Corona – ein ganzes Land fährt runter, steht still. Ein Mann aus Schwerte aber läuft. 250 Kilometer an fünf Tagen. Für seinen Papa und dafür, dass Afrikaner sauberes Wasser bekommen.

Schwerte

, 19.03.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine seltsamere Woche hätte er sich nicht aussuchen können: Als er loslief, am Sonntag, war gerade die Bundesliga abgesagt. Veranstaltungen waren verboten, Schulen und Kitas dicht, Theater und Museen sowieso.

Alle sollten zu Hause bleiben, hieß es. Aber Marcel Martens (41) aus Schwerte hatte diese verrückte Idee, hatte alles schon lange geplant: knapp über 250 Kilometer laufen, vom Geburtshaus seines Vaters aus bis zum aktuellen Wohnort. Von Moorhausen, Nordseebad Dangast, Friesland, am unteren Ende des Jadebusens, bis in nach Schwerte-Westhofen.

Nicht einfach so. Nicht, um seinem Papa etwas zu beweisen. Nein: für Äthiopien, für frisches Wasser, für neue Brunnen, dafür, dass Menschen leben. Und für soziale, Schul- und Bildungsprojekte. Dafür also, dass die Menschen überhaupt eine Zukunft haben.

Im Sommer 2019 begleitete er Neven Subotic nach Äthiopien

Martens ist Botschafter der Neven-Subotic-Stiftung. Im Sommer 2019 gehörte er zu denen, die den Ex-BVB-Profi nach Äthiopien begleiten durften. In Dörfer, von wo aus die Menschen 25 Kilometer zu trüben Wasserlöchern laufen, jeden Tag. In ein Dorf, in dem gerade zum allerersten Mal sauberes Trinkwasser aus dem Boden schießt wie Erdöl. Und an Orte, an denen zum Wasser noch Häuser kommen. Schulen, in die die Kinder überhaupt erst gehen können, weil sie nicht mehr auf ihre kleinen Geschwister aufpassen müssen, weil Mama nicht jeden Tag 50 Kilometer zum Wasser und zurück laufen muss.

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Pünktlich zurück zum 80. Geburtstags des Papas

50 Kilometer pro Tag. Da wäre man dann zurück bei Marcel Martens im März 2020. Von Dangast nach Haselünne, von dort nach Riesenbeck, weiter nach Senden, schließlich nach Schwerte. Wo Papa wartete an seinem 80. Geburtstag, am Donnerstag, 19. März. Marcel Martens trudelte pünktlich ein – und auf einmal war das, in dieser verrückten Woche, fast etwas Illegales, hätten nicht alle mehr als zwei Meter Abstand eingehalten, vor allem Großeltern und Enkel.

Um Corona einzudämmen, hatte man in Schwerte mittlerweile selbst Familien-Zusammenkünfte zu Geburtstagen verboten. Auf einmal stellt man sich Fragen, die eine Woche zuvor nie aufgetaucht wären: Ist Martens auf dem Weg bei den Übernachtungen ein Tourist gewesen? War das alles eine zwingend notwendige Sache? Hat es nicht einfach nur andere gefährdet?

Mehr als 5000 Euro Spenden hatte er für das Projekt zusammenbekommen. Umgerechnet ist das ein halber Brunnen, also sauberes Wasser für 250 Menschen. Etwas, das dort vielleicht das Überleben bedeutet. Kann man Gefahr gegen Gefahr aufrechnen, Leben gegen Leben?

250 Kilometer lang ist der Spendenlauf gewesen, den Marcel Martens von Sonntag bis Donnerstag hinter sich brachte.

250 Kilometer lang ist der Spendenlauf gewesen, den Marcel Martens von Sonntag bis Donnerstag hinter sich brachte. © Björn Althoff

Extremläufe absolviert, aber noch nie einen Ultra-Run wie diesen

Alleine war er: im Wald, auf Landstraßen und entlang größerer Routen. Schritt für Schritt für Schritt für Schritt. Bis die Füße platt und platter wurden und das rechte Schienbein auf einmal dick, keine Ahnung warum.

Wie kam Martens auf die verrückte Idee? Er, der zwar extremen Sport liebt, der aber noch nie einen Ultra-Run absolvierte, also mehrere Marathon-Distanzen Tag für Tag für Tag? „Die Idee kam mir vor drei bis vier Monaten, als ich überlegt habe, was ich Neues als nunmehr ‚Botschafter‘ der Stiftung ins Leben rufen könnte“, sagt er am Telefon, als er gerade irgendwo in einer Pizzeria in Niedersachsen sitzt.

„Bei einer Veranstaltung Ende des Jahres, ist mir dann die Idee ‚rausgerutscht‘, für meinen Dad zum 80. irgendwas zu machen.“

Erst an den letzten beiden Tagen kam ein Fahrrad-Begleiter dazu

Aus den Gedankenspielen wurden „sture Ideen, Google Maps sprach von 5 mal 50 Kilometern – also ran!“ Name der Aktion, mit der Martens um neue Spenden bat: „Für Papa und die N2S“. Letzteres ist die Abkürzung für „Neven-Subotic-Stiftung“.

Die Grundroute stand, eigentlich hatte auch ein Kumpel zugesagt, den „Maazel“ als Radfahrer zu begleiten und ihm so wenigstens den Rucksack abzunehmen. Doch dann wurde der Kumpel krank, sagte ab. Und Martens war auf sich allein gestellt.

Vielleicht nicht das schlechteste zur Corona-Zeit, aber eben noch einmal härter. Immerhin an den letzten zwei von fünf Tagen hatte er schließlich doch noch einen Begleiter.

„Abends heiß duschen, morgens brauchbar frühstücken“ – das sei wichtig. Links und rechts brauchte Martens zudem griffbereit Wasser und Cola, festgezurrt an den Rucksackgurten.

Genau daran merkte der Extremsportler auch, wie sich das Land veränderte in diesen fünf Tagen. Am Tag vor dem Start, am Samstag im Nordseebad, sei alles noch „überraschend gut besucht“ gewesen, „auch die Lokale“. An den Tagen danach habe er sich aber schon gefühlt wie bei „I am Legend“, dem Hollywood-Film, bei dem Will Smith der einzige Überlebende in einer Stadt voller Zombies ist, sagt Martens und lacht: „Teils Stunden niemanden gesehen“, fasst er zusammen: „Leider auch niemanden, der mir hätte etwas Wasser verkaufen können.“

Endlich angekommen: Marcel Martens lässt sich von seinen Kindern Anni (6) und Toni (3) und seiner Frau Jana umarmen.

Endlich angekommen: Marcel Martens lässt sich von seinen Kindern Anni (6) und Toni (3) und seiner Frau Jana umarmen. © Björn Althoff

Martens biss und rannte und wusste, für wen er das tat. „Mein Spendenziel ist erreicht – ich hätte nie schon wieder mit so einer Resonanz gerechnet!“

Im Ziel, nach 266 Kilometern, wartete nicht nur Papa Hermann, das Geburtstagskind. Da waren auch Martens‘ Frau Jana, da waren Tochter Anni (6) und Sohn Toni (3), die ein großes Zielbanner hielten. Da waren andere Freunde und Verwandte und auch ein Pils zur Belohnung.

So war der Weg – Marcel Martens‘ Projekt von Tag 0 bis Tag 5

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