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Ein Mann spricht Kinder an? Über Whatsapp teilen? Denken Sie doch erst einmal nach!

rnKlare Kante

Ein Mann hat ein Kind angesprochen? Neben einer Schule? Bloß schnell teilen, diese Warnung? Bei Facebook, bei Whatsapp, überall? Machen Sie auch? Jetzt mal ehrlich: Warten Sie ab!

Schwerte

, 23.05.2019 / Lesedauer: 3 min

Irgendwann wird es passieren: Ich werde eine meiner Töchter von der Schule abholen und 100 Meter vom Eingang entfernt ein fremdes Kind ansprechen. Vielleicht, weil ein Schnürsenkel offen ist oder ein Zettel droht aus dem Tornister zu fallen. Vielleicht, weil ich es verwechsele und deshalb versehentlich grüße.

Wenn ich Pech habe, rennt das Kind in Panik weg. Was ja erst einmal nichts Schlimmes ist. Ich bin ein fremder Mann. Und der fremde Mann kann immer böse sein. So lernen es die Kinder. Meine übrigens auch.

Wenn ich Glück habe, rennt das Kind nach Hause und trifft dort auf eine Mama, die ganz ruhig nachfragt, was denn geschehen sei. Oder auf einen Papa, der das tut.

Ab zu Whatsapp, ab auf Facebook - und ab geht die digitale Hexenjagd

Wenn ich aber großes Pech habe, haben die Eltern gleich Bilder im Kopf. Und setzen noch vor dem Gang zur Polizei die erste Warnung über Whatsapp oder Facebook ab:

Achtung! An der Schule steht ein Mann: 40 bis 45 Jahre, 1,70 Meter, braune halblange Haare, hier und da schon etwas grau. Passt auf Eure Kinder auf!

Stellen wir uns vor, die Eltern brauchen mit dem Kind 15, vielleicht 30 Minuten, bis sie tatsächlich in der Polizeiwache stehen - bis dahin dürfte der Erste bei Facebook schon kommentiert haben: „WENN ICH DIESES SCHWEIN ERWISCHE!!!!“

In den Whatsapp-Elterngruppen der Parallelklassen wird die Warnung da längst angekommen sein. Und die Mamas und Papas haben Bilder im Kopf vom bösen Mann da draußen, vom pädophilen Schwein, von der Bedrohung ihrer Kinder.

Wie die digitale Hexenjagd weitergeht, das überlasse ich Ihrer Fantasie...

Aber wer trägt denn nun die Schuld?

Entscheidender ist doch die Frage: Wer ist Schuld? Ist überhaupt irgendwer Schuld? Oder doch irgendwie alle Beteiligten ein bisschen?

Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn mein Kind nach Hause käme: „Da hat mich jemand angesprochen und ich bin weggerannt.“ Wäre ich ruhig und besonnen? Ich hoffe es. Aber ich weiß es nicht.

War die Situation harmlos? War mein Kind in Gefahr? Traue ich mich zu warten, bis die Polizei das irgendwann abgewägt hat? Was, wenn der Mann den nächsten Jungen, das nächste Mädchen anspricht, ins Auto zerrt, dann wegfährt? Und wenn ich nicht vorher gewarnt habe?

Wenn man also genau darüber nachdenkt: Die betroffenen Eltern sind die Letzten, von denen man in dieser Situation erwarten kann, alles erst einmal abzuwägen, durchzuatmen und sachlich zu bleiben.

Denken, teilen, jagen, abwägen

Aber Sie? Sie waren nicht direkt betroffen. Sie haben die Warnung vielleicht über Whatsapp erhalten, auf Facebook gelesen, per SMS bekommen. Denken Sie erst nach? Oder teilen Sie das direkt?

Nicht nur die anderen sind der Stau. Wenn Sie drinstehen, dann Sie auch.

Nicht nur die anderen sind der jagende Mob. Wenn Sie teilen, dann Sie auch.

Das soll nicht heißen, dass Sie keine Warnung mehr teilen sollen. Und erst recht nicht, dass Sie nicht aufmerksam und wachsam sein sollen. Ganz im Gegenteil: Schauen Sie! Aber seien Sie auch kritisch! Wägen Sie bitte erst ab, bevor Sie handeln! Und wenn Sie Warnungen teilen, übernehmen Sie auch die Verantwortung dafür!

Opa war‘s. Papa war‘s. Nicht der böse Fremde

Und: Lesen Sie die Statistik, inklusive der Dunkelziffer. Wer sich an Kindern vergeht, ist allermeistens der Papa, der Opa, der Onkel, der Bekannte der Familie. Und nur im Ausnahmefall tatsächlich der böse Mann vor der Schule.

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