Endlich wieder Luft zum Leben

Nach Lungentransplantation

Sie hat sich ein neues Fahrrad gekauft – ein Mountainbike. Sie spielt Tennis, geht spazieren, arbeitet Vollzeit im Dortmunder Max-Planck-Institut. Was für viele Menschen so alltäglich ist wie das Luftholen, ist im Fall von Daniela Strohn etwas Besonderes. Sie lebt. Mit der Lunge einer anderen Frau.

VILLIGST

, 13.02.2015, 15:52 Uhr / Lesedauer: 2 min
Endlich wieder Luft zum Leben

Die junge Frau hat Freunde und Bekannte mit ihrer Lebensfreude angesteckt.

Eine Lungentransplantation rettete im Januar 2005 in der Uni-Klinik in Essen der 31-Jährigen das Leben. Beinahe im letzten Augenblick. Sieben Monate hatte die junge Frau zuvor auf der Intensivstation verbracht, auf ein Spenderorgan gewartet. Monatelang konnte Daniela Strohn das Bett nicht mehr verlassen, lebte mit Maschinen und wurde immer schwächer. Denn seit ihrer Geburt leidet die Villigsterin an Mukoviszidose, einer unheilbaren Stoffwechselerkrankung, die vor allem Drüsen und Atemorgane in Mitleidenschaft zieht.

Im Laufe der Jahre verschlechterte sich der Zustand der jungen Frau zusehends. Trotz täglichen, mehrmaligen und stundenlangen Inhalierens, trotz Antibiotika-Therapien in immer kürzerem Abstand.

Zusammenbruch

Ohne Sauerstoffgerät konnte Daniela Strohn nicht einmal mehr kurz zum Einkaufen gehen. Irgendwann im Sommer 2004 kam schließlich der Zusammenbruch. Sie konnte keine Treppe mehr steigen, spuckte Blut. Sie musste ins Krankenhaus, das sie neun Monate nicht mehr verlassen sollte.

Zwei Jahre danach: „Es geht mir gut“, sagt die 31-Jährige. Trotz einer Menge starker Medikamente, die das Abstoßen der neuen Lunge verhindern aber auch eine Menge Nebenwirkungen haben. Trotz des durch die Mukoviszidose bedingten Diabetes, trotz der regelmäßigen Kontrollen und Krankenhausbesuche. „Doch die Lunge ist kein Thema mehr“, freut sich die Villigsterin. Ihre Genesung verlief in der Tat außergewöhnlich. Außergewöhnlich gut. „Den Mundschutz habe ich schon nach einem halben Jahr abgelegt“, lacht sie. „Länger habe ich es nicht ausgehalten.“

Viele warten umsonst

Daniela Strohn sagt, sie habe Glück gehabt. Ihr Freund hat sie in den schlimmsten Zeiten unterstützt. Sie hat ihren Job behalten können. Eine Freundin von ihr – ebenfalls Mukoviszidose-krank – habe deren Krankenkasse nach drei Monaten in Rente geschickt. Wenn sie an die Menschen denkt, die in den Essener Kliniken nicht mehr rechtzeitig operiert werden konnten, wird sie stiller. Monatelang hat sie selbst mit ihrer Familie warten müssen. Zwischen Hoffen und Bangen. Zwei Mal gab es „Fehlalarm“, dann die Erlösung.

Immer noch spenden nur wenige Menschen nach dem Tod ihre Organe. Zu wenig, um alle Patienten zu retten. „Wenn man mit den Leuten redet, sagen sie: ‚Ja, ich würde es machen. Aber einen Ausweis haben Sie nicht‘“, erzählt die junge Frau. Die Hemmschwelle ist hoch, das Thema nach wie vor ein Tabu. Mutter Barbara Strohn hat dafür sogar Verständnis: „Wenn man sich vorstellt, dass ein Arzt Eltern den Tod ihres Kindes verkünden muss, soll er sie dann auf eine Organspende ansprechen?“

Und dennoch: Ohne die Organspende der 42-jährigen Unbekannten würde Daniela Strohn heute nicht mehr leben. Nicht Fahrradfahren, nicht Tennis spielen. Ob sich die Verstorbene selbst dazu entschieden hat oder ihre Angehörigen weiß niemand. Sie bleibt anonym.

Aufmerksam verfolgt die Villigster Familie alle Berichte über gelungene Transplantationen und die Fortschritte der Medizin. Denn wie lange Daniela Strohn mit der neuen Lunge leben kann, ist ungewiss. „Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei fünf Jahren“, sagt sie. Manche Patienten leben allerdings auch zehn Jahre mit der neuen Lunge, andere erhielten sogar ein zweites Mal eine Spenderlunge. Wenn sich eine geeignete findet – reine Glücksache.

Leben im Hier und Jetzt

Daniela Strohn macht keine Zukunftspläne, lebt im hier und jetzt. Bei ihrer Geburt hatten die Ärzte ihr nur 18, 19 Jahre gegeben. Bis dahin aber war sie noch vollkommen fit. Ihren 30. Geburtstag, den ersten nach der gelungenen Operation, feierte die Familie mit einem riesigen Fest. „Niemand, aber auch wirklich niemand hat abgesagt. Obwohl es Heiligabend war“, erinnert sich Barbara Strohn lächelnd. „Zum ersten Mal haben wir abends nicht Weihnachten gefeiert, sondern Geburtstag.“

Lesen Sie jetzt