Der Nickel-Skandal: Als die Schwerter Zeitung ein eigenes Bodengutachten erstellen ließ

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Auch die Reporter haben Lieblingsgeschichten. Die von Heiko Mühlbauer begann mit einer kleinen Pressemeldung und endete mit einer Aktuellen Stunde im Landtag.

Schwerte

, 26.12.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es war im Mai 2009, als die Ruhr Nachrichten das erste Mal vermeldeten, dass die Grenzwerte für Nickelstaub in Holzen überschritten waren. Das wäre zunächst nichts Verwunderliches. Schließlich befindet sich dort das Nickelwerk. Doch die Grenzwerte waren nicht nur leicht überschritten, sondern um das 30-Fache. Die höchsten Messwerte landesweit, erklärte das Landesamt auf Nachfrage. Auf Nachfrage deshalb, weil die Nickelwerte nur ein kleiner Nebensatz am Ende einer langen Pressemitteilung über andere Messstationen und Belastungen war.

Bodengutachten für das Schulzentrum beauftragt

Doch die Redaktion wollte es näher wissen. Wir beauftragten ein eigenes Bodengutachten. Rund um das Schulzentrum Nordwest, dass sich direkt neben der Messstelle 6 befindet, die damals Alarm schlug, ließen wir einen Gutachter Bodenproben nehmen und lösten damit eine ganze Reihe von Ereignissen aus.

Doch der Reihe nach: In einer Presseerklärung im Frühjahr hatte das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz erklärt, man habe erhöhte Nickelwerte in Schwerte und Duisburg gemessen. Zuvor hatte man auf zwei Seiten die erfolgreiche Umweltpolitik der Landesregierung und die Verbesserung der Umweltdaten allerorten abgefeiert.

Kleiner Nebensatz in einer Presseerklärung

Die Ruhr Nachrichten gingen im Mai diesem kleinen Nebensatz nach. Was dabei rauskam, war die eigentliche Nachricht: Die Werte für Nickelstaub waren ausgerechnet bei einer Messstation am Schulzentrum Nordwest bis zum 30-Fachen des Grenzwertes im vergangenen Jahr überschritten worden. Die Behörden wussten davon, den Bürgern teilte man es aber nicht mit.

Es folgten Beschwichtigungen, man habe zwar nicht den Bürger, sehr wohl aber die Deutsche Nickel benachrichtigt – und die werde jetzt handeln. Erst auf Vorhalt räumte man ein, dass der Spitzenwert des Vorjahres nur die Spitze des Eisbergs sei und die Nickelkonzentration in der Luft in Holzen schon immer weit über den festgelegten Grenzwerten gelegen hatte.

Informationschaos bei den Behörden

Es folgte ein Informationschaos der Behörden. Was diese Werte bedeuten? Ob es Feinstaub in der Luft gibt? Wie gefährlich Nickelstaub ist? Die Antworten klangen meist eher nach Beschwichtigungen. So betonte Kreis-Umweltdezernent Detlef Timper bereits kurz nach Bekanntwerden des Skandals: „Für die Bevölkerung besteht kein Grund zur Beunruhigung.“ Dass dies ein bisschen voreilig war, bestätigte ein Bodengutachten vom Gelände des Schulzentrums, das die Ruhr Nachrichten in Auftrag gegeben hatten. Als Grünfläche gerade noch akzeptabel, landwirtschaftlich sei der Boden aber nicht mehr zu nutzen, urteilte das Institut chemotest. Und plötzlich fand auch der Kreisumweltdezernent, dass ein Bodengutachten her müsse. Und nach einer gut besuchten Bürgerversammlung bot man den Bürgern sogar an, das Gemüse in ihren Gärten zu untersuchen.

Die Ergebnisse: Für Erwachsene weitgehend unschädlich, für Kleinkinder nicht zu empfehlen. Und sogar eine Anlage zur Messung von Feinstaub wurde aufgestellt. Die von den Werken versprochenen Maßnahmen zur Reduzierung von Nickelstaub schlugen sich ab Herbst auch in den Messwerten wieder. Doch bis man unter den Grenzwert kam, dauerte es noch einige Zeit.

Neuer Stadtplaner und Würdigung durch Andenauer-Stiftung

Die Stadt stellte im Nachgang sogar einen Umweltbeauftragten ein, der spätere Stadtplaner Adrian Mork war das. Und der Landtag hielt eine aktuelle Stunde zu dem Thema ab.

Und auch die Leistung der Schwerter Ruhr-Nachrichten-Redaktion wurde offiziell gewürdigt. Die Idee mit der eigenen Bodenprobe und die Berichterstattung wurde für den Konrad-Adenauer-Preis nominiert. Der ging dann zwar an jemanden anderen, die Nickel-Berichterstattung wurde aber im Jahr 2011 in das Buch zu dem Preis für Lokaljournalisten namens „Rezepte für die Redaktion“ übernommen.

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