Der siebte Himmel für alle Schwerter Ziegen ging am Talweg auf

rnSerie: Häuser erzählen

Mindestens fünf Ziegenböcke warteten in den 30er-Jahren am Talweg auf Arbeit: Bis zu 467 Züchter brachten ihre Ziegen zur dortigen Deckstation.

Schwerte

, 22.01.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 1 min

Nichts zu meckern hatten die Ziegen, wenn sie zu dem Häuschen am Talweg 20 gebracht wurden. Auch wenn manch störrisches Exemplar auf dem Handwagen zu seinem Glück gezogen werden wollte. Denn in der Deckstation warteten die Ziegenböcke, die mit ihrem Körpereinsatz nicht nur für zarte Osterlämmer sorgten, sondern vor allem die Milchproduktion in Gang hielten.

1937 gab es in Schwerte 467 Ziegenzüchter

Für die Butter- und Käseherstellung war die Ziegenmilch vor allem in den „schlechten Zeiten“ vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg heiß begehrt. Von 467 Ziegenzüchtern berichtete der Vorsitzende des Ziegenzuchtvereins Schwerte, Heinrich Finkhaus, Anfang 1937 in einem Brief an den Bürgermeister. „Während wir bis vor ein oder zwei Jahren noch mit fünf Zuchtböcken auskamen, müssen wir heute sieben Stück haben“, bittet er in sauberer Handschrift um eine Erweiterung der Station am Talweg.

Dort war es inzwischen viel zu eng fürs Geschäft. Weil die Verrichtungsboxen nicht ausreichten, mussten die Böcke sogar schon in dem Mittelgang Aufstellung nehmen, der eigentlich der Lagerung von Heu diente. Das müsse nun im Winter zu teueren Preisen nachgekauft werden, klagte der Verein.

Die Ziege war einst die Kuh des Bergmanns

Trotzdem gab sich die Stadt Schwerte zugeknöpft. Ihr Argument: Von den 467 Züchtern würden auch einige in Holzen und Wandhofen wohnen. Deshalb solle man doch bitteschön diese beiden Gemeinden zur Finanzierung eines Anbaus mit heranziehen. Wie der Streit ausging, verraten die Dokumente nicht, die Anwohnerin Rita Willeke hütet. Sie zog 1998 in das kernsanierte Wohnhaus des Deckstationsleiters ein. Im früheren Vorgarten hatte ein Bauträger gleichzeitig eine moderne Wohneigentums-Anlage errichtet.

Die ehemalige Bockstation im Garten, dient als Abstell- und Gemeinschaftsraum. Der Ziegenduft ist längst verweht. Schon 1967, als Franz Rücker ins Nachbarhaus einzog, waren die Stallungen leer. Da seien die Lebensverhältnisse schon besser geworden, begründet er: „Die Ziege war doch die Kuh des Bergmanns.“

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