"Die Kirche kann nicht mehr im Elfenbeinturm sitzen"

Schwerter Pfarrer im Interview

Seit 2010 ist er Pfarrer in der evangelischen Gemeinde Schwerte. Im Januar läuft seine Zeit ab. Dann geht Michael Kamutzki nach Dortmund. Im Interview spricht er mit Redakteur Markus Trümper über seine schönsten Erinnerungen, über sein Berufsbild im Wandel und den Elfenbeinturm der Kirche.

SCHWERTE

, 13.12.2016, 18:12 Uhr / Lesedauer: 4 min
"Die Kirche kann nicht mehr im Elfenbeinturm sitzen"

Pfarrer Kamutzki wechselt von Schwerte nach Dortmund.

Sie haben erst Theologie, dann Gerontologie (Alternswissenschaft) studiert, gingen ins Vikariat, waren im Anschluss Berufsschuldozent und sind später erst Pastor in Lünen und schließlich Pfarrer in Schwerte geworden. Mögen sie Abwechslung?

Nö, das war alles nicht so geplant. Das war die Zeit, in der unsere Kirche nicht so richtig geplant hat. Zur Examensvorbereitung bekam ich einen Brief, in dem ungefähr stand: „Liebe Schwestern und Brüder, wir haben Kassensturz gemacht und festgestellt, wir haben für euch keine Gelder mehr.“ Dann gab es ein Auswahlverfahren, in dem 50 Prozent aussortiert wurden, und 50 kamen auf die Warteliste für eine neue Runde in vier Jahren. In der Zwischenzeit wollte ich natürlich etwas Sinnvolles machen.

 

Sie haben sich für ein Gerontologie-Studium entschieden. Älterwerden ist in der Kirche ein wichtiges Thema. Bringt Ihnen das Studium in Ihrem Alltag etwas?

Ich habe tatsächlich gedacht, ich würde damit attraktiver. De facto war es für meine Arbeitgeber aber völlig irrelevant.

 

Und für Sie persönlich?

Für mich war es super interessant. Ich habe mich immer für das Thema Tod und Sterben interessiert. Und das hohe Alter ist eine komplett eigene Lebensphase, über die es viel zu lernen gibt. Das hat meinen Horizont extrem erweitert.

Stand der Inhalt der Humanwissenschaften jemals im Konflikt zur Theologie?

(Lacht) Das hat mich schon mal jemand gefragt. Aber natürlich ist die Theologie auch wissenschaftlich. Sonst hätte das an der Uni nix verloren. Man sitzt da ja nicht im Kreis und lernt die Bibel auswendig. Man setzt sich auch in der Theologie mit anderen Wissenschaften auseinander. Wenn es um Thematiken wie Wunder geht, schaut man natürlich auch auf Human- oder Kulturwissenschaften. Es gibt natürlich auch Leute, die mit Scheuklappen durch das Studium gehen, aber ich weiß nicht, was die davon haben. Denn wie will ich Anschluss in meiner Umgebung finden, wenn ich das versaue. Dann kann ich nur auf ein Dorf gehen, wo die Leute glauben, was der Pfarrer sagt. Das war`s dann aber auch (lacht).

 

Ist das Sterben in der Kirche eines der wichtigsten Themen, weil die Menschen nach einem Sinn über das Leben hinaus suchen?

Es ist das Thema, das mir im Alltag am häufigsten begegnet. Zum Beispiel bei Trauerfeiern. Aber in der Zeit in Schwerte ist es nur einmal vorgekommen, dass ich auch ans Totenbett gerufen wurde. Ich habe früher mit einer halben Stelle im Altenheim gearbeitet. Da war das völlig normal. Da hab ich die Menschen die ganze Zeit begleitet. Das hat mit dem Beginn als Gemeindepfarrer aufgehört. Da ist der Bestatter der erste Ansprechpartner. Dieses Bewusstsein, einen Pfarrer anzurufen, ist eigentlich weg.

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Wie sieht der Alltag eines Pfarrers heute aus?

Immer wieder anders. Es gibt Fixtermine wie den Konfirmandendienst, den sonntäglichen Gottesdienst und jede Menge Sitzungen zu einzelnen Fachbereichen – Kinder- und Jugendarbeit zum Beispiel. Da sind die Abende eigentlich ausgefüllt. Das ist wirklich ein Löwenanteil. Wichtig sind natürlich auch Hausbesuche. Die versuche ich vor- und nachmittags einzustreuen. Eine Beerdigung kann da allerdings viele Pläne durcheinander werfen. Die bedarf einer gründlichen Vorbereitung.

 

Der persönliche Kontakt nimmt dabei immer weniger Raum ein. Ist Ihr Berufsbild im Wandel?

Die Katze beißt sich da in den Schwanz. Ich vergleiche das mal mit einer Firma...

Mein Vater war selbstständiger Handelsvertreter für Sportbekleidung. Er war der Vermittler zwischen Großfirmen und Einzelhändlern. Wenn die Zwischenhändler fehlen, bleiben die Firmen auf ihren Waren sitzen. Das macht keinen Sinn. Und so ist es auch bei der Kirche. Weniger Pfarrer bedeutet weniger persönlichen Kontakt zu den einzelnen Gemeindeleuten. Dadurch nimmt die Bindung ab. Dann sinken die Mitgliederzahlen und Pfarrstellen werden gestrichen. Das ist ein Teufelskreis. Und der hat bis heute nicht aufgehört. Daran krankt die Kirche.

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Deprimiert oder motiviert Sie das?

Das kommt ganz auf den Tag an (lacht). Manchmal suche ich nach neuen Ideen und bin gewillt, diese umzusetzen. Aber dann kommt eben eine Beerdigung. Gerade in der Zeit, in der in unserer Gemeinde viele Pfarrer gegangen sind, ging selten mehr als das, was oben auflag. Da ging es nur darum, den Laden am Laufen zu halten. Das hat sich mit Thomas Damm geändert. Der explodiert vor Ideen. Da merkt man auch selbst wieder, da geht was. Das motiviert.

 

War die lange Dürreperiode in Schwerte ein Grund für Ihren Weggang?

Nein. Wir haben hier wieder ein echtes Team. Alle Zeichen stehen auf: es wird neu, es wird besser, es macht Spaß. Das ist toll. Mein Weggang hat wirklich rein persönliche Gründe.

 

Wo gehen Sie jetzt hin?

Ich gehe nach Dortmund in die Rheinoldi-Gemeinde.

 

Was sind Ihre schönsten Erinnerungen an die Zeit in Schwerte?

Das sind die persönlichen Kontakte. Dafür ist man Pfarrer geworden. Aber auch an schöne Gottesdienste erinnere ich mich, zum Beispiel die kürzliche Verabschiedung von Alexander Specht in den Ruhestand.

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Haben Sie noch Ziele bis zu Ihrem Weggang im Januar?

Ich möchte meine Geschäfte gut übergeben. Die Menschen hängen da ja mit dran. Zum Beispiel meine Konfirmanden-Gruppe. Aber natürlich auch die Besuchsdienste. Da ist Herzblut im Spiel.

 

Wir haben schon über die schwindenden Mitgliederzahlen gesprochen. Sehen Sie eine Chance, dass es irgendwann wieder einen Zuwachs gibt?

Tja, also ganz persönlich glaube ich das nicht. Kirche wird eher kleiner werden. Es geht darum, sich selber neu zu definieren. Schwerte hat sich früh Gedanken um das planvolle Kleinerwerden gemacht. Das kostet oft auch viel Geld, zum Beispiel mit den Arbeiten in der Viktor-Kirche. Aber das ist auch notwendig, damit man auch im Kleinen seine Strahlkraft entfalten kann.

Wie wichtig ist das für Schwerte?

Die Viktor-Kirche ist ja eines der Wahrzeichen in Schwerte. Deswegen ist das eine gute Sache. Aber man kann dabei eben nicht so vor sich hinplanen. Wir müssen nach Kooperationspartnern Ausschau halten. Dadurch wird sich Kirche verändern. Man kann da nicht mehr in seinem Elfenbeinturm sitzen und sein Ding machen. Das geht nicht, aber das finde ich auch gut (lacht). Wir müssen einfach schauen, wo die Interessen der Menschen liegen. Das Miteinander hat in Schwerte ein große Tradition. Und ich denke, da passen wir gut rein.

 

Bleiben sie mit einem Auge auf Schwerte?

Na klar. Unter anderem ist ja die kirchengemeindliche Website unter meiner Mithilfe umgebaut worden. Da werde ich auch weiter draufschauen. Ich hab auch einige Freundschaften aufgebaut. Schwerte ist nicht weit.

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