Luftfilter

Eltern sind besorgt: „Irgendwann wird es unsere Kinder erwischen“

Das Schuljahr ist gestartet. Mit Schülern in Quarantäne, Diskussionen um Luftfilter und Angst vor einer Ansteckung der Kinder. Ein Vater aus Schwerte sagt: „Wie soll ich das meinem Kind noch erklären?“

Ein neues Schuljahr im Präsenzunterricht hat vor knapp zwei Wochen begonnen. Für diejenigen Kinder, die sich seitdem in Quarantäne befinden, muss der Begriff „Präsenzunterricht“ wie Hohn klingen. Sie sitzen zu Hause.

Ihre Eltern blicken besorgt in die Zukunft. Auch Sascha Kudella. Der 45-Jährige ist Schulpflegschaftsvorsitzender am Friedrich-Bährens-Gymnasium (FBG) in Schwerte. Seine Tochter Annika besucht die 5. Klasse. „Wir Eltern sehen, dass die Zahlen hochgehen. Das Damoklesschwert Quarantäne hängt über uns“, sagt er.

Das Hygienekonzept der Schule sei gut durchdacht, die Lehrer seien sehr umsichtig. Trotzdem bleiben Zweifel. „Viele sagen: Irgendwann wird es unsere Kinder erwischen.“

„In dieser Zeit hat mein Kind kein Bildungsangebot“

Während Kudellas ältere Tochter bereits geimpft ist, besucht Annika die Schule Tag für Tag ohne Impfschutz. „Wenn sie jetzt zwei Wochen in Quarantäne müsste – das wäre gnadenlos. Wie soll ich ihr das noch erklären?“

Auch andere Eltern fänden es ungerecht, dass man sich als Reiserückkehrer nach fünf Tagen freitesten kann, als Schülerin oder Schüler jedoch bisher nicht. „In dieser Zeit hat mein Kind kein Bildungsangebot. Und wir sprechen ja nicht von einmalig 14 Tagen. Es gibt Kinder, die wird das öfter erwischen.“

Alle scheinen überrascht zu sein, dass jetzt der Herbst kommt

Kudella bemängelt die unterschiedlichen Regelungen der Bundesländer. „Wir brauchen klare Regeln für alle.“ Der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Stefan Behlau sagt dazu: „Es ist ein Hohn, dass die Gesundheitsminister der Länder sich erst in diesen Tagen zusammensetzen, um einheitliche Vorschläge für die Quarantäne-Regelungen zu unterbreiten. Bei allem Verständnis für die immer wieder zitierte dynamische Lage, die jeweiligen Schuljahresanfänge waren lange im Voraus bekannt.“

Das findet auch der Schwerter Vater. „Nach den Sommerferien scheinen in der Regierung alle überrascht zu sein, dass jetzt der Herbst kommt. Und danach womöglich direkt der Winter.“

Luftfilter? Es wird bei offenen Fenstern bleiben

Apropos Winter: Inzwischen bereiten die Schulen ihre Schüler auch wieder darauf vor, im Herbst und Winter dicke Jacken und Decken mitzubringen. Denn Luftfilter, wie sie viele Eltern fordern, wird es zumindest an Schwerter Schulen nicht flächendeckend geben.

Schuldezernent Tim Frommeyer hatte bereits Anfang August erklärt, dass das Umweltbundesamt den Einsatz mobiler Luftfiltergeräte nur in Räumen der Kategorie 2 vorsehe. Das sind Räume, deren Fenster sich nicht oder nicht weit genug öffnen lassen.

Auf Anfrage, wie schnell sich Luftfilter überhaupt in Kategorie-2-Räumen installieren ließen, erklärte die Stadt Schwerte jetzt, der Einbau sei „mit vielen Anforderungen nach dem Bauordnungsrecht und dem Brandschutz“ verknüpft. „Mal eben einbauen, funktioniert nicht.“ Es gebe erhebliche Lieferengpässe mit entsprechenden Bestell- und Wartezeiten.

Und die Fördermittel stehen noch nicht zur Verfügung: Die Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern sei noch nicht abgeschlossen: Pressesprecher Ingo Rous: „Nichtsdestotrotz ist die Stadt Schwerte hier in Vorleistung gegangen, hat die Räume der Kategorie 2 entsprechend ausgestattet und unterstützt selbstverständlich auch sämtliche Test- und zukünftig auch Impfstrategien an den Schulen.“ Trotzdem werden nach wie vor Unterrichts- oder Fachräume regelmäßig „quer- bzw. stoßgelüftet“.

Förderprogramm ist „Augenwischerei“

Solche Aussichten bringen Professor Franz-Josef Kahlen in Rage. Er ist Sprecher der Elterninitiative Mobile Raumluftfilter NRW, die rund 260.000 Eltern vertritt. Das Programm der Bundesregierung, in dem 90 Millionen Euro für Luftfilter an NRW-Schulen und Kitas zur Verfügung gestellt werden sollen, bezeichnet er als „Augenwischerei“.

Kahlen rechnet es vor: „Das Programm richtet sich vor allem an Kinder unter 12 Jahren, denen aktuell kein Impfangebot gemacht werden kann.“ NRW-weit seien dies ca. 1,4 Millionen Schülerinnen und Schüler und über 500.000 Kinder in Kitas. Also knapp 2 Millionen Kinder. „Bei 90 Millionen Euro Fördergeldern sind das nicht mal 50 Euro pro Kind. Dafür kann man vielleicht einen Tischventilator kaufen“, sagt Kahlen.

Die Elterninitiative wirft der Landesregierung vor, auf Zeit zu spielen. „Die Förderprogramme sind sehr verklausuliert. Wer jetzt nicht ordert, bekommt die Geräte erst zum nächsten Schuljahr. Und hinterher heißt es wieder: Wir haben einen großen Pott Geld hingestellt, der aber nicht abgerufen wurde.“

Elterninitiativen haben mancherorts Erfolg

Dabei gebe es Städte, die bereits Filteranlagen bestellt hätten – oft auf Druck von Elterninitiativen. Gütersloh, Leverkusen, Rheine zählt Karl-Heinz Kahlen auf. „Passau bestellt 6000 Geräte, Köln 10.000“, sagt er.

Auch in Schwertes Nachbarstadt Iserlohn hat Britta Schmidt mit der Initiative „Luftfilter am Märkischen Gymnasium Iserlohn“ eine Petition auf den Weg gebracht und die Stadt aufgefordert, die Schule komplett mit den begehrten Geräten auszustatten. „Als sinnvolle Ergänzung können Luftfilter die unerreichbaren Winkel des Raumes lüften“, sagt die zweifache Mutter.

In Schwerte sieht FBG-Schulleiter Heiko Klanke das Problem der fehlenden Luftfilter eher gelassen. „Man kann alle Fenster voll öffnen. Das ist der Vorteil eines Altbaus: Hier sind die Fenster größer und höher.“ Ein Luftaustausch sei immer besser als eine Filterung. „Zielführend sind eher CO2-Ampeln. Damit verhindert man auch, dass das Fenster zu lange offen ist.“

Wenn Klanke das Fenster kurz öffne, sei die Luftqualität nach wenigen Minuten wieder super. „Das weiß ich, weil ich so eine Ampel in meinem Büro habe.“ Insgesamt ist das FBG mit knapp 30 CO2-Ampeln ausgestattet.

Gesamtschule Gänsewinkel: Filter in den NW-Räumen

Die Gesamtschule Gänsewinkel hat in vier innenliegenden NW-Räumen und in einem Computerraum große Filter-Anlagen erhalten. Schulleiterin Eva Graß-Marx erklärt: „Zudem wurde ein weiterer im Ganztag genutzter Raum mit einem mobilen Filter ausgestattet.“

In jedem Fall sollte nach 20 Minuten gelüftet werden. „Die Schulen haben konkrete Lüftungshinweise zum Stoß- und Querlüften in einem frühen Stadium der Pandemie erhalten“, sagt Graß-Marx.

Sascha Kudella ist in Sachen Luftfilter ratlos. „Ökologisch ist es absoluter Wahnsinn, zu heizen und dann die Fenster aufzureißen.“ Aber auch mit Luftfiltern müsse weiter gelüftet werden. „CO2-Ampeln können helfen, den Lüftungsvorgang sinnvoll zu steuern.“ Er ist sauer, weil Eltern und Lehrer an Lösungen arbeiteten, für die das Schulministerium zuständig sei. „Aber von da kommt nix.“

Offener Brief an Ina Scharrenbach

Den Hinweis aus den Ministerien, dass man trotz Filtern weiter lüften müsse, kann Britta Schmidt aus Iserlohn mittlerweile nicht mehr hören. In einem offen Brief an Ministerin Ina Scharrenbach schreibt sie: „Wir wissen seit langem, dass mobile Raumfilter nur eine Ergänzung zum natürlichen Lüften darstellen, aber kein Ersatz sind. Das weiß der Landtag in Nordrhein-Westfalen ja auch, der sich großzügig mit mobilen Raumluftfiltern ausgestattet hat.“

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Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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Martina Niehaus