Diese Sänger singen gar nicht - trotzdem stehen die Westhofener vor ihnen Schlange

rnWochenmarkt Westhofen

Jeden Donnerstag wird an der Reichshofstraße in Schwerte-Westhofen ein Wochenmarkt aufgebaut. Es gibt Eier-, Blumen- und Textilienhändler. Auch Sänger sind dabei. Sie singen aber gar nicht.

Westhofen

, 09.09.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist der Stand mit der längsten Schlange. Sein unwiderstehlicher Duft lockt die Passanten selbst von der anderen Straßenseite herüber. Aber die anderen Händler sind alles Andere als neidisch auf die Sänger vom Männerchor Westhofen, die ihr Talent als Reibekuchenbäcker beweisen. „Ich bin mit denen ganz glücklich“, sagt Eierfrau Annegret Engel, die gleichzeitig als Marktmeisterin den Wochenmarkt an der Reichshofstraße organisiert.

Diese Sänger singen gar nicht - trotzdem stehen die Westhofener vor ihnen Schlange

Eierfrau Annegret Engel war schon bei der Eröffnung des Westhofener Wochenmarkts im Jahre 1998 dabei, den sie als Marktmeisterin organisiert. © Reinhard Schmitz

Die rotkarierte Schürze umgebunden, kommt Werner Lammert mit dem Backen kaum nach. Jeweils zwölf Teigkleckse beginnen, sich in seiner Pfanne nach und nach in knusprigbraune Pannekauken zu verwandeln. Die jetzt beendete Sommerpause der Männerchor-Köche hat den Heißhunger angefacht. Gleich 21 Kartoffelpuffer lässt sich Marlene Meerfeld auf die mitgebrachte Edelstahlplatte stapeln - ein Tetrapak Apfelmus gibt´s dazu. Der nächste Kunde, Arno Malonn, bestellt „nur“ zwölf.

Sänger verbacken jedesmal über 30 Kilogramm Kartoffelteig

Klar, dass es da zu einem kleinen Stau kommt. Aber den Duft in der Nase, warten alle geduldig. Auch wenn für Sarah Kisiel die Zeit drängt, da die Kinder bald aus der Schule kommen. Ob die auch Reibekuchen mögen? „Und wie“, sagt die Westhofenerin: „Am liebsten ohne was drauf.“

„Ich hoffe, Sie haben etwas Zeit“, sagt Gerhard Geisler, während er Schälchen auf Schälchen füllt. Die Plastikeimer voller Teig leeren sich. 30 bis 35 Kilogramm sind jedesmal verbraucht, wenn er und seine Kollegen um 13.30 Uhr wieder abbauen. Nicht alle Reibekuchen wurden dann verkauft. „Zwischendurch probieren wir mal, ob das noch so gut ist“, sagt Werner Lammert verschmitzt. Vom Erlös profitieren Westhofener Institutionen. 1200 Euro haben die Sänger schon gespendet für Kindergarten, Spielplatz, Jugendgruppe oder die Aktion gegen Kinderarmut. Ihren Teil dazu tragen auch die vereinseigenen Waffelbäcker am Nachbartisch bei. „Reibekuchen läuft aber besser“, rufen die neidlos herüber.

Diese Sänger singen gar nicht - trotzdem stehen die Westhofener vor ihnen Schlange

Blumenhändler David Krümmel bringt immer auch Pflanzen für Garten und Friedhof mit auf den Westhofener Wochenmarkt. Bald gibt es bei ihm auch schon wieder schöne Allerheiligen-Gestecke. © Reinhard Schmitz

„Das sind die zuverlässigsten Kollegen“, lobt Annegret Engel die seit drei Jahren auf dem Markt aktiven Sänger. Sie selbst ist die einzige Händlerin, die seit der Eröffnung im Jahre 1998 ununterbrochen dabei ist - damals noch auf dem Marktplatz an der Alten Freiheit. Ihr Werbespruch „Ob Norden, Süden, Osten, Westen - Engel-Eier sind die besten“, ist ein geflügeltes Wort im Ortsteil. Den Grundstein dafür hat schon ihre Mutter gelegt. In den 1950er-Jahren fuhr sie die Händler, die damals längst noch nicht alle über ein eigenes Auto verfügten, mit ihrem Pritschenwagen zum Markt und holte sie mittags dort wieder ab: „Dann hat sie sich gedacht: Warum soll ich zwischendurch nach Hause fahren?“ Also begann sie, Eier und Kartoffeln zu verkaufen.

Noch Plätze frei für Gemüsehändler, Bäcker und Metzger

Die Tochter spezialisierte sich auf Eier. Sie wäre froh, wenn noch ein Kollege nach Westhofen käme, der Obst und Gemüse anbietet. Der Vorgänger sei „verschwunden im ewigen Eis“, auch auf anderen Märkten nicht mehr aufgetaucht. Ein Nachfolger wird ebenso für den Metzger gesucht: „Der hat sich im vergangenen Jahr seinen Anhänger kaputtgefahren.“ Auch einen Bäcker hätte Annegret Engel gern mit an Bord. Das Problem sei: Wenn interessierte Kollegen sich den Westhofener Markt anschauen, würden sie von der geringen Zahl der Stände abgeschreckt. „Aber es kommen immer noch genügend Leute hierhin“, sagt Annegret Engel: „Ich hab´ keine Langeweile.“

Diese Sänger singen gar nicht - trotzdem stehen die Westhofener vor ihnen Schlange

„Meine Mode macht jung", sagt der Textilhändler Gul Masut, den die Westhofener der Einfachheit halber „Helmut" nennen. © Reinhard Schmitz

Auch Blumenhändler David Krümmel, seit 15 Jahren in Westhofen, ist „bis jetzt“ zufrieden. Er kennt seine Kunden und ihr Wünsche, bringt immer auch Pflanzen für den Garten oder das Grab mit - und bald wieder schöne Allerheiligen-Gestecke. Der - die Sänger mitgezählt - Vierte im Bunde sorgt dafür, dass sich die Westhofener trotz fehlender Ladengeschäfte modisch kleiden können. „Meine Mode macht jung“, sagt Gut Masut, den alle der Einfachheit halber nur „Helmut“ nennen. Überwiegend für Damen breitet er Mode aus Italien und anderen EU-Ländern aus. Sein Talent für einen netten Spruch wäre in seinem früheren Beruf als Metallarbeit total verschwendet gewesen.

Westhofener Wochenmarkt Der Wochenmarkt in Westhofen findet jeden Donnerstag von 8 bis 13 Uhr statt. Die Stände werden auf einem dafür hergerichteten Streifen neben der Reichshofstraße aufgebaut. Die Sänger vom Männerchor Westhofen 1834 verkaufen ihre Reibekuchen dort vom Herbst bis zum Frühling. Waffeln backen sie das ganze Jahr über.
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