Im Soldaten-Tornister in den Ersten Weltkrieg - in Seidenpapier nach Schwerte zurück

rnSoldatenbibel fürs Museum

Diese Bibel nahm verschlungene Wege: Sie kam aus Schwerte, blieb auf einem Schlachtfeld in Frankreich, wo sie ein englischer Soldat vor 100 Jahren fand und mitnahm. Jetzt ist sie zurück.

Schwerte

, 08.05.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nach mehr als 100 Jahren ist die kleine Soldatenbibel, in der Alex Rahlenbeck (1896-1983) auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs seelischen Beistand suchte, in der Ruhrstadt zurück. Eine Besuchergruppe aus der englischen Partnerstadt Hastings hatte am langen Wochenende die Aufgabe übernommen, das geschichtsträchtige Büchlein in ihrem Gepäck mitzubringen. Bei einem offiziellen Abendessen im Naturfreundehaus Ebberg wurde es am Samstagabend vom Vorsitzenden der englischen Städtepartnerschaftsgesellschaft, Ken Sharples, an den stellvertretenden Bürgermeister Jürgen Paul übergeben. Geplant ist, es später im Ruhrtalmuseum zugänglich zu machen, wenn dieses nach seinem Umbau wiedereröffnet wird.

Gerade mal so groß wie ein Kirchen-Gesangbuch

„Die Bibel ist nur so groß wie ein Gesangbuch“, berichtet Paul. Klar, musste sie doch in den Soldaten-Tornister passen. Behutsam packte der Bürgermeister-Stellvertreter das Bändchen aus dem Plastikkarton, wo die Überbringer es sorgsam in Seidenpapier eingewickelt und zusätzlich mit Luftpolsterfolie geschützt hatten. Erstaunlich: Auf 1038 Seiten Dünndruckpapier hat der Verlag Poeschel und Trepte aus Leipzig das komplette Alte und das Neue Testament nach der Luther-Übersetzung in winzig kleinen Buchstaben untergebracht. Der weich gewordene Einband zeigt, wie oft und innig darin gelesen worden sein muss.

Im Soldaten-Tornister in den Ersten Weltkrieg - in Seidenpapier nach Schwerte zurück

Eine Besuchergruppe aus der englischen Partnerschaft Hastings brachte die Bibel mit der Inschrift von Alex Rahlenbeck am Wochenende mit nach Schwerte. © Bernd Paulitschke

Behutsam blätterte auch der Vorsitzende des Schwerter Arbeitskreises, Wolfgang Stein, in der Heiligen Schrift, wo auf der inneren Seite des Umschlags mit Tinte der handschriftliche Eintrag „Alex Rahlenbeck, Schwerte (Ruhr), Westfalen“ zu finden ist. Dazu ein ziemlich verblichener Bleistift-Vermerk auf Englisch, der offensichtlich auf das Fund-Datum beim Vorrücken bei Cambrai hinweist.

100 Jahre nach Kriegsende in Norfolk aufgetaucht

„Es ist schon ein erhebendes Gefühl, wenn man bedenkt, welche Geschichte dahintersteckt“, sagt Stein. Die Bibel war bei Gedenktagen zum Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren in dem kleinen Museum der Ortschaft Watton in der englischen Grafschaft Norfolk aufgetaucht. Dessen Leiter Chris Hutchings hatte es von einer Mrs. Joyce Harvey mit dem Hinweis erhalten, ihr Großvater habe das Buch am 20. November 1917 während der Schlacht von Cambrai in Nordfrankreich gefunden. Dort hatten die Briten an jenem Tag mit mehr als 350 Tanks die erste große Panzeroffensive der Militärgeschichte gestartet.

Jetzt lesen

Zu diesem Zeitpunkt saß Alex Rahlenbeck allerdings längst in einem englischen Lager in Kriegsgefangenschaft. Er war bereits ein halbes Jahr zuvor, am 21. April 1917, von den Briten gefangen genommen worden, wie der Schwerter Historiker Dr. Andreas Acktun recherchierte. Spätestens im November 1919 kehrte der Soldat in die Ruhrstadt zurück, lebte später als Lehrer in Dortmund-Hörde und starb 1983 in Witten.

Möglicherweise bei der Gefangennahme verloren

Auf welchen Wegen also die Bibel nach Cambrai gekommen ist, verliert sich wohl für immer im Dunst der Geschichte. Dr. Acktun vermutet, dass sie vielleicht bei der Gefangennahme von Alex Rahlenbeck in die Hände eines Engländers gelangt sein könnte, der sie später bei der großen Panzerschlacht verloren hat. Jetzt soll sie für immer in Schwerte bleiben. Jürgen Paul wird mit Bürgermeister Dimitrios Axourgos abstimmen, wo sie bis zur Museums-Eröffnung für die Öffentlichkeit sichtbar „zwischengelagert“ wird - möglicherweise soll sie im Rathaus oder in der Viktorkirche ein Zeichen des Friedens sein. In einer E-Mail an den Städtepartnerschafts-Arbeitskreis brachte der Enkel des früheren Besitzers, der in der Schweiz lebende Klaus Kriesel, seine Freude zum Ausdruck, „dass die Bibel meines Großvaters nach so vielen Jahren immer noch Gutes stiftet, indem sie den Anlass bietet, Brücken zu bauen und Menschen zusammenzubringen“.

Lesen Sie jetzt