Treffpunkt ist der Edeka. Hier sehen sich die Ergster, stehen zusammen, quatschen. Das Geschäft ist der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens geworden, seit die Dorfkneipe abgerissen ist.

Ergste

, 23.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Einmal Ergste, immer Ergste. Dass er in Gelsenkirchen, dort aber wenigstens in einem Vorort namens Horst, geboren wurde, ist nur ein kleiner Ausrutscher in der Biografie von Elias Passavanti. „Ich bin Ergster Junge durch und durch“, bekennt der 25-Jährige, der schon im Kindergartenalter 1999 mit seinen Eltern in den südlichsten Ortsteil der Ruhrstadt gezogen ist, wo er auch in die Grundschule ging. „Ich möchte da nicht weg“, erklärt er klipp und klar. Das spürt er bereits jedesmal, wenn er nachmittags von der Arbeit nach Hause fährt. Dabei ist der Weg nur kurz, eigentlich bloß ein Katzensprung über die Villigster Ruhrbrücke. Denn beruflich ist Elias Passavanti der einzige Erzieher im katholischen Kindergarten Arche Noah an der Haselackstraße in Schwerte.

Liebeserklärung mit „Hallöchen aus Ergste“

Wenn er das sagt, bekommen manche Zuhörer auf der Stelle ungläubige Augen. Wie, nichts mit Film? Man kennt ihn doch eigentlich vor allem als ehrenamtlich-professionellen Organisator der regelmäßigen Kinoabende im Gemeindezentrum St. Monika. Oder sieht ihn selbst mit der Kamera durch sein Ober- und Unterdorf laufen, denen er mit seinem zweiteiligen Dokumentarfilm „Hallöchen aus Ergste“ eine großartige Liebeserklärung auf der Leinwand gemacht hat.

Zusammen mit einem weiteren Ergster, dem Operettenbühnen-Direktor Gunther Gerke, hatte er doch fast an jedem Feierabend irgendwo im Ort seine Szenen abgedreht. Entstanden war die Idee auf einer Busfahrt zu einem gemeinsamen Auftritt in Bayern: „Wir müssten mal einen Film über Ergste drehen - über das, was es dort alles gibt.“ Kurzes Nachdenken - dann reichte der Zettel kaum aus für die Liste der Kandidaten.

Die erste war Ute Schneider, die langjährige Wirtin der damals gerade geschlossenen Dorfkneipe Haus Schneider. Die Kamera konnte der inzwischen abgerissenen Institution ein Denkmal setzen. Sie wird immer noch vermisst, wie sich in unserer Umfrage widerspiegelt, wo die Teilnehmer der Gastronomie einen der niedrigsten Punktwerte gaben. Übrigens war die Beteiligung in Ergste mit 201 der insgesamt ausgefüllten 956 Fragebögen die höchste in der ganzen Stadt, was sicherlich viel aussagt über die Verbundenheit zum Ortsteil.

Das wurde positiv bewertet

Grünflächen: Die volle Punktzahl 10 bestätigt den Eindruck, den Elias Passavanti bei den Drohnenflügen seiner Kamera für den „Hallöchen-Film“ feststellte. Grün und nochmals Grün prägt den Ortsteil. „Die Ruhrwiesen, die Ergster Wälder, die Ergster Felder“, zählt er auf. Die Natur beginnt fast vor der Haustür.

Lebensqualität: In einem solchen Umfeld muss die Lebensqualität einfach hervorragend sein. Sie wurde dementsprechend mit 9 von 10 möglichen Punkten bewertet. „Das ist doch für junge Familien optimal, um mit den Kindern rauszugehen“, sagt Elias Passavanti. Es sei aber für jeden etwas dabei: „Wer Rad fahren will, laufen oder schwimmen im Elsebad. Wir haben ein Rundum-sorglos-Paket.“ Und dazu noch ein weiteres, nicht zu unterschätzendes, Pfund. Man kann im Grünen wohnen, aber ist über den eigenen Autobahnanschluss auch ruckzuck in Dortmund, Essen oder Köln.

Radfahren: Die vielfältigen Möglichkeiten für das Freizeithobby, das auch in die Lebensqualität hineinspielte, erhielten ebenfalls neun Punkte. „In den Ruhrwiesen kann man bis nach Geisecke fahren“, sagt Elias Passavanti. Wer es lieber anstrengender in den Bergen möge, finde eben seine Routen in Richtung Sauerland.

Nahversorgung: Sehr zufrieden sind die Ergster auch mit ihrer Nahversorgung, wie 9 Punkte beweisen. „Die ist top“, bringt es Elias Passavanti auf den Punkt. Vor allem schätzt er den Edeka Patzer: „Da trifft man jeden. Das ist so, als ob man beim Arzt im Wartezimmer sitzt und sofort mit jemandem quatscht.“ Zu erzählen gibt es eigentlich immer was im Ortsteil, der außerdem gleich vier Friseurläden hat, eine eigene Apotheke, zwei günstige Tankstellen und, und, und. Ein klitzekleiner Wunsch bleibt nur offen: „Ein Markt wie in Hennen würde Ergste noch gut tun.“ So eine Mitte, wo man sich trifft, die fehle noch.

Verkehrsanbindung: Nächste Ausfahrt: Ergste. Dafür gibt es 8 Punkte. Außer Schwerte-Mitte hat kein anderer Ortsteil eine eigene Autobahn-Anschlussstelle. Und die liegt an der Ruhrtalstraße auch noch etwas abseits der Wohngebiete, so dass der Verkehr weniger stört. „Manche sagen, man ist schneller in Dortmund als in Schwerte“, berichtet Elias Passavanti. Denn über die Autobahn braucht man nicht durch das Nadelöhr, die regelmäßig stauanfällige Ruhrbrücke in Villigst. Aber auch ohne Auto kann man den Ortsteil verlassen, wenn man es mal möchte: „Wir haben doch auch einen Bahnhof. Man kommt nach Ergste mit dem Zug.“ Mit einer solchen Szene beginnt schließlich auch der erste Teil von „Hallöchen“.

Das wurde negativ bewertet:

Verkehrsbelastung: Den sehr niedrigen Wert von 4 Punkten erhielt sonst nur noch Schwerte-Mitte. Die Autobahn, eigentlich ein Segen in Sachen Verkehrsanbindung, zeigt hier auch ihre Kehrseite. „Sobald die A45 zu ist, fahren alle in Ergste ab und über die Bundesstraße 236 zur Auffahrt Schwerte“, weiß Elias Passavanti: „Dann ist Feierabend im Dörfchen. Dann geht gar nichts mehr.“ Sogar die schmalen Seitenstraßen sind dann oft verstopft. Denn moderne Navis lotsen Autofahrer durch Schleichwege, in die sie sich allein kaum hineintrauen würden. Über Lärmbelastung durch die A45 kann Passavanti, der im Unterdorf lebt, allerdings nicht klagen: „Die höre ich persönlich überhaupt nicht.“

Gastronomie: Ihren Möglichkeiten, auswärts essen oder trinken zu gehen, geben die Ergster lediglich 4 Punkte. Dabei kann Elias Passavanti gleich eine ganze Reihe von Auswahl-Möglichkeiten dazu aufzählen: Haus Hiddemann, Haus Gerhold, die Schwarzwaldstuben, die Pizzeria „Amore“ und die neue Pizzeria in der Kirchstraße, den Nikolausgrill. Dass trotzdem über das Angebot geklagt wird, kann er sich nur so erklären: „Ich glaube, die trauern Haus Schneider nach. Das war so etwas wie die Ergster Mitte, wo man sich getroffen und ausgetauscht hat.“ Die Kneipe fehle eben in dem Ortsteil. Immerhin wird es aber bald ein neues Café geben, es solle am 1. April in den Räumen des früheren Schlecker-Marktes an der Letmather Straße eröffnet werden.

Ortsteilchronik

Als Ergste 1975 zu Schwerte kam

Ergste kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Erstmals erwähnt wurde das Dorf im Jahre 1096. Später war es lange Zeit Sitz des Amts Ergste, bis es 1975 bei der Kommunalen Neuordnung zu Schwerte eingemeindet wurde. Überregional bekannt wurde der Ortsteil durch das Stahlwerk, das heute unter dem Namen Zapp firmiert. Am Rand der Siedlung hat das Land NRW 1971 eine große Gefängnisanlange errichtet, in der auch Mörder einsitzen. Mit dem Elsebad besitzt Ergste das einzige Freibad von Schwerte. Es war 1992 von der Stadt stillgelegt worden, wurde aber 1998 nach dem ersten erfolgreichen Bürgerbegehren in NRW durch einen Verein gerettet und weiterbetrieben.
Ergste: Autobahn-Anschluss ist für den grünen Ortsteil Fluch und Segen zugleich

Im Jahre 1910 erhielt Ergste seinen Bahnhof mit der Eröffnung der Strecke Schwerte-Iserlohn. © Sammlung Friedrich-Wilhelm

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