Hier rattern die Dampfzüge aus der Zeche Nordstern. Hier warten die Schalke-Fans auf ihren Sonderzug. Im Eisenbahn-Keller von Wolfgang Güttler endet der Steinkohle-Bergbau nie.

Holzen

, 20.09.2018, 06:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Schwer beladen rattert die Schlange von 17 Kohlenwaggons vorbei an den Schalke-Fans, die am Bahnsteig von Gelsenkirchen-Buer-Süd die königsblaue Fahne schwenken. Mögen die in Berlin entscheiden, was sie wollen. Die Förderung des schwarzen Goldes wird niemals aufhören auf der Modelleisenbahn von Wolfgang Güttler. Immer wieder Nachschub liefert die rußgeschwärzte Verladehalle der Zeche Nordstern, Schacht 2, die eine Hälfte der Anlage dominiert. Stilecht rußgeschwärzt, so wie sich die Ruhrgebietsstädte eben Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre präsentierten. Einziger Unterschied zum Original: Alles ist auf das Format 1:160 geschrumpft, das die Modellbahner „Spur N“ nennen – nach den neun Millimeter breiten Schienen.

Es gab kaum Bausätze zum Thema Bergbau

Einfach zu kaufen gab es solche kleinen Zechenbauten nicht. „Die Kohleverladung habe ich selbst aus Sperrholz gebaut“, erzählt Güttler. Kesselhaus, Schlote und die anderen Gebäude entstanden aus umfunktionierten Bausätzen für Fabrikanlagen. Oder auch aus Plastikteilen, die eigentlich zu einem Bahnhofsanbau zusammengeklebt werden sollten. Ohne bestimmtes Vorbild, aber insgesamt stimmig: „So sahen alle Zechen im Ruhrgebiet damals aus.“

Da stört es nicht, dass die Schachtanlage Nordstern eigentlich neben dem Bahnhof Gelsenkirchen-Horst und nicht in Buer-Süd lag. Güttler weiß das ja auch. Er war oft genug zu Besuch in der Schalke-Stadt, wo ein Onkel auf Nordstern einfuhr. Da konnte er die Atmosphäre aufsaugen, die seine Anlage mit ihren vielen kleinen Details so ausdrucksstark macht. Die Bergmannskapelle, die zur Einweihung eines Denkmals vor einer historischen Fördermaschine ihr „Glückauf, Glückauf“ spielt. Das Transistorradio, das beim Reifenwechsel hilft, die Fußballreportage mit Werner Hansch nicht zu verpassen. Vielleicht läuft ja gerade das Derby gegen den BVB.

Eisenbahnfreund hegt eine große Liebe zum Detail

Überall gibt es etwas zu entdecken. Das Gerüst, das an dem Signal „Bw“ für den Anstreicher aufgestellt worden ist. Die Werbung für Schlegel-Pils. Oder der Slogan „Mit Energie in die Zukunft“, den die Ruhrkohle einst auf Mauern und Litfaßsäulen kleben ließ. Alles in allem erzählen die Szenen eine Geschichte. „Die Einwohner der Stadt fahren mit der Straßenbahn zur Schicht in die Zeche“, berichtet Güttler: „Da ist der Mann dann Lokführer auf der Dampf-Rangierlok.“ Damit ist das Alltagsleben des Modellbahn-Figürchens aber noch lange nicht erschöpft: „Am Samstag fährt er zum Fußball.“ Natürlich in die Emschertal-Kampfbahn, deren Flutlichtmasten irgendwo hinter dem Bahnhof grüßen lassen. Nach dem Spiel locken die Trinkhalle und das Glückauf-Stübchen in dem Gründerzeit-Straßenzug, wo das Capitol-Kino nebenan gerade „Winnetou I“ und den Soft-Porno-Streifen „Lass jucken, Kumpel“ zeigt.

FOTOSTRECKE
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Zeche im Miniaturformat

20.09.2018
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Als Rangierer fährt der Bergmann vor dem Zechentor auf dem Tritt vorn an der Dampflokomotive mit.© Reinhard Schmitz
Die Bergmannskapelle spielt das Steigerlied, als die alte Dampffördermaschine der Zeche im Park als Denkmal aufgestellt wird.© Reinhard Schmitz
Die gelbe Straßenbahn fährt an dem Glückauf-Stübchen und dem Kino vorbei, das Winnetou I und den Soft-Sex-Streifen "Lass jucken, Kumpel" zeigt.© Reinhard Schmitz
Auch der typische Ruhrgebiets-Kiosk darf nicht fehlen.© Reinhard Schmitz
Reger Rangierbetrieb mit Dampflokomotiven herrscht im Verschiebebahnhof vor der Kohleverladung der Zeche Nordstern, Schacht 2. Die rußgeschwärzten Gebäude sind typisch für das Ruhrgebiet, aber aus der Fantasie von Wolfgang Güttler zusammengestellt.© Reinhard Schmitz
Auf dem Bahnsteig von Gelsenkirchen-Buer Süd warten die Schalke-Fans auf ihren Sonderzug nach Hause. Im Hintergrund grüßen die Flutlichtmasten der Emscher-Kampfbahn.© Reinhard Schmitz
Der Ruhrkohle-LKW hat einen Platten. Bei der Reparatur haben die Arbeiter natürlich ihr grünes Transistorradio aufgestellt, um die Fußball-Bundesliga- Reportage mit Werner Hansch nicht zu verpassen.© Reinhard Schmitz
Eine Schmalspurbahn übernimmt den Verschub im Zechengelände, wo die Gebäude rußgeschwärzt sind.© Reinhard Schmitz
Die Ruhrkohle-Plakate werben für die Kohle als sichere heimische Energiequelle.© Reinhard Schmitz
Kleine Szenen beleben überall das Bild: Das Stellwerk "Bw" ist für den Anstreicher eingerüstet.© Reinhard Schmitz
Ein Anderthalb-Decker übernimmt den Linienbusverkehr vor dem Neubaublock der Wirtschaftswunderjahre.© Reinhard Schmitz
Der Ruhrkohle-LKW hat einen Platten. Bei der Reparatur haben die Arbeiter natürlich ihr grünes Transistorradio aufgestellt, um die Fußball-Bundesliga- Reportage mit Werner Hansch nicht zu verpassen.© Reinhard Schmitz
Zwei Onkel von Wolfgang Güttler waren Bergleute, auch Schwiegervater und zwei Schwäger in Polen arbeiteten im Pütt: Eine Kohlenzeche im Ruhrgebiet der 1970er-Jahre hat der Modellbauer deshalb in liebevoller Detailarbeit im Maßstab 1:160 gestaltet.© Reinhard Schmitz

„Das sind alles so Sachen, die das Ruhrgebiet ausmachen“, erklärt der Modellbauer. Ruckzuck hat er daraus aber auch mal die Szenerie für das oberschlesische Bergbau-Revier gemacht. Der Bahnhof hieß plötzlich „Pszow“, die Kneipe „Piwny Bar“ und der Kiosk erhielt die typische „Ruch“-Beschriftung. Woher er das alles so gut kannte? „Mein Schwiegervater und zwei Schwäger haben in Polen auf Zechen gearbeitet“, verrät Güttler: auf der Zeche Marcel in Radlin: „Die fördert immer noch.“

Anleihen an polnische Bergbau-Motive

In dieser Modell-Umgebung konnte der Schwerter endlich die polnischen Lokomotiven und Waggons fahren lassen, die er noch vor der politischen Wende im Osten nach Fotos selbst gebaut hatte. „Dann habe ich den Film ‚Kohle aus Schlesien‘ gedreht und mit Dampflokgeräuschen nachvertont“, berichtet Güttler. Gleiches schwebt ihm jetzt nach dem „Rückbau“ auch noch für das Ruhrgebiet vor. Das Drehbuch haben die gestalteten Szenen ja schon geschrieben.

Vielleicht fehlen noch ein paar Brieftauben, aber die sind friemelig“, sagt der pensionierte Polizist, der seine jahrzehntelange modellbahnerische Erfahrung in das Projekt gesteckt hat. Mit nur 50 Zentimetern Breite passt es bei 3,40 Meter Länge exakt auf die Anrichte in seinem Hobbykeller – und vermittelt trotzdem erstaunliche Tiefe. Dafür sorgt eine gedruckte Hintergrundkulisse, die mit Gasbehältern, Hochöfen und Fördertürmen geschickt eingepasst ist. Sie verdeckt die lange Strecke, auf der die Züge zur Zeche zurückstampfen. Schließlich soll keiner merken, dass sie ja eigentlich immer nur im Kreis herum fahren. Deshalb verschwindet die Wagenschlange in einem Tunnel und kommt erst hinter der Zeche wieder zum Vorschein. Und damit beginnt der Kohletransport von Neuem. Er wird niemals enden.

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