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Kann Familie Ahlers aus Schwerte ihr Haus noch retten oder muss sie es abreißen, wie die Stadt es anordnete? Während noch verhandelt wird, hat das Ehepaar dem Nachbarn ein Angebot gemacht.

Schwerte

, 31.01.2019 / Lesedauer: 5 min

Es ist ein komplizierter Rechtsfall - und doch eigentlich ganz einfach: Markus und Anja Ahlers kauften 2012 ein Haus in Schwerte: einen Bungalow an der Unteren Meischede, den letzten in einer Reihe von vier aneinandergrenzenden. Benachbarte Häuser teilen sich immer einen Teil der Wände.

Ein Stockwerk war dem Ehepaar zu niedrig. Zwei Geschosse sollten es sein - unten für Ahlers und ihre Kinder selbst, darüber eine Mietwohnung, die später zu Wohnungen für die Kinder werden könnten.

Falsche Baugenehmigung, deshalb kompletter Abriss

Es gab eine Baugenehmigung; die Stadt Schwerte sagte Ja. Ein Nachbar aber klagte, was wiederum Ahlers nicht am Weiterbau störte. Man hatte ja eine Baugenehmigung und fühlte sich im Recht.

Zu Unrecht, wie das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen 2017 entschied: Ausbau falsch, Baugenehmigung falsch. Liebe Stadt Schwerte, regele das.

Die wiederum schaute auf den Antrag und stellte fest: Er bezog sich nicht nur auf das Obergeschoss, sondern auch auf Teile des Erdgeschosses. Und da nun alles kassiert sei, müsse eben alles weg. Das ganze Haus. Ahlers müssten abreißen, auf eigene Kosten.

Sind das nicht die Bilder, die Fernsehteams brauchen?

Die Familie ging an die Öffentlichkeit, der Fall schlug hohe Wellen. Was lässt sich in den Medien auch besser inszenieren? Sind das nicht die Bilder, die Fernsehteams brauchen?

Eine Familie mit kleinen Kindern, die den Traum vom Eigenheim begraben muss? Eine Stadt, die einen Fehler gemacht hat, für den - typisch - der Bürger haften muss? Ein mehr oder weniger anonymer Nachbar, der sich schnell als Neider oder Pedant abstempeln lässt?

Ganz gleich, ob es so ist oder nicht - Stadt und Nachbarn waren natürlich nicht begeistert vom medialen Druck, den die Familie absichtlich oder unabsichtlich erzeugt hat. Eine Hypothek für weitere Verhandlungen.

Verhandlung Nummer eins: neuer Antrag bei der Stadt

Denn die gibt es natürlich. Die Familie will ihr Haus retten und kämpft derzeit an zwei Fronten: Einerseits geht es um ein „Austauschmittel“, quasi um einen neuen Bauantrag, der dann rechtmäßig sein muss. Den die Stadt genehmigen kann. Gegen den Nachbar und Gerichte nichts mehr haben.

Man stimme sich derzeit ab, sagt Markus Ahlers - mit den Architekten bereits im Detail, mit der Stadt zunächst um die grobe Richtung. Man sei auf einem guten Weg. Vielleicht klappe es mit der Minimallösung: Abriss des Obergeschosses, dafür ein flacheres Schrägdach wie beim ersten Bungalow der Reihe. Ahlers blättert in einem der sechs dicken Ordner, die auf dem Küchentisch liegen: hier, da, ein Datum von vor kurzem, der offizielle Briefkopf der Stadt Schwerte.

Verhandlung Nummer zwei: Kaufangebot für den Nachbarn

Und hier, einen Trennstreifen weiter, der zweite Kampf, der zweite aktuelle Verhandlungsstrang: der Versuch, dem klagenden Nachbarn das Haus abzukaufen.

Ahlers zeigt nur kurz aufs Datum, zieht den Ordner wieder weg, damit nicht zu viele Einzelheiten sichtbar sind. Davor hatte die Gegenseite gewarnt in der zweiten Jahreshälfte 2018: Sollten Details an die Öffentlichkeit gelangen, breche man die Verhandlungen sofort wieder ab.

Jetzt ist eh 2019, „jetzt sind die Verhandlungen vorbei“, bilanziert Markus Ahlers und schüttelt den Kopf: Man habe dem Nachbarn ein faires Angebot gemacht, sogar einen Architekten als Gutachter durch das Haus geschickt. Der habe Mängel und somit zukünftige Kosten aufgelistet. Man habe die Preise vergleichbarer Häuser in der Siedlung zu Rate gezogen. Man wäre bereit gewesen, etliche Prozent draufzuschlagen.

Und der Mutter des Nachbarn hätte man ein lebenslanges Wohnrecht im Haus verbrieft. Die, wie Markus Ahlers hinzufügt, ja dann von einem Tag auf den anderen Mieterin wäre und sogar von ihren neuen Vermietern die Beseitigung von Mängeln am Haus hätte verlangen können.

Keine Einigung - Nachbar-Anwalt „verwundert“

Die Antwort des Nachbarn: ein Gegenangebot, gültig bis maximal Dezember 2018, nicht verhandelbar. Wohnrecht gerne, aber eine deutlich höhere Summe. Grob gesagt: ein Drittel mehr.

Stimmt das? Laut Ahlers‘ Unterlagen ja. Der Anwalt des Nachbarn teilt mit: „Insbesondere zum Inhalt der geführten Gespräche“ werde man sich nicht äußern.

Stattdessen sei man „verwundert“, so Marcel Graefen von der Dortmunder Kanzlei Budin, warum Ahlers sich denn immer noch nicht mit der Stadt Schwerte geeinigt hätten: „Ohne eine Zustimmung der Stadt machen weitere Gespräche zwischen den Parteien derzeit keinen Sinn.“ Was nütze es da, „monatelang eine Lösung bis ins kleinste Detail zu verhandeln, wenn im Anschluss die Stadt dies nicht billigt“.

Immerhin so viel: Die Verhandlungen seien „intensiv“ gewesen.

Dann erneut: Erst müssten sich Familie Ahlers und die Stadt einigen. Und Punkt: „Weitere Stellungnahmen werden vorerst nicht erfolgen.“

Laufendes Verfahren - Stadt Schwerte schweigt

Und die Stadt Schwerte? Schweigt, weil sie es müsse, heißt es aus dem Rathaus. Zu laufenden Verfahren dürfe man sich nicht äußern.

So will oder kann also nur eine Seite reden.

Kein Einzelfall

Der Bauherr haftet, die Behörde nicht

Wenn die Baugenehmigung doch nicht rechtmäßig war, ist das in Deutschland das Problem des Bauherrn, nicht der Behörde. Das dokumentiert unter anderem die Werner-Bonhoff-Stiftung in Berlin, benannt nach einem früh verstorbenen Unternehmer, der aus Castrop-Rauxel stammte. Sie kritisiert zu starke Bürokratie - auch in punkto Baurecht. Allein dort sind 20 Fälle aufgelistet, in denen falsche Genehmigungen schwerwiegende Folgen für die Betroffenen hatten. Oft geht es um Aufstockung bestehender Häuser oder eine bestehende Nutzung, die früher in Ordnung war, heute aber nicht mehr.

Ahlers entspannter: „Haben beide einen Nebenjob“

„Es kann mich natürlich immer noch aufregen, was in Deutschland im Baurecht möglich ist“, sagt Anja Ahlers. Dennoch ist ihr und ihrem Mann anzumerken: Etwas hat sich verändert seit der großen Aufregung im Sommer. Emotional, aber auch finanziell.

„Wir haben mittlerweile beide einen Nebenjob. Es hat sich auch beruflich etwas getan“, erklärt Markus Ahlers. Ohne Bank und familiäre Unterstützung könne man auch heute ein Angebot wie das für das Nachbarhaus nicht schultern.

Ahlers reden aber nicht mehr vom drohenden Ruin. Der Blick fällt auf den Kalender: ein Foto des Ehepaars mit Kindern in der Sonne. „Australien“, sagt Anja Ahlers - das sei schön gewesen. Endlich mal etwas anderes als diese Ordner voller Schreiben von Architekten, Rechtsanwälten, Ämtern und Gerichten.

Ahlers geraten ins Plaudern. Was anderswo baurechtlich versucht werde und in Schwerte leider nicht. Aber es geht nicht mehr nur um ihr Haus. Es geht um Kinder im Allgemeinen. Wie leicht oder schwer man es hierzulande hat. Wo Familien allgemein noch mehr Unterstützung nötig hätten. Wer für welche Fehler wie zur Rechenschaft gezogen werde und wer nicht. Mit welchen einfachen Mitteln man gesellschaftliche Probleme verkleinern könnte, wenn man logischer heranginge und nicht so emotional, wie es in Deutschland oft der Fall ist.

Dann die Verabschiedung. An der Eingangstür eines gerade gebauten Hauses, das vielleicht in einigen Monaten nicht mehr steht. Zumindest dann, wenn sich Nachbarn, Stadt und Gericht doch nicht mehr einigen.

Kann die Politik handeln?

Hilft ein neuer Bebauungsplan?

Wie dürfen die Häuser in einer Siedlung aussehen? Darf es dort Wohnflächen oder Gewerbeflächen oder beides geben? Das regeln die Flächennutzungs- und Bebauungspläne der Städte und Gemeinden. Familie Ahlers nennt als Beispiel gerne Karlsfeld, einen kleinen Ort zwischen München und Dachau. Dort wurden nach dem Krieg viele Häuser ohne Genehmigung wieder aufgebaut - Wohnhäuser wie Firmen- und Gewerbeflächen. Da aber genau das nicht mehr erlaubt ist, hätte man eigentlich fast alles wieder abreißen müssen. Um das zu verhindern, stimmten die Politiker des Ortes 2017 für einen neuen Nutzungsplan. Das legalisierte das Illegale nachträglich.
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