Zwei Jahre machte ein Mann Maren (33) das Leben zur Hölle. Er bedrohte sie, schlug sie und stellte ihr nach. Unterstützung fand sie bei der Frauen- und Mädchenberatungsstelle.

Schwerte

, 20.03.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es begann wie die ganz große Liebe. „Er war gut gebaut, sah toll aus“, erinnert sich Maren (33, Name von der Redaktion geändert). „Ich war in heller Aufruhr, total verliebt.“ Doch schon nach wenigen Wochen merkt Maren, hier läuft was falsch: „Er hat mich heftig angemacht wegen Belanglosigkeiten.“ Auf ihr Bauchgefühl hört sie nicht. Stattdessen fragt sie sich, ob sie nicht zu empfindlich ist.

Was ist Stalking?
Oft aber nicht immer ist körperliche Gewalt dabei

Stalking bezeichnet ein willentliches, häufig wiederkehrendes und beharrliches Verfolgen und Belästigen einer anderen Person über einen längeren Zeitraum. Der Kontakt wird gegen den Willen der Person hergestellt. Betroffene werden belästigt und verfolgt, bedroht, genötigt oder auch erpresst. Oft geht Stalking mit der Anwendung von körperlicher oder sexueller Gewalt einher und kann Jahre dauern. Manchmal bestand zuvor eine Beziehung, manchmal nur der einseitige Wunsch nach einer.

Als die Beziehung beginnt, leidet Maren bereits an Depressionen, hat wenig Selbstbewusstsein. Vier Monate später geht sie zur stationären Therapie in eine Klinik. In den Gesprächen mit Therapeuten merkt sie, dass ihr die Beziehung zu dem Mann nicht gut tut. Dass er sie kleinmacht. Sie trennt sich, erlaubt ihm aber, während ihres Klinikaufenthaltes in ihrer Wohnung zu leben. In der Zwischenzeit hatte er Job und Wohnung verloren.

Schon während ihres sechswöchigen Klinikaufenthaltendes stimmt er Maren um. „Er versicherte mir, ich sei die Liebe seines Lebens. Er kämpfte so um mich“, erinnert sich die hübsche, brünette Frau. Er beteuert, er werde sich ändern. „Außerdem sah ich, dass es ihm schlecht ging mit der Trennung, er tat mir leid.“

„Psychische Gewalt wirkt gut und lange“

Als Maren aus der Klinik nach Hause kommt, hat sich der Mann regelrecht bei ihr eingenistet. Sofort verfällt er in das alte Schema. „Er machte mich nieder mit Worten, die ich nicht wiedergeben möchte. Er zerstörte mein Selbstwertgefühl total“, schildert Maren die folgenden Wochen und Monate. Auch ihre Depressionen nimmt er nicht ernst. Sagt, sie rede sich die psychische Erkrankung nur ein. „Das ist typisch in diesen Fällen“, sagt Heike Bagusch von der Frauen- und Mädchenberatungsstelle des Kreises Unna. „Psychische Gewalt, die wirkt leider gut und lange.“ Bei ihr findet Maren später Unterstützung und Zuspruch.

Aus häuslicher Gewalt wurde Stalking - jetzt verlässt Maren (33) das Bundesland

© picture alliance/dpa

Dann wird er im Streit zum ersten Mal gewalttätig. „Plötzlich lag ich auf dem Boden, er drückte mir mit der Hand den Mund zu, verlangte, dass ich mich entschuldigte“. Maren weiß gar nicht, wofür, tut es aber trotzdem, um der Situation zu entkommen.

Die Wochen danach eine einzige On-Off-Beziehung. Immer wieder setzt Maren ihn vor die Tür, nimmt ihn wieder auf. Auch, weil sie sich verantwortlich fühlt. Sie sucht nach Gründen für sein Verhalten in seiner Kindheit. „Er war doch selbst so kaputt. Ich glaubte, wenn ich ihn nur genug liebe, wird alles gut, für ihn, für uns.“ Ein eindeutiges Alarmzeichen für Heike Bagusch in jeder Beziehung: „Wenn Frauen nur noch schauen, was ist mit dem Mann, dann läuft was schief.“ Fast jedes Erstgespräch in der Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt beginne mit der Frage der Frau „Was stimmt mit meinem Mann nicht?“ statt mit „Was brauche ich?“

Betroffene schämen sich vor Freunden und Familie

Als er im Streit wieder gewalttätig wird, ihr auf den Arm boxt, holt Maren zum ersten Mal Hilfe. Sie ruft ihren Bruder an, der schon immer gesagt hat, „der ist nicht der Richtige für Dich.“ Als er kommt, hat der Mann bereits mit Sack und Pack die Wohnung verlassen.

Wieder geht Maren zur Behandlung in eine Klinik, diesmal für acht Wochen. Der Mann besucht sie. „Es war etwas kaputt gegangen durch die Gewalt.“ Aber ihr Mitgefühl blieb. „Ich habe gesehen, wo er mittlerweile lebte. Ein Loch. Da konnte ich ihn doch nicht lassen.“ Wieder lässt sie ihn in ihre Wohnung, in ihr Leben, fühlt sich für ihn verantwortlich. Freunden und Familie sagt sie davon nichts. „Ich habe mich doch so geschämt.“

Isolation ist eines der Mechanismen von Stalking und häuslicher Gewalt, erklärt Heike Bagusch. „Teils bringen sich die Frauen selbst dahin, teils werden sie vom Mann getrieben. Es hat mit Macht und Kontrolle zu tun.“

Wo gibt es Hilfe?
Beratung finden Frauen hier

Mädchen- und Frauenberatungsstelle des Frauenforums im Kreis Unna, Hansastr. 38, 59425 Unna, Tel. 02303 - 822 02, E-Mail frauenberatungsstelle@frauenforum-unna.de. Persönliche Beratung und Terminvereinbarung: montags und mittwochs von 10 bis 12 Uhr, dienstags und donnerstags von 15 bis 16 Uhr. Außerhalb der Telefonzeiten ist ein Anrufbeantworter geschaltet. Die Beratung ist kostenlos und anonym für Betroffene, aber auch für Freunde und Familie.

Wo finden Täter Beratung?

Mann ohne Gewalt, Rheinische Straße 167, Dortmund, Tel. 0231-13970460.

Drei Wochen später prügelt der Mann Maren durch die Wohnung. Danach redete er zwei Stunden auf sie ein, fordert von ihr Einsicht. „Er versuchte an mir zu schrauben, etwas aus mir zu machen, dass ich gar nicht bin.“ Eine Art Gehirnwäsche, erklärt Heike Bagusch.

Beim nächsten Streit will er Maren einsperren, ohrfeigt sie und sagte: „Jetzt gehen wir nach oben und reden.“ Noch ein Vortrag? Diesmal nicht, sagt sich Maren. Sie will nur noch weg, raus hier. Sie greift den Schlüsselbund vom Schrank und flüchtet zur Polizei, erstattet Anzeige wegen häuslicher Gewalt und Körperverletzung. „Als die Beamten dann zur Wohnung fuhren, packte er anstandslos seine Sachen und ging. Er kann sich gut verkaufen, zeigte Einsicht“, sagt Maren.

Erste Weg sollte zur Beratungsstelle führen

Für zehn Tage kann die Polizei einen gewalttätigen Mann der Wohnung verweisen. Deshalb erwirkte Maren zusätzlich beim Amtsgericht eine einstweilige Verfügung, dass er sich ihr sechs Monate lang nicht mehr nähern durfte. Heike Redlin, Leiterin des Kommissariats für Kriminalprävention und Opferschutz, rät aber immer zuerst den Weg zu einer Beratungsstelle zu nehmen. „Denn wenn ein Polizeibeamter von einer Straftat Kenntnis bekommt, muss er sie verfolgen, also Anzeige erstatten - egal ob die Frau das will oder nicht.“

Das sei aber oft gar nicht dass, was den Frauen akut hilft, denn der Weg der Strafverfolgung ist langwierig. Und auch Heike Bagusch weiß, „viele möchten nur, dass es aufhört. Wir beraten da immer für die Frau, hören, was sie will.“

Die ersten Wochen danach sind für Maren wie Entzug. „Wir hatten eine sehr emotionale Verbindung, die plötzlich abgerissen ist.“ Nach zwei Monaten knickt sie ein, entsperrt seine Nummer in ihrem Telefon. Sofort nimmt er Kontakt auf, schreibt, er spüre, dass es ihr nicht gut gehe. „Ich glaubte, da ist einer, der mich versteht“, sagt Maren.

Als sie in ihrem Auto seine restlichen Sachen aus ihrer Wohnung zu seinen Eltern bringen, kommt es wieder zum Streit. Der Mann schlägt ihr die Nase blutig. Beide steigen aus, Maren schiebt ihn weg. Er nimmt sie trotzdem in den Arm: „Ich brauche das jetzt.“ Maren fühlt sich „emotional vergewaltigt.“ Auf der Rückfahrt wieder ein Monolog, er suhlt sich in der Opferrolle, während sie sich ein Taschentuch auf ihre blutende Nase drückt. „Immer nur ging es um seine Gefühle“, sagt Maren. „Da erst erkannte ich, dass ich seine emotionalen Verletzungen aus der Vergangenheit nicht heilen kann.“

Nachbarin holt die Polizei

Ein paar Tage später, im November, steht er wieder vor ihrer Wohnungstür, drängt sie lautstark beiseite und ist drin. Eine Nachbarin hört den Lärm, ruft die Polizei. Maren hatte sie auch zuvor instruiert. Seitdem hat Maren ihn nicht mehr gesehen. Aber die Nachbarin beobachtete einen Fremden, der vor Marens Wohnung randalierte, sah den Ex vorbeiradeln, der später schrieb, dass er sich Sorgen mache, weil ihre Rollladen seit drei Tagen runter seien. Hingekritzelte Nachrichten hinterlässt er auf Werbung aus ihrem Briefkasten.

Marens Angst bleibt. Er ist weiter wohnungslos, seine Post läuft ins Leere. Post von Polizei, Gericht oder Staatsanwaltschaft erreicht ihn nicht. Sie fühlt sich in ihrer Stadt nicht mehr sicher. Deshalb wagt sie jetzt den Neuanfang in einem anderen Bundesland. Die Schuld sucht sie nicht mehr bei sich, aber noch immer nach Entschuldigungen für ihn. Den Weg muss sie noch gehen. „Was immer ihm widerfahren ist, er trägt die Verantwortung für seine Taten“, sagt Heike Bagusch ihr immer wieder. Wie ein Mantra. Maren hat sich selbst befreit: „Als ich anfing, mit anderen darüber zu sprechen, mit der Nachbarin, meiner Familie, Frau Bagusch, merkte ich, wie er die Kontrolle über mich verlor.“

Kriminalitätsstatistik
Wie oft passiert Stalking im Kreis Unna?

Die Zahl der Stalkingfälle wird von der Kreispolizei, die im Februar die Kriminalitätssatistik für 2018 vorlegte, nicht separat erfasst. Sie bilden eine Deliktgruppe mit Freiheitsberaubung, Nötigung und Bedrohung, der Anstieg hier sei jedoch „nicht signifikant hoch“. In Schwerte waren es im Jahr 2018 155 Fälle gegen über 122 im Jahr 2017. Ein Problem bei der Bewertung der Entwicklung ist, dass die Grenze zur sexuellen Belästigung fließend ist. Allerdings hat sich auch diese Zahl in Schwerte in den beiden vergangenen Jahren kaum verändert. „Grundsätzlich gilt für diese Deliktgruppen, dass sich das Anzeigeverhalten in den vergangenen Jahren deutlich geändert hat,“ sagt Kriminaldirektor Frank Kujau. Die Bereitschaft, zur Polizei zu gehen, sei gestiegen.
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