebung, in der eine Tankstelle und die Firma Papenmeier angesiedelt sind, lediglich als „ungeplanten Außenbereich“ ein, der einem Bordell nicht im Wege stand.

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Bis 2017 nur geduldet

Bei einer anschließenden mündlichen Verhandlung im Rathaus einigte man sich auf eine Duldung, dafür habe der Betreiber die eigentlich von der Stadt zu zahlenden Gerichtskosten aus seiner Tasche übernommen. „Die Duldung hielt bis 2017“, berichtet der Hausbesitzer. Da hatte der Club 95 seine größte Zeit schon lange hinter sich gelassen. Die sei in den 1970er- und 1980er-Jahren gewesen. Da war in den fünf Zimmern mit den breiten Betten und aufwendigen Spiegelwänden immer etwas los. Jedes verfügte – neben der obligatorischen Uhr – über eine große Eckbadewanne oder eine Dusche. Auf das größte und komfortabelste Zimmer im Obergeschoss habe man auch zwei Mädchen mitnehmen können.

Zimmer 3 im Obergeschoss war großzügig mit Spiegeln ausgestattet.

Zimmer 3 im Obergeschoss war großzügig mit Spiegeln ausgestattet. © Reinhard Schmitz

In der Stadt rankten sich die Legenden, was hinter den damals verklebten Fenstern passiere. Eine Frau habe dort während des Verkehrs einen tödlichen Herzinfarkt erlitten, wurde erzählt. Oder von einem Stadtbediensteten, der angeblich seinen Schlüsselbund im Hausbrunnen verloren habe, der einst bis vor die Theke ragte. Was an diesen Geschichten dran ist, weiß keiner. In den 1990er-Jahren kamen dann nochmal „die Russen“. Die – so der Hausbesitzer – mieteten das komplette Etablissement sogar „all inclusive“ drei Tage lang für sich allein. Und blätterten dafür locker mal 20.000 Euro hin.

Frauen wurden heranchauffiert

Wenn nicht genug Frauen für den Besucherandrang da waren, wurden Kolleginnen aus anderen Clubs heranchauffiert. „Es gab Leute, die haben hier bis zu 20.000 Mark gelassen“, erzählt der Hauseigentümer von den Goldgräberzeiten der Bordellbranche. Damals habe es Leute gegeben, die ihm die Immobilie abkaufen wollten und 600.000 bis 700.000 Mark geboten hätten.

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Selbst beim Betreiberwechsel seien horrende Summen für die Übernahme des Inventars gefordert worden. Die Rede war zwischen 30.000 und 50.000 Euro. Nicht mit allen Betreibern hatte es der Hausbesitzer, der stets nur Vermieter war, einfach. Es habe auch Fälle von Kreditkartenbetrug und Schutzgeld-Erpressung von der Mafia gegeben, erzählt er: „Es war halt ein illegales Milieu, das sich da angesiedelt hat.“

Absolut ordentlich war indes der letzte Betreiber, mit dem 2017 die Rote Laterne erlosch. Er hinterließ die Räume quasi besenrein. Nur die Hinweise auf die Kondompflicht hingen noch an den Wänden. Heute sind Orchideen hinter den Fenstern postiert und Gardinen dort angebracht.

Massiver Tresor für Tankstellen-König

Im Keller des Gebäudes steht ein massiver Tresor. Der stammt aber aus einer anderen Geschichte. Vor der Bordell-Ära hatte der Tankstellen-König Erhard Goldbach das 200 Quadratmeter große Haus zu seiner Villa umgebaut. Durch einen Schlitz in der Außenfassade konnten die Angestellten seiner 400 Goldin-Tankstellen die Kuverts mit den Einnahmen direkt in den Safe fallen lassen. Sehr praktisch, als der Chef sich vor der Justiz verstecken musste.

Von seinem Insolvenzverwalter kaufte der jetzige Besitzer das Gebäude. Die luxuriöse große Marmor-Toilettenanlage, die Goldbach sich einbauen ließ, gibt es heute noch.

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