Swen Scholz ist Tatort-Fan seit seiner Kindheit. Spontan opferte er seinen freien Tag, als Statisten für die Dreharbeiten im Dortmunder Klinikum gesucht wurden. Manche machen das als Beruf.

Schwerte

, 12.03.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Um 21.45 Uhr ist der Mörder gefasst. Bei jedem Sonntagabend-Tatort im Ersten ist nach 90 Minuten die Spannung vorbei. Seit über einem Jahr jedoch hält die nächste Dortmund-Folge der Krimiserie Swen Scholz auf der Folter. Das Rätsel: Werden Millionen Fernsehzuschauer wohl seine Stimme hören, wenn Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) auf der Trage in die Notaufnahme des Klinikums gebracht wird? Kommt aus dem Lautsprecher der Satz, der in keinem Drehbuch stand? Den sich der Schwerter, der eigentlich nur als namenloser „Pfleger in Blau“ durch den langen Klinikflur laufen sollte, blitzschnell ausdenken musste: „Und, war er die ganze Zeit kreislaufstabil?“

Er konnte sich selbst spielen

Es waren die Worte, die dem Statisten spontan einfallen mussten, als der Kameramann ihn überraschend aufforderte, doch mal was zu sagen. Zum Glück ist er vom Fach. Als Krankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin konnte er bei seinem Kurzauftritt eigentlich sich selbst spielen.

Einmal im Leben Kommissar Faber die Blutdruck-Manschette umlegen

Der Schwerter traf Tatort-Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) bei seinen Ermittlungen im Klinikum Dortmund, das im Film Ruhr-Emscher-Klinik heißt. © WDR/Thomas Kost

Das ist eher die Ausnahme. Beim Schminken im Komparsenraum traf Swen Scholz auf Vertreter aller möglichen Berufe. „Da waren etwa 25 Leute aus ganz Deutschland, die machen das das ganze Jahr“, berichtet er. Von Ärzten bis zu Studenten. Auch ein Rentnerpaar wartete geduldig darauf, vor die Kamera gerufen zu werden.

„Das ist ein richtiger Berufszweig“, bestätigt Barbara Feiereis, die in der Pressestelle des Westdeutschen Rundfunks (WDR) die Tatort-Formate betreut: „Komparsenagenturen führen Dateien mit Menschen, die gerne als Komparsen tätig sein wollen.“ Für eine Aufwandsentschädigung, die sich in der Regel zwischen 50 und 100 Euro pro Tag pro Tag bewege. In Dortmund gab es auch noch etwas auf die Gabel. Ein Caterer lieferte Auflauf und Pasta in Warmhaltebehältern.

Ein unwiderstehliches Angebot

Das alles hätte Swen Scholz gar nicht unbedingt gebraucht. Für den bekennenden Tatort-Fan, der schon an Vaters Seite alle Schimanski-Krimis der Reihe nach verschlang, war es ein absoluter Glücksmoment, als er in seinem E-Mail-Postfach die Nachricht seines Arbeitsgebers öffnete. Die Unternehmenskommunikation des Dortmunder Klinikums informierte über die Drehanfrage für einen Tatort im stillgelegten alten OP-Trakt und die Suche nach Komparsen. Ein unwiderstehliches Angebot. „Wenn die schon zu dir kommen - das kommt nie wieder“, dachte sich der 45-Jährige und hämmerte auf der Stelle seine Kurzbewerbung in die Tastatur. Der grobe Lebenslauf war nicht so wichtig, mehr die Daten wie Körpergröße 1,86 Meter und Schuhgröße 45 - für den Kostümfundus.

„Dort werden die Komparsen der Rolle entsprechend eingekleidet“, berichtet Barbara Feiereis. Manchmal brauche man nur einen, manchmal 100. Drehbuchentsprechend würden sie von den Agenturen ausgesucht: „Beispielsweise ein älterer Herr, 75, großgewachsen oder eine junge Frau, 25, pummelig.“ Manchmal braucht man Passanten für den Hintergrund, ein anderes Mal Ärzte. Oder Leichen, die in der Gerichtsmedizin unter den Decken liegen: „Das sind in der Regel auch Komparsen.“ Normalweise haben sie sich nach Aufrufen in den Medien an einem Bewerbungstag vorgestellt, um Daten und Fotos zu hinterlassen.

Rolle als „Pfleger in Blau“

Bei Scholz reichte die E-Mail. Er bekam die Rolle als „Pfleger in Blau“. Für den 11. April 2018 sollte er sich den ganzen Tag freihalten. Ein kurzer Blick auf den Dienstplan signalisierte: Das passte. Wie gewünscht im weißen T-Shirt, erschien er pünktlich um 11.15 Uhr am Treffpunkt im Foyer des Klinikums.

Im Komparsenraum, ganz in der Nähe des Drehorts, wurden er und die anderen Statisten mit Schminke auf ihren Einsatz vorbereitet. Es war zu spüren, dass sich ein Krimi anbahnte. Manche erhielten einen Kopfverband. Der Schwerter hatte gerade seine weißen Birkenstock-Schuhe angezogen, als eine Assistentin, die sich als Debbie vorstellte, ihn zur Seite nahm: „Du spielst sofort die erste Szene mit dem Hauptdarsteller Jörg Hartmann.“ Der wartete schon im Vorbereitungsraum des Operationssaals, um dem Schwerter seinen Arm zum Blutdruckmessen hinzustrecken. Immer wieder musste er die Untersuchungsmanschette abreißen, von der Kamera aus wer-weiß-wievielen Blickwinkeln verfolgt. Beim Herausgehen kam ihm dann noch Anna Schudt - im Film die Kommissarin Martina Bönisch - entgegen.

Bei vier Szenen dabei

Es sollte nicht der einzige Auftritt von Swen Scholz bleiben. Mit frisch gepudertem Gesicht („Du glänzt ein bisschen“) trat er später noch in der Notaufnahme ins Rampenlicht, telefonierte hinter einer Glaskanzel am Schreibtisch und lief mit einer Nierenschale durch die Szenerie. „Es war hochspannend“, erzählt er. Mucksmäuschenstill sei es gewesen, voll konzentriert: „Jeder wusste, was er zu tun hatte.“ Auch wenn der Regisseur die Kulissen mal wieder kurzfristig umstellen ließ.

Swen Scholz hat viel zu erzählen von dem einen Tag. „Es war auf jeden Fall ein tolles Erlebnis“, sagt er immer noch voller Begeisterung. Einfach einmalig, und so soll der Ausflug in die Schauspielerei auch bleiben. Am Sonntag, 14. April, tauscht der Schwerter wieder die Rollen. Mit seiner Ehefrau, der Künstlerin Mickey Bremshey, sieht er dann zum ersten Mal den Dortmund-Tatort „Inferno“ komplett im ersten Programm. Und erfährt endlich, ob sein Satz in der Notaufnahme zu hören ist. Die Aufklärung, ob der Tod einer Ärztin in der Notaufnahme nur ein bizarrer Unfall oder Mord war, ist dagegen diesmal eher zweitrangig.

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